Die Fantastischen Vier "HipHop ist sehr beliebig geworden"

Für ihr "MTV Unplugged"-Album verpflichteten die Fantastischen Vier ein 18-köpfiges Orchester, um ihre Musik ohne Strom umzusetzen. Mit SPIEGEL ONLINE sprach Chefrapper Smudo über Alterungsprozesse und erwachsene Fans.

Von Holger In't Veld


Rapper Smudo: "Selbst auf der Schule war ich kürzer"

Rapper Smudo: "Selbst auf der Schule war ich kürzer"

SPIEGEL ONLINE:

Was würden Sie ohne MTV gerade machen?

Smudo: Thomas und Michi würden an ihren Soloalben arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben keine Pläne in diese Richtung?

Smudo: Nein. Ich bin ein Teamworker, ich brauch' Leute um mich herum.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie stattdessen?

Smudo: Alles mögliche. Fanta 4 bedeutet ja nicht nur, dass man im Studio sitzt und Musik macht. Da ist zum Beispiel unser Label: Demos hören, E-Mails checken, allein dafür gehen jeden Tag mindestens zwei Stunden drauf.

SPIEGEL ONLINE: Bringt die Popularität des deutschen HipHops auch viele interessante Angebote für Four Records?

Smudo: Nein. HipHop ist sehr beliebig geworden. Das hängst sicherlich damit zusammen, dass die Produktionsmittel - Spielzeugsequencer und so was - billig geworden sind und jeder mit seinem Computer schon recht schnell zu ansehnlichen Ergebnissen kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wohingegen Sie damals noch mit der Hand arbeiten mussten.

Smudo: Das hat schon sehr viel mit der technischen Evolution zu tun. Kraftwerk haben sich auch dadurch ausgezeichnet, dass sie die Technik, die man zehn Jahre später kaufen konnte, selbst bauen mussten. Ähnlich war das bei uns mit Rhythmusgeräten und Samplern.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt spielen Sie mit echten Instrumenten.

Smudo: Das haben wir bei den letzten Platten auch schon getan. Da gibt es bei uns ganz deutliche Retro-Ansätze, was auch logisch ist. Nach der ganzen Elektronik muss jetzt wieder Handwerk in den Pop einziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam das Orchester mit Ihrer Musik zurecht?

Smudo: Das Streicherensemble sieht überhaupt nicht so aus, wie ich mir das vorgestellt habe. Da sind zwar auch zwei klassische Geigenschülerinnen dabei, alle anderen sind aber voll MTV-kompatibel. Das sind zum Teil auch Fanta-Fans, die haben überhaupt keine Berührungsängste mit HipHop, sondern finden es im Gegenteil toll, ihr Können so anzuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Wächst das Publikum eigentlich mit Ihnen?

Smudo: Ja, das merkt man ganz deutlich. Zum Beispiel daran, dass in der "FAZ" in letzter Zeit nur positive Sachen über uns drinstanden. Das kann nur bedeuten, dass jemand, der irgendwann mal Fanta-Fan war, als Jungredakteur da reingewachsen ist. Es gibt viele Leute, die sagen: Wir hören euch schon soundso lange. Die Kids werden dann immer phasenweise reinrekrutiert, wenn wieder ein Top-10-Hit durchläuft. Klar gibt es auch Leute, die aussteigen, aber den Grund 'Ich bin jetzt älter geworden' habe ich eigentlich noch nie gehört.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem letzten Hit "MfG" heißt es 'Bevor wir fallen, fallen wir lieber auf'. Kann man daraus schlussfolgern, dass Sie aufhören werden, wenn Ihre Popularität nachzulassen beginnt?

Smudo: Hm... Nö. Obwohl... Nee. Wir hatten bisher noch nie das Gefühl, dass wir schlechter wurden. Das würde ich unter 'weniger erfolgreich' verstehen. Und irrelevant können wir gar nicht mehr sein. Was mir persönlich aber am meisten Gedanken bereitet, ist die Tatsache, wie lange ich das hier schon mache. Selbst auf der Schule war ich kürzer.

SPIEGEL ONLINE: Mit 'das hier' meinen Sie auch, vor einer Villa zu sitzen, in der gerade ein Orchester Ihre Musik spielt?

Smudo: Das ist doch nur ein wechselnder Hintergrund von dem, was die letzten 14 Jahre passiert ist, nämlich Musik machen und sie live umsetzen. Ob man in dieser Villa oder im Jugendhaus probt, ist völlig egal. Das Spießigste, was du machen kannst, ist 50 Jahre Rock'n'Roll.

Die Fantastischen Vier: "MTV Unplugged" (Four Music/Columbia) erscheint am 31. Oktober 2000



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