Album der Woche mit Die Nerven Meister des Nervösmachens

Die Indie-Rockband Die Nerven drückt mit ihrem bisher schwärzesten Album jeden gesellschaftlichen Wundpunkt – und kontert den allgemein drohenden Burn-out mit brachialem Gitarrenlärm. Und: Katerfrühstück mit Team Delphin.
Die Nerven: Max Rieger, Kevin Kuhn, Julian Knoth (v.l.)

Die Nerven: Max Rieger, Kevin Kuhn, Julian Knoth (v.l.)

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Album der Woche:

Die Nerven – »Die Nerven«

»Deutschland muss in Flammen stehen, ich will alles brennen sehen«. Nein, das ist keine Zeile, mit der man es heutzutage noch in die »Bild«-Zeitung schafft oder auf den Index. Dafür muss man schon, wie die Berliner Band K.I.Z, das Oktoberfest parodieren und Ekelszenen von der Wiesn in ein Video schneiden, das dann sogleich von YouTube gesperrt wurde.

Aber das macht diese Zeile von der auf Stuttgart und Berlin verteilten Band Die Nerven nicht weniger beunruhigend. Max Rieger singt sie mit deklamierendem Punkrock-Gestus im zweiten Song des Albums »Die Nerven«. Er heißt »Ich sterbe jeden Tag in Deutschland« und erinnert, wenn auch musikalisch ganz anders gestaltet, natürlich sofort an die 40 Jahre alte Slime-Hymne »Deutschland muss sterben«, die einst vom Bundesverfassungsgericht auf ihren Schutz durch die Kunstfreiheit geprüft werden musste. Von Slime wusste man genau, wo sie stehen. Und auch Die Nerven, deren zweite Platte »Fun« an dieser Stelle einst hellseherisch als »eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts« bezeichnet wurde, stehen im Zweifel politisch links. Aber ihr sechstes Album ist kein Pamphlet, keine Kampfansage, sondern ein Testament der Ambivalenz, ein Hadern mit dem Zeitgeist, auf das sich alle einigen können, wahrscheinlich auch die, die bei den Montagsspaziergängen ihren Republikfrust von der rechten Seite aus skandieren. Oha!

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Wirkungsvoller Punkrock im Jahre 2022 heißt wohl, mit genau diesem Unbehagen zu spielen, das Publikum in seiner imaginierten Komfortzone unruhig zu machen, ihm Fragen nach der eigenen, heimlichen Radikalität oder Abgestumpftheit zu stellen, dem inneren Schäferhund. Die Nerven, das zeigen sie mit diesem explosiven Album, sind Meister des Nervösmachens. In ihren neuen Songs formulieren Rieger, Bassist Julian Knoth und Schlagzeuger Kevin Kuhn einen Stillstand, der jederzeit, wie ihre Musik, nach allen Seiten detonieren kann. Etwas läuft falsch im Kapitalismus, im medialen Zirkus, in der Welt, aber man kriegt es nicht zu fassen im Zustand der allgemeinen Erschöpfung: »Ich kann sie spüren, die falsche Zeit«, singt Knoth. »Will lieber Licht statt Dunkelheit / Und ich frage mich, wie soll das gehen.«

In »Keine Bewegung«, einer epischen, peitschenden Hymne, die Goth-Rockbands wie The Cult aus der Gruft ruft, wird dieses Schockerstarren im Flutlicht der Gegenwart noch dringlicher: »Keine Antwort, tausend Fragen / Ich könnte überall hin gehen, aber kann mich nicht bewegen«. Irgendwie überleben, nur darum geht es noch, »ohne jegliche Regung«. »Und ich dachte irgendwie, in Europa stirbt man nie«, heißt es mit kalter Ironie in »Europa«, geschrieben lange vor dem Krieg in der Ukraine, zunächst ganz sanft mit akustischer Gitarre, dann zum Noise-Sturm entfacht: ein brachialer Fenstersturz aus dem Elfenbeinturm gefühlter Gewissheiten.

Denn »comfortably numb« ist für diese Band natürlich auch keine Lösung. Mit einer Vehemenz, die auch auf ihren früheren, roheren Alben selten war, begegnen sie dem Burn-out mit Brachialität. »Der Erde gleich« ist ein brutal explodierendes Prügelpunk-Gewitter, das Hardcore-Vorbilder wie Shellac an die Wand fegen will.

»15 Sekunden« errichtet Wälle aus Sound gegen die Reizüberflutung: »Kann mich nicht konzentrieren, unsere Köpfe explodieren, es ist zu viel«, brüllt Rieger. Braaam, braaam, braaam, braaam, donnert die Band zum Finale des Songs, dann nur noch schweres Atmen.

