Abgehört - neue Musik Alles ist so neu und aufregend!

Auf dem neuen Album ihrer Band Die Heiterkeit findet Songwriterin Stella Sommer eine Komfortzone, in der man gerne Gast bleibt. Mit Videopremiere! Außerdem: Adult-Trap von Offset und Emanzipations-Noise von Angel-Ho.
Stella Sommer

Stella Sommer

Foto: Gloria de Oliveira

Die Heiterkeit - "Was passiert ist"
(Buback Tonträger, ab 1. März)

So viel, naja, Heiterkeit war noch nie auf einem Heiterkeit-Album: "Ich bin kaputt, doch noch zu kleben", singt Stella Sommer mit jovialem Aufschwung in der Stimme in "Wie finden wir uns" - und lässt dazu eine Orgel durch einen weiten Raum flirren. Hier ist immer noch kein Sturm und Drang zu spüren, wie er so oft und aufgesetzt im deutschen Pop verhandwerkert wird, aber das Monochrome, ernüchternd Bleierne, was bisher oft einen stumpfen Glanz über die Musik von Sommer mattierte, ist etwas Strahlendem gewichen, so scheint es zumindest. Nicht im Sommer, wie sonst, erscheint die oft kühlende neue Musik von Die Heiterkeit diesmal, sondern im Frühjahr, der Zeit des Öffnens: "Ich nehme meine Lieder, und ich trage sie ins Dorf", jubelt das lyrische Ich in "Wie finden wir uns" beinahe schon. An anderer Stelle, in "Dieses Mädchen", heißt es: "Dieses Mädchen ist unnahbar und steht jetzt neben dir/ Dieses Mädchen bin ich/ Mit einem anderen Gesicht".

Dabei hat sich an Sommers Texten, ihrer mit sonorer Stimme deklamierten Auslotung aller Facetten von Einsamkeit und Vereinzelung, im Grunde wenig geändert, die Figuren und Metaphern, die sie darin erzählen lässt, gehen nur weniger auf Distanz: Sommer-Lieder werden sich nie anbiedern, das macht ihren Reiz und ihre Einzigartigkeit im deutschen Pop aus, aber sie lassen mehr Nähe zu als früher. Die Dinge in Sommers Kunst sind "Im Fluss", wie auch die gleichnamige, fast schon liebliche Pianoballade auf "Was passiert ist" betitelt ist. Wer da im Songtext flieht, kann eine Person sein, aber auch die Depression, die Tristesse. "Man nennt es einsam", so benennt sie in "Das Wort" diese Dämonen - und verbannt sie klöternd und lärmend einfach mal in die Ecke. "Ich bin nicht entfernt/ Ich bin etwas, das man sieht", heißt es trotzig und bestimmt in "Die Linie im Sand".

Ganz oft wird hier aus der Ich-Perspektive kommentiert und postuliert. Das mag daran liegen, dass Die Heiterkeit, nach wechselnden Besetzungen über drei Alben hinweg, zum Ego-Shooter geworden ist: Sommer, die im vergangenen Jahr ein englischsprachiges, sehr schön sprödes Solo-Album herausbrachte, schrieb und arrangierte diesmal alles selbst und tauschte die Gitarre mit Klavier und Keyboards. Von der Band ist nur noch Schlagzeuger Philipp Wulf übrig, Produzent Moses Schneider (u.a. Tocotronic) spielte Bass - und Jérome Bugnon von Seeed die Posaune. Allein dieses Fanfaren- und Soul-Element, es kommt verblüffend schwungvoll schon im eröffnenden Titelstück, sorgt für eine Wärme und Seelenfülle, die neu und aufregend ist.

Bei den vorherigen, sehr unterschiedlichen drei Heiterkeit-Alben, sagte Sommer im Interview mit dem "Tagesspiegel",  sei sie nicht in der Position gewesen, "die Sachen so zu Ende zu bringen, wie ich sie hätte zu Ende bringen wollen. Man war ja eine Band und demokratisch organisiert, man wollte nicht der Diktator sein".

