Die Killerpilze übers Erwachsenwerden "Ich habe zu meinen Eltern gesagt, dass ich mehr verdiene als beide zusammen"

Sie waren mal Teeniestars, jetzt sind sie auf ihrer vorerst letzten Tour. Die Killerpilze sprechen über ihre Musikkarriere - und darüber, wie man damit umgeht, wenn man nicht mehr auf der Straße erkannt wird.

Diana Muehlberger

Ein Interview von Stefanie Witterauf


Zu den Personen
  • Paul Ambrusch
    Fabian Halbig, Jahrgang 1992, war bei der Bandgründung der Killerpilze erst zehn Jahre alt, zunächst sollte er nur vorübergehend als Drummer eingesetzt werden. Später studierte er an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Heute arbeitet er als Filmproduzent. Sein großer Bruder Johannes Halbig, Jahrgang 1989, ist Frontsänger der Killerpilze. 2013 gründete er seine eigene Agentur für Promotion, Events und Kommunikation. Er veranstaltet unter anderem eine Partyreihe in München und gibt Coachings für Nachwuchskünstler.

SPIEGEL: "Nichts ist für immer" heißt Ihr neues Album. Mit dem sind Sie gerade auf Ihrer vorerst letzten Tour. Ende des Jahres wollen Sie eine Pause machen. Warum gerade jetzt?

F. Halbig: Wir lieben es, zusammen auf der Bühne zu stehen, wir sind eine gut geölte Maschine, die seit Anfang an ununterbrochen rollt. Gerade nach dem Kinofilm vor zwei Jahren, in dem wir unsere komplette Bandgeschichte erzählen, haben wir vielleicht gemerkt, dass wir den ersten Teil unserer Geschichte auserzählt haben. Irgendwann feierst du auch nicht mehr jeden Song, wenn du ihn live spielst, und brauchst einen neuen Kick. Und das ist vielleicht der Moment, wo so eine Pause kommen muss.

SPIEGEL: Die Band gibt es mittlerweile seit 17 Jahren, damals starteten Sie als Pop-Punk-Band. Warum machen Sie nicht einfach Schluss?

J. Halbig: Weil es gelogen wäre. Es ist kein Ende, sondern ein Abschied in unsere erste wirkliche Bandpause. Mit einem neuen Album, aber ohne Ritt auf der Nostalgiewelle. Wenn wir uns verabschieden wollen würden, dann hätten wir das gemacht.

SPIEGEL: Sie wollen sich aber nicht danach komplett neu erfinden? Ihren Bandnamen behalten Sie zum Beispiel?

J. Halbig: Das ist eine Frage, die seit zehn Jahren kommt, und heute sitzen wir hier als die Killerpilze.

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Die Killerpilze: Früher Teenie-Stars - und heute?

F. Halbig Itchy Poopzkid heißen jetzt Itchy. Wie Oliver Kahn es ausdrücken würde: "Sag niemals nie".

J. Halbig: Ich schließe es aus. Wir sind die Killerpilze. Wir sind auch durch das Festhalten an diesem bescheuerten Bandnamen irgendwie zu einem Kult-Ding geworden.

F. Halbig: Und mittlerweile ist der Name ja auch positiv besetzt.

SPIEGEL: War das früher anders, weil Sie immer auch ein Stück weit ein Teenie-Phänomen waren, "Bravo"-Poster und Homestorys inklusive?

F. Halbig: Früher war es doch so: "Bravo"-Leserinnen hörten uns, ihre Freunde hassten uns, einfach aus Prinzip. Es gab Zeiten, da haben wir auf Festivals gespielt und Leute haben sich Poster für fünf Euro gekauft und sie vor uns angezündet. Da konnten wir nur sagen: Vielen Dank für die fünf Euro. Das ist 13 Jahre her. Jetzt hören wir von vielen Leuten, dass wir ihr erstes Konzert waren, dass sie mit uns Gitarre spielen gelernt haben und wir ihre komplette Jugend geprägt haben. Wir haben uns unser Publikum über all die Jahre erspielt.

SPIEGEL: Ist jemand von Ihnen mit Lena Gercke zusammen?

