Kelly Family live Vom Familienunternehmen zur Holding

Die Kelly Family ist wieder unterwegs, zumindest in weiten Teilen. Sie führt das 25 Jahre alte Erfolgsalbum "Over the Hump" auf - und ist erfreulicherweise deutlich weniger heil und heilig als früher.

Die Kelly Family auf der Bühne (hier bei der TV-Show "Schlagerchampions - Das große Fest der Besten")
Getty Images/ Isa Foltin

Die Kelly Family auf der Bühne (hier bei der TV-Show "Schlagerchampions - Das große Fest der Besten")

Aus Braunschweig berichtet


Am lustigsten wird es, als Joey anfängt zu jaulen. Im schwarzen Glitter-Glamanzug mit verheerenden Schlaghosen und Plateau-Botten steht der unverwüstliche Extrembeißer, der durch sämtliche Raabquatschwettbewerbe dauerdurchnudelte Kellybruder auf der Bühne der Braunschweiger Volkswagenhalle und stimmt wüstes Wolfsgeheul an, es ist durchaus spektakulär.

Zum 25-Jahre-Jubiläum ihres kommerziellen Durchbruchalbums "Over the Hump", das 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, ist ein Gutteil der musizierenden Familie derzeit auf ausgedehnter Tournee, um diese Platte noch einmal in Gänze aufzuführen. Nur Patricia erinnert in ihrem Schäferinnenidyll-Kleid mit Gürtel-Gebamsel äußerlich noch an die Entstehungszeit dieser Musik - und Bruder Paul, der zur Haupthysteriezeit in den Neunzigerjahren allerdings gar nicht dabei war und erst 2005 wieder zur Familie stieß: Mit Rauschebart und Schottenrock ähnelt er frappant dem verstorbenen Sippenoberhaupt Dan, man kann es ein bisschen gruselig finden.

Ohne größere Zwischenansprachen oder Einschübe fiedeln die Kellys ihr Erfolgsalbum nun Lied für Lied so weg, und beim Wiederhören von "Over the Hump" merkt man jetzt tatsächlich erst so richtig, was all die Jahre über der wohlfeilen Ulkerei über die emo-amischen Gewandungen und die exaltierte Mähnigkeit der Kelly Family ein bisschen untergegangen war: Wie herrlich plemplem die dazugehörige Musik eigentlich ist, welch toller, ungebremster Wahnsinn darin steckt.

Der Prospekt listet die Einzelunternehmen auf

Es gibt Lieder, in denen Müllkippen besichtigt werden und in der nächsten Zeile mittelalterliche Ritter vorkommen, Texte über Babys, die im Kühlschrank sitzen und mit Butter und Eiern mantschen, schmachtende Liebeslieder, die in einem schlimmen Drama gipfeln: "I wanted to buy you some flowers /went downtown - the shops were closed". Verdammtes Ladenöffnungsgesetz!

Dann das schon erwähnte Wolfslied, bei dem ein Werwesen draußen vor der Türe lauert, das einen fressen will, in höchster Not wird der Schutzengel angerufen, um den großen, bösen Wolf dann gemeinsam - hier schlenkert das Ganze überraschend in eine kinky Stimmung - zu vermöbeln: "We're gonna whack him/Smack him/spank him, yeah!"

Die Kelly Family bei "Willkommen bei Carmen Nebel"
Isa Foltin/ Getty Images

Die Kelly Family bei "Willkommen bei Carmen Nebel"

Womöglich kann man sich beim Wiederhören all dieser Lieder nach 25 Jahren nun viel besser auf solche Details konzentrieren, weil der überlebensgroße Mythos der heilen, heiligen Familie nicht mehr im Weg steht. Schließlich stehen hier nach längerer Pause nicht alle Kellys wiedervereint auf der Bühne, Maite und Michael Patrick fehlen, die lieber allein auf Tour gehen, Barby ist schon lange aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden. Die Kellys sind heute weniger ein Familienbetrieb, eher eine Holding mit mehreren Einzelunternehmen, die alle im Prospekt aufgelistet sind, der in der Halle auf den Sitzen liegt:

  • Jimmy geht im Frühjahr mit dem Thema "In Rückschlägen die Chance erkennen" auf Vortragstour,
  • Angelo macht mit seiner eigenen Familie gerade noch nebenbei eine Konzertreise unter dem Motto "Irish Christmas",
  • John hat zusammen mit seiner Frau Maite Itoiz die Symphonic-Rock-Band Elfenthal,
  • Joey erzählt bei einer Vortragsreise vom "Abenteuer Leben", einem Roadtrip im Bulli, ganz ohne Geld,
  • Patrica und Kathy haben eigene Soloalben aufgenommen.