"Was passiert ist", ist, auf dem Weg vom schon sehr majestätischen Doppelalbum "Pop & Tod I + II", ist also auch die Annäherung der Songwriterin Stella Sommer an den Idealzustand ihrer Musik: Die immer souveräner, melodischer und Pop-verliebter wirkende Umarmung des eigenen Solipsismus bei gleichzeitiger Akzeptanz, dass auch die Nähe zum Anderen möglich ist: "Bleib bei mir", jubiliert Sommer zu launigen Handclaps im druckvollen "Ein alter Traum". Darin liegt etwas sehr Intimes, Bejahendes, wenn nicht Verspieltes, das jetzt deutlicher an die Oberfläche dieser hymnischen Lieder gekommen ist. "Es will nicht dazugehören, es will nur bei dir sein", beschreibt Sommer im entzückend schlagerhaften "Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert" ihre umdisponierte Dissidenz zum Leben. Man möchte mit ihr zusammen Juchzen und Frohlocken. (10.0) Andreas Borcholte

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier. 

Offset - "Father of 4"
(Quality Control/Universal, seit 22. Februar )

Okay, damit kann man doch arbeiten. Verträgliche 57 Minuten ist Offsets "Father Of 4" lang, verteilt auf 16 Songs. Das ist erstaunlich, weil er in seinem Hauptjob als Drittel der Trap-Zugpferde Migos aus Atlanta zuletzt Alben auf Spielfilmlänge herausbrachte. Wie übrigens so ziemlich alle anderen US-amerikanischen Rap-Stars, schließlich liefern 22 bis 26 neue Songs pro Jahr verlässlich Futter für die hungrigen Streamingdienste - und damit Bares per Standleitung.

"Father Of 4" folgt dieser Logik nicht. Aus einem einfachen Grund: Der 27-Jährige hat auf seinem Debüt als Solokünstler wirklich etwas zu sagen. Und das nicht nur, weil es zum Album eine erstaunlich zeigefreudige Dokumentation gibt, in der man seiner Frau Cardi B bei der Geburt der gemeinsamen Tochter Kulture zusehen kann. Nein, wirklich aufschlussreich ist die Musik: Inhaltsleere Kieferübungen fürchtet man ohne Grund, stattdessen liefert Offset so etwas wie eine Packungsbeilage zu den Risiken und Nebenwirkungen des Lebens eines jungen Schwarzen in Amerika - und damit auch zur Trap-Musik selbst.

Die könnte offener und bitterer kaum sein. Schon im Opener "Father Of 4" (feat. Big Rube) setzt Offset auf maximale Transparenz: "Had a baby as a kid, mama kicked me out/ Had to go and hit a lick, tryna put food in your mouth/ Then I got caught for the shit, in the pen when she pushed you out", rappt er da über seine formativen Jahre als Teenager. Es ist der scheinbar unausweichliche Kreislauf in den marginalisierten Communities: Armut und fehlende positive Vorbilder führen zu falschen Entscheidungen, strukturelle Benachteiligung zu Kriminalität, das kaputte amerikanische Justizsystem wiederum zu Armut und fehlenden Vorbildern.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Noch deutlicher wird es im starken "How Did I Get Here" (feat. J. Cole): "I'm supposed to be locked up and dead, cold/ In the mind of an old (He cold) white man". Moment, ist das noch derselbe Offset, der mit seinen Migos mal einen Hit über ein T-Shirt geschrieben hat? Ist er tatsächlich, denn die Musik zur neuen Direktheit klingt weiterhin so seidig und weltabgewandt wie sich eine Tasse Codein im Bademantel zur Mittagszeit anfühlen muss. Und auch seine Stimme ist wie gewohnt mit dem beliebten Trap-Weichspüler namens Autotune behandelt.