Es gibt auch manierliche Pop-Momente auf »Die Nerven«, die aber in den Texten immer wieder den wahnsinnig machenden Stumpfsinn spiegeln: »Ein Influencer weint sich in den Schlaf« ist beinahe Blumfeld, mit Streichern und Sarkasmus. »Ein Tag« ist purer, nostalgischer The-Cure-Wave, aber der im Text behauptete Optimismus, etwas erscheine im neuen Licht, wird in gefährlichen Ennui gekippt: »Bin nur ich so irritiert, dass alles, was mich fasziniert, irgendwann seinen Reiz verliert?«

Jedoch: »Der Tod läuft nicht gut auf Instagram«, so schließt die Band ihr bisher schwärzestes Album. Die episch aufwallende Powerballade »180 Grad«, ein sinistrer James-Bond-Song, entlarvt die ganze martialisch-suizidale Pose dann doch noch als großes Drama und Pop-Theater einer Band, die alle medialen Provo-Kniffe beherrscht, jeden gesellschaftlichen Wundpunkt genüsslich zu drücken weiß: »Komm, gib mir deine Hand, ich zeig dir neuen Content, den du so nie gesehen hast«, singt Rieger im schönsten Psychopathen-Duktus seines Soloprojekts All diese Gewalt: »Alles in und uns herum ist zum Zerreißen angespannt / Baby, setz’ den Wagen an die Wand.« Deutschland in diesem Herbst: das reinste Nervenbündel. (9.2)

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Kurz abgehört:

Team Delphin – »Rotwein zum Frühstück«

Wenn man morgens aufwacht und sich wie eine Kiwi fühlt, drinnen süßsauer, draußen borstig, dann kann man auch gleich mit dem Rotwein zum Frühstück weitermachen – auch wenn man aus dem Alter eigentlich raus sein sollte. Den lustigsten Soundtrack zur allgemeinen »Forrest Numb«-Gefühl bietet das Debütalbum des Duos Team Delphin, bestehend aus Rapper Johannes Bogner (Strizi von Frittenbude) und Produzent Sebastian Birkl alias DOT. Egal, wie mies es einem geht, »Hauptsache ist, du bist nicht Alexander Gauland oder seine Badehose«, markieren die beiden im ersten Track den politischen Standpunkt. Taumelnd ist der Trap, psychedelisch der Dub in »Kiwi« oder »Apnoe«. Am schönsten aber ist »Einfache Fragen«, die über einem Klavierloop verstolperte Hymne des Herbstes. Die werden auch gleich im Text gestellt, etwa: »Warum gehen wir zur Arbeit, werden trotzdem niemals reich?«, »Warum sind nicht alle gleich, egal mit wem du pennst?« oder »Warum macht man so leicht Karriere als Antisemit?«. Und weil Delphine bekanntlich sehr schlau sind, hat das Team auch eine bezwingende, hinreißend verkatert vorgetragene Antwort parat: »Ja, es liegt nur an einem / Es liegt an den anderen / Es liegt auch an dir an mir / Denn wir sind scheiße / Menschen sind scheiße.« Darauf einen Dujardin. (7.8)

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Perera Elsewhere – »Home«

Heimat ist, wo es hart ist, man muss sich für alle Widrigkeiten wappnen. Die britische, in Berlin lebende Allroundkünstlerin Sasha Perera schubst ihre Hörerschaft daher im zweiten Track ihres Albums »Home« in eine Geräuschkulisse, die klackernd und ratternd wirkt, als würde man im Inneren eines Flipperautomaten durchgeschüttelt. Sie habe einen Boxer im Sinn gehabt, der sich geistig konzentriert, bevor er in den Ring steigt, sagt Perera über »Hold Tite«, eine Hymne, um seine Dämonen in Schach zu halten. »You cannot fuck with me«, lautet also auch der ermächtigende Refrain der Single. Perera Elsewhere, soeben auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg als »Bester Act« mit dem VIA-Kritikerpreis ausgezeichnet, zeigt auf ihrem zwischen »Blade Runner«-Ambient und Goth-Techno, handfesten Beats und elastischem Elektronikpop flirrenden zweiten Album erneut, warum sie die Top-Geheimagentin ihres Genres ist: Ihre Kompetenz ist eindeutig, aber ihre musikalische Identität bleibt variabel und mysteriös: Leichterhand verstrickt sie nostalgische Pink-Floyd-Geister in einen hypermodernen Breakbeat-Nebel (»Who I Am«) oder lässt im faszinierenden Schlussdoppel »Der Wurm 1 & 2« ihrer experimentellen Verve freien Lauf, mit Moogs und Trompeten. »Tell me what you want, what you’re looking for«, fordert sie, diesmal verführerische Soul-Muse, in »Delete«. Wenn man das gar nicht so genau weiß, kann man sich immerhin in im reichhaltigen Klangbad dieser Musik für die Selbstfindung stärken. (8.2)