Klingendes Äquivalent eines überdiversen Lieferdienstes

So wild diese Mischung ist, so wenig homogen ist die Familie auch bei ihren Konzerten. Man muss sehr stimmungselastisch sein, um da immer mitzukommen. Als Jimmy das trauerbluesige "Cover the road" singt, dreht er sich dabei weg von den Fans und hin zur Bühnenleinwand, auf der Fotos verstorbener Menschen vorbeiziehen, dafür eigens von Fans eingeschickt - das könnte unerträglich verkitscht sein, ist aber in seiner schlichten Reduziertheit tatsächlich sehr rührend, doch danach umschallert einen direkt das spanische Fiesta-Lied "Ares qui", von Kathy mit Viel-hilft-viel-Druckjodelei performt. Natürlich fehlt auch "An Angel" nicht, bei dem sich alle Kellys den Gesang teilen.

Wenn es einen roten Faden in all dem gibt, dann diesen: "Over the Hump" beschreibt ein ausgedachtes, simples Leben, in dem alles so viel einfacher ist, wo Menschen zwar auch sterben, aber ziemlich sicher im Himmel landen, wo Rosen rot sind und das Beten noch hilft, eine Drüber-über-den-Hügel-möcht-ich-sein-Fantasie.

Im zweiten Teil fehlt dann die Album-Klammer, Klassiker werden mit Material vom neuen Album gemischt, es geht also wild weiter, das klingende Äquivalent eines dieser überdiversen Essenslieferdienste, die Pizza, Schnitzel, Indisches und Kalbshaxe gleichzeitig anbieten. Kathy operettiert "Baila Mi Corazon", Joey rockschluchzt "Never Gonna Break Me Down", Paul mümmelt die irische Weise "Star of the Country Down", John barmt beim chansonnigen "El Camino" mit geballter Faust gen Himmel, Angelo bölkert als Schwenkhaarmonster ein Schlagzeugsolo raus, Patricia und Jimmy verquirlen mit "Sweet Freedom" Pilcher-Soundtrack und ESC-Powerballade - und wenn man denkt, man kann rein körperlich nicht noch einen Stilwechsel aushalten, singen alle zusammen hochfidel "Go Down Moses (Let My People Go)".

Irgendwie wirkt diese schnurzdramaturgische, krude Mischung allerdings auch wie eine Befreiung, wie ein Rahmen, in dem einfach jeder sein Ding macht. Im letzten Lied singen die Kellys "We had a dream, we had a dream / one big family/ where people sing, where people dance / living in harmony". Dass sie dafür die Vergangenheitsform wählen, zerknackst die Idylle - und lässt das wirkliche Leben rein.

insgesamt 8 Beiträge
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lollopa1 28.11.2019
1. wenn ich die früher schon sah fiel mir immer ein ein.....
das dreckige Dutzend :-)
Avagin von Varanasi 28.11.2019
2. Erstaunlich mau
Die Holding scheint gute Anwälte zu haben, weswegen die Content-Lieferantin ihren Signature-Brei erstaunlich mau serviert.
ForumBesucher 28.11.2019
3. Über die
bin ich zuletzt im TV beim Durchzappen gelandet. Erstaunlich ist es schon, dass dieses Modell funktioniert. Sie sind keine direkt schlechten Musiker, bewegen sich aber auch in einem tonalen Bereich, der niemanden sonderlich fordert (normal Begabte müssten eigentlich nach 2 Wochen dort einsteigen können). Die Songs? Upps. Abgekupfert, zumindest was die Strukturen der Songs betrifft. Alles ist inzwischen professionell auf die Psyche der Fans abgestimmt (warum nicht)? Ob Masche oder nicht, das kommt an. Wenn das so weitergeht, hieven die glatt noch die nächste Generation (mit Hilfe von RTL) in den Popstar-Himmel. Mal sehen, wie lange die recycelte Familientruppe sich wirklich halten wird.
unky 28.11.2019
4. Das sind zuerst einmal sympathische Menschen
Aufgrund ihres vom verstorbenen Vater vorgegebenen Lebens haben die Kinder nichts anderes gelernt als zu musizieren - und ihre Kindheit war wirklich nicht leicht. Um so mehr verdienen sie Respekt dafür, wie sie sich und ihre Familien durchs Leben kämpfen. Ich mag sie alle gern sehen und hören. Und wünsche ihnen allen Erfolg dieser Welt.
mirage122 28.11.2019
5. Zerknackte Idylle
Sie mag sie nicht, mochte sie noch nie, die Frau Rützel. Das Schmuddel-Image der Kelly-Hoch-Zeit will sie in die Jetzt-Zeit hinüber retten. Das ist verständlich, ich gehöre auch nicht mehr dieser Generation an, habe mich Kopf-schüttelnd gewundert, wie dieses Phänomen entstehen konnte und sich solange gehalten hat. Es ist eben die "family", kein fremder Einfluss, keine aufwendige Vermarkter-Truppe am Start, sondern der Zusammenhalt von unterschiedlichen Charakteren, die alle besondere Talente haben und die einzusetzen wissen. Ich denke, die Eltern wären heute stolz. Und die Leute wie Frau Rützel und ich dürfen Beifall spenden - oder es ganz einfach sein lassen!
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