J. Halbig: Nee.

F. Halbig: Hätte ich jetzt auch nichts dagegen. Wieso fragen Sie das?

SPIEGEL: Tokio Hotel hat Sie in Ihrer Karriere immer begleitet. Der Hype um beide Bands fiel etwa in die gleiche Zeit. Sie sind auch Brüder. Eine Beziehung mit Lena Gercke könnte das Äquivalent zu Heidi Klums Ehe mit Tom Kaulitz sein.

F. Halbig: Wenn eine Frau an meiner Tür klopfen darf, dann ist es Lena Gercke. Ich würde mich mit ihr dann aber natürlich nur darüber unterhalten, wie sie ihr Business aufgestellt hat.

SPIEGEL: Zurück zu früher: Die "Bild"-Zeitung hat 2006 geschrieben: "Wie gefährlich sind die Killerpilze für Tokio Hotel?" Wollten Sie so explizit als Kontrahenten verstanden werden?

J. Halbig: Es war damals eine andere Zeit. Wir wurden als Gegenstück zu Tokio Hotel in den Medien platziert. Wir haben es angenommen. Wir kommen aus der Punk-Ecke und haben das gewissermaßen bedient.

F. Halbig: Es ist nicht so, als ob wir uns täglich mit Tokio Hotel auseinandersetzen würden. Aber wir haben uns auch hier und da mal getroffen, vor allem nach dem Hype: Dass man sich auf einem Festival gesehen hat, obwohl es sehr schnell erkennbar war, dass sich beide Bands in zwei total unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Wir haben ja auch auf Wald-und-Wiesen-Festivals gespielt, die Jungs von Tokio Hotel sind nach Los Angeles gegangen. Ich glaube, wenn wir uns jetzt mal bei einer Flasche Wein treffen würden, hätten wir uns viel zu erzählen. Das wäre bestimmt auch komisch, weil wir uns ja gar nicht richtig kennen. Aber wir haben eine gemeinsame Geschichte.

Preisabfragezeitpunkt:
05.11.2019, 16:32 Uhr
Ohne Gewähr

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J. Halbig: Musikalisch fühl ich Tokio Hotel Null. Für mich steht bei ihnen das Starsein deutlich im Vordergrund.

SPIEGEL: Tokio Hotel hatten damals mehr Erfolg als Sie. Heute sind Bill und Tom Kaulitz noch immer in der Öffentlichkeit präsent, saßen in der Jury von "Deutschland sucht den Superstar". Bill Kaulitz macht jetzt aktuell bei der Heidi-Klum-Castingshow "Queen of Drags" mit.

J. Halbig: Ja, eben. Das ist dieser Star-Weg. Ich hätte mich nicht in die Jury von "DSDS" reingesetzt.

SPIEGEL: Sie wurden auch nicht gefragt.

J. Halbig: Nein, aber ich würde in diese spezielle Sendung auch nicht gehen. Unser Weg ist ein anderer. Für mich ist wichtig, dass uns Die Ärzte feiern. Dass wir bei "Rock am Ring" spielen konnten. Das waren so Sachen, die mir wichtig waren. Das Star-Ding hat uns am Anfang sogar überfordert.

F. Halbig: Klar waren die Annehmlichkeiten, die wir uns erarbeitet haben, auch geil. Ab und zu Luxus genießen wir auch.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit Luxus?

J. Halbig: Ich könnte heute für das, was ich vom Leben möchte, wahrscheinlich alles machen, was ich will in meinem Leben, finanziell gesehen. Also: Ich kann mir keine Vier-Millionen-Villa kaufen. Aber ich war auch noch nie von jemandem abhängig. Das ist für uns Luxus. Ich arbeite heute selbst mit den Leuten aus der Industrie so zusammen, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Vor zehn Jahren bin ich aus einer Kleinstadt nach München gekommen und habe mir gedacht, das wäre cool, wenn ich hier richtig Fuß fassen könnte. Und heute hat man sich hier ein Business aufgebaut, man kennt sich, steht auf der Gästeliste, wenn man einen Anruf macht.

SPIEGEL: Hat sich das mit dem Erkanntwerden verändert? Sie sehen ja jetzt anders aus als vor 17 Jahren, auf dem Höhepunkt Ihres Erfolgs.