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Sorry – »Anywhere But Here«

Manchmal möchte man sich aus der komplizierten Gegenwart ja einfach nur in (vordergründig) einfachere Zeiten zurückbeamen, das geht, je nach persönlicher Neigung, gut mit einem klassischen Indierock-Album, dessen Inspirationswurzeln tief in die Neunziger reichen. Dazu muss man gar nicht auf alte, immer noch aktive Hasen oder Häsinnen zurückgreifen (Pixies, Suede, Eels, Mogwai etc.), sondern kann dieser vor zwei Jahren gehypten Band aus dem Londoner Windmill-Club-Umfeld mit ihrem unverhofft gelungenen zweiten Album eine weitere Chance geben. Post-Debüt-Alben sind gerne mal verfusselt, weil die Künstler:innen erstmal ausgiebig auf Tour waren oder den Instant-Ruhm verarbeiten mussten, gerne auch mal exzessiv. Aber, Corona sei Dank, ist diese Regel bei Sorry, angeführt von Sängerin Asha Lorenz, außer Kraft, umso konzentrierter und Hook-zentrierter sind Songs wie »Key To The City«, »Willow« oder »Baltimore«. Gute Laune wird in den von Lorenz lakonisch vorgetragenen Texten auch nicht unbedingt verbreitet, manches droht sich auch zu sehr im allzu kleinteiligem Postrock-Lego zu verspielen, aber spätestens, wenn kurz vor Schluss »Screaming In The Rain« unapologetisch cheesy mitten ins Herz perlt, ist der Nostalgietrip gebucht. Ausnahmsweise. (7.5)

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Mutter – »Ich könnte du sein, aber du niemals ich«

Wie bleiben kurz im Sound der Neunziger, obwohl die Berliner Band Mutter, seit 1989 aktiv, im Grunde das sein könnte, was Die Nerven (siehe oben) im letzten Jahrzehnt waren – oder Tocotronic und Blumfeld zuvor. Mit hervorragenden Alben wie »Text und Musik« oder zuletzt »Der Traum vom Anderssein« schien auch eine gewisse neue Entschlossenheit einherzugehen, allein für diesen Satz würde der Sänger, Songwriter und bildende Künstler aber wahrscheinlich schon Prügel androhen. Müller liebt die Verweigerung, alles Anbiedernde, Festlegende oder Sendungsbewusste ist ihm suspekt. So musste man schon viel Glück haben, um als Kritiker überhaupt von der Veröffentlichung des 14. Mutter-Albums zu erfahren. Der nicht minder streitbare Autor Tex Rubinowitz schrieb einmal, nicht ohne Bewunderung: »Keine neue Platte von Mutter ist vorhersehbar. Ihre Wucht ist schleichend, ihre Wirkung aber direkt.« Auch Irritation ist eine Wirkung: Die neuen Songs scheinen sich mit identitätspolitischen Diskursen der Gegenwart zu befassen, aber Müller und seine Band lassen die Texte in einen gleißenden Soundnebel aus Psychedelic-Fuzz, Stoner- und Postrock fallen, bis die Worte, oft hinterlistig durch Autotune verfremdet, sich dem Verständnis entziehen. So kann man nur ahnen, erspüren, was Müller bei seiner Wanderung ins tiefe »Tal der weißen Männer« findet. Zugleich zwingt einen die perfide Verlärmung natürlich erst recht zum Hinhören. Allein die Jenseits-von-jedem-Hymne »Du niemals ich« ist deutlich und mit selbstgerechtem Duktus als totale Abgrenzung zu verstehen, der erfüllte »Traum von Anderssein« eben, es wirkt trotzig. »Wie fühlt sich Freiheit an?«, heißt das verblüffendste Stück, eine Art Disco-Schunkelnummer, die an einen großen Hit von Whirlpool Productions erinnert. Wahrscheinlich fühlt sich Freiheit, künstlerische Autonomie, genau so an. »Wie gerne würd’ man sagen, dass einen das hier nichts mehr angeht«, säuselt Müller. Bei Mutter fühlt sich sogar Eskapismus wie eine Zwangsjacke an. Im Zweifel wieder ein großes, anstrengendes Werk. Eine Wertung wird verweigert.

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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