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Tourstart der Stuttgarter: Die haben vielleicht Nerven

Foto: WDR/ Thomas von der Heiden

Die Nerven live Bestimmt keine deutsche Durchschnittsrockband

Die Nerven betonen in Interviews gern, dass sie keine Punkband sind, aber ihre Attitüde Punk sei. Bei ihrem Tourauftakt in Bonn zeigte die Band, dass sich diese Einstellung und eine inszenierte Bühnenperformance nicht ausschließen müssen.
Von Sebastian Witte

Als 2014 "Fun" erschien, das zweite und hoch gelobte Album des Trios aus Stuttgart, wurde es als "eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts" gefeiert. Julian Knoth, Max Rieger und Kevin Kuhn spielten raue und kantige Rocksongs die "Angst", "Albtraum" oder "Rückfall" hießen. Vom titelgebenden Spaß also keine Spur. Kürzlich kam dann das dritte Album "Out" und die Presse war erneut voll des Lobes. Von wegen "Out" - diese Band ist also offensichtlich in.

Das wussten aber in der Bonner "Harmonie", wo am Donnerstagabend die Tour zum neuen Album begann, nicht viele. Das Publikum, etwa 200 Leute, war im Schnitt deutlich über 40 und mochte vor allem die Vorband Sun and the Wolf. Die spielte konventionellen Rock der Sechzigerjahre, arbeitete hart, solierte auf den Gitarren und lieferte eben ab. Ob sich Die Nerven diese Vorband selbst ausgesucht haben, um mit den ganzen Klischees einer Rockshow später zu brechen? Ein verlockender Gedanke!

Die Nerven betraten wortlos die Bühne und spielten eine Stunde lang ihre verstümmelten Songs. Punkiges Geschrammel, jazzige Passagen und minutenlange Jams wechselten sich, manchmal innerhalb eines Liedes, ab. Das Zusammenspiel der drei war exakt, ohne in angeberisches Können abzugleiten. Stille und Lärm schienen vorher aber genau vermessen worden zu sein. Die Mimik und die wenigen Ansagen wirkten beinahe choreografiert. Die drei Musiker schauten entweder entrückt oder gelangweilt ins Publikum, fast so, als wollten sie den Zuschauern eine Frage stellen, die diese nun beantworten mussten.

Ein netter Feierabend mit Livemusik und Bier sieht anders aus

Rieger, der hochgewachsene Sänger und Gitarrist des Trios, stellte in ironischem Ton seine beiden Bandkollegen vor, so wie es ja viele professionelle Rockmusiker tun. Für einen Moment stimmte er dann den Klassiker "Shine On You Crazy Diamond" von Pink Floyd an und wechselte dann kommentarlos zum Die-Nerven-Song "Barfuss durch die Scherben". Drummer Kevin Kuhn schwang in dieser Pause betont männlich seine Hüften zu Riegers dissonanten Gitarrenakkorden.

"Wieso singen, wenn ich schweigen kann", brüllte Rieger später und mitten im Gepolter überraschte dann plötzlich ein Moment der Stille. Der Club schwieg. Rieger stierte. Als im Publikum doch jemand mit dem Nachbarn quatschte, herrschte ihn der Schlacks von der Bühne aus an und gab zu verstehen, dass man sich vor der Tür gleich wiedersehen würde.

Gut möglich, dass auch dieser Moment samt Drohung vorher geplant war. Das schmälerte aber das Unbehagen, das dieses Auftreten im Publikum hervorrief, nicht. Ein netter Feierabend mit Livemusik und Bier sieht anders aus. Die Nerven wollen auf der Bühne provozieren und anstrengend sein.

Dieser Gestus ist natürlich zu begrüßen, denn er hebt sich ab von der Kumpelhaftigkeit, mit der viele deutsche Durchschnittsrockbands normalerweise beim Publikum landen wollen. In manchen Momenten ermüdete diese Attitüde jedoch auch, denn nach einer Stunde voller Uneindeutigkeit wünschte man sich zumindest einen versöhnlichen Ton.

Doch Die Nerven wollten die oft beschworene Authentizität und den Kontakt zum Zuhörer eben mit ironischer Distanz auslöschen. "Ich habe Angst vor Begebenheiten, Ängste vor Situationen / Obwohl ich weiß dass diese Ängste sich überhaupt nicht lohnen", sang Bassist Julian Knoth zum Ende des Konzerts. Diese Zeilen klangen zwar, als offenbarte sich hier einer ganz persönlich - doch auch hier stellte sich schnell der Gedanke ein: Der vermeintlichen Ehrlichkeit ist nicht zu trauen.

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