F. Halbig: Wir sind auch nicht mehr so süß. Wir waren gerade erst auf dem 50. Geburtstag unseres ehemaligen Bodyguards, den wir damals tatsächlich dringend brauchten. Das hat sich verändert. Ich erinnere mich, als ich zwei Jahre nach dem Hype 2009 nach München zum Einkaufen gefahren und nicht mehr direkt erkannt worden bin. Oder im Kino.

SPIEGEL: Tut das weh?

F. Halbig: Na klar - weil man es erstmal in Relation zum eigenen Erfolg setzt. Aber mit ein bisschen Abstand bin ich ehrlich gesagt wahnsinnig froh, wie es jetzt ist. Man wird erkannt, aber die Mädels campen auch nicht mehr vor der Haustüre.

SPIEGEL: Ihr Vorbild sind Die Ärzte und die Toten Hosen. Bands mit politischer Message. Ist Ihnen das in Ihren eigenen Songtexten wichtig?

J. Halbig: Mit der neuen Platte ist unsere Musik wieder politischer geworden. Das waren wir am Anfang unserer Karriere. Wir kommen aus der Punkszene, da war es schon früh wichtig, dass man für seine Werte einsteht, dass jeder Mensch gleich ist, jeder auf das Konzert kommen kann. Dann ist es vielleicht eine Zeit lang in den Hintergrund gerückt, aber seit 2006 sind wir bei "Kein Bock auf Nazis" dabei und haben in Äthiopien mit "Menschen für Menschen" Schulen aufgebaut. Doch die aktuellen politischen Entwicklungen haben uns beim Songwriting beschäftigt. Es war uns wichtig, dass wir wieder eine klare politische Haltung zeigen müssen.

SPIEGEL: Viele Künstler, die in ihrer Kindheit und Teenagerzeit großen Erfolg haben, stürzen ab. Das ist bei Ihnen nicht passiert: Sie, Johannes Halbig, haben eine Promotion-Agentur und geben Coachings. Sie, Fabian Halbig, machen Filme und haben gerade den VGF-Nachwuchsproduzentenpreis bekommen.

J. Halbig: Ich sag mal so, natürlich haben wir auch nichts anbrennen lassen. Aber für so richtige Abstürze mit Drogen und allem sind wir auch viel zu fokussiert. Ich glaube, weil wir Brüder zum einen immer uns hatten und dann auch unsere Mutter. Wir haben immer viel darüber geredet, wie es uns seelisch geht.

SPIEGEL: War Ihre Mutter streng mit Ihnen?

F. Halbig: Wir hatten große Freiheit, aber es war ganz klar, dass wir die Schule durchziehen müssen. Aber ich erinnere mich schon noch, als Jo die Schule nach der zehnten Klasse abbrechen wollte, weil er gesagt hat, das braucht er jetzt nicht mehr.

J. Halbig: Ich habe zu meinen Eltern gesagt, dass ich mehr verdiene als beide zusammen.

F. Halbig: Unsere Mutter hat gesagt, kannst du gern machen, aber dann gibt es auch keine Band mehr. Das war dann recht schnell vom Tisch.

J. Halbig: Was soll ich sagen? Ich war ja noch nicht mal 18.


Die Killerpilze sind aktuell auf Tour, unter anderem spielen sie am 15.11. in Frankfurt und am 16.11. in Würzburg. Alle Tourdaten finden sich auf der Homepage der Band.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
schlüsselkind 09.11.2019
1. Tolle, reife Statements
Kenne noch nicht einmal einen einzigen Killerpilz-Song, habe das Interview hier aber mit großem Interesse gelesen. Noch reifer und abgeklärter kann man sich kaum von der diametral anders gepolten Klum/Kaulitz/DsdS-Szene abgrenzen und gleichzeitig auch über die Tücken des Erfolges (Verlust der Privatsphäre vs. irgendwann plötzlich aber auch wieder nicht mehr erkannt werden usw.) reflektieren. Tolle Künstlerstatements.
durchsichtig 09.11.2019
2. Gibts die
auf Spotify? Hab den Bandnamen mal gehört. Nicht meine Generation. Jedenfalls haben die Burschen die Kurve gekriegt. Klingen sehr vernünftig. Alles Gute für die Zukunft.
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