Wiederentdeckung von Nina Simone Kunst, Kampf und Krankheit

Afroamerikaner sterben wieder in Kirchen, jetzt kehrt die Stimme der Sängerin und Sozialaktivistin Nina Simone zurück. Ein Dokumentarfilm und ein neues Tribute-Album erinnern an die "Hohepriesterin des Soul". Schön, schrecklich.
Nina Simone: Themen der Gleichberechtigung auf intimerer Ebene

Nina Simone: Themen der Gleichberechtigung auf intimerer Ebene

Foto: Netflix