Trotzdem hat sich zwischen Migos letztem Album "Culture 2" und "Father Of 4" einiges verändert. In vielerlei Hinsicht erinnert der Bruch an jenen Moment Ende der Siebziger als Punk den Löffel abgab. Johnny Lydon von den Sex Pistols gründete Public Image Limited, später machte Paul Weller aus The Jam sein Style Council. Beide klangen in der Folge ruhiger, überlegter, kunstbeflissener.

Trap, die Rebellion der vergessenen Kids von heute, scheint an einem ähnlichen Scheideweg. Wo das hinführt? Völlig offen. Nach "Father Of 4" kann man aber festhalten: Trap wird erwachsen. (8.0) Dennis Pohl

Angel-Ho - "Death Becomes Her"
(Hyperdub/Cargo, ab 1. März)

Was einem aus der Neunzigerjahre-Komödie "Death Becomes Her" (deutsch: "Der Tod steht ihr gut") am ehesten geblieben ist, mag wohl das tricktechnisch zu jener Zeit beeindruckende, kreisrunde Loch in der Körpermitte von Goldie Hawn sein, durch das man glaubte, durchgucken zu können. Die Trans-Künstlerin, DJ und Musikerin Angel-Ho aus Südafrika meint den Titel ihres Debüt-Albums auf dem renommierten Hyperdub-Label sicher nicht komödiantisch, andererseits fehlt es nicht an Humor in den 14, teils gerappten, teils gesungenen oder geschrienen, teils instrumentalen Tracks. "Good Friday Daddy" zum Beispiel, mit dem ebenfalls queeren, ebenfalls aus Kapstadt stammenden MC Qweezy als Gast, ist eine köstliche Lärm- und Geräusche-Orgie, über die die beiden hysterisch "It's Friday" kreischen und quieken - darin kann sich Kritik oder Persiflage auf den (männlich definierten) Messias-Kult genauso gut verbergen (Good Friday = Karfreitag) wie eine Hommage ans Wochenende, wenn endlich wieder geshoppt und getanzt werden darf.

Denn was Angel-Ho aus experimentellem Noise, Hip-Hop und Tribal Beats fusioniert, ist im Herzen Clubmusik, ein klirrender, zersplitternder Vogueing-Sound, der, sagt die Künstlerin, an Missy Elliott, Grace Jones und Björk geschult ist, im kaleidoskopischen "Live" aber auch Duran Duran und die Bee Gees zitiert. Neo-Pop nennt Angel-Ho ihre Musik; ihr Album soll eine Feier der Emanzipation und Trans-Identität sein. Es geht darum, ihre alte Identität zu töten und auf poetische Weise zu einer neuen zu finden. Dieser Transitionsprozess enthält jede Menge hektisches, spannungsreiches "Drama", wie im gleichnamigen Instrumental-Track und schäkert mit Sex-talk und tradierten Ideen von Männlichkeit versus Weiblichkeit, zum Beispiel im Breakbeat-Flirt "Like A Girl" (mit der asiatisch-amerikanischen Rapperin K Rizz) oder im buchstäblich verspulten "Muse To You".

In "Business" oder auch "Pose", vom britischen Neo-Dancehall-Rapper Gaika geisterhaft produziert, wird es etwas bedrohlicher, angespannter - und lässt ein wenig in die Risiken blicken, die sich Trans-Personen in Südafrika ausgesetzt sehen, wo offen gelebte Queerness vor allem außerhalb der großen Städte immer noch auf Gewalt und Ablehnung stößt. Umso mutiger und selbstbewusster drücken sich Künstler wie FAKA oder Dope Saint Jude mit ihrer elektronischen Musik und ästhetisch-modischen Inszenierung aus.

Mit "Death Becomes Her" klinkt sich Angel-Ho nicht nur in eine globale Konversation mit queeren Künstlern wie Lotic, Arca, Sophie oder Yves Tumor ein, die sich in den vergangenen Jahren ähnlich künstlerisch-expressiv mit ihrer Gender-Identität auseinandergesetzt haben, sie positioniert auch ziemlich weit vorne in dieser Riege flamboyanter, sehr furchtloser und aufregender Acts. (8.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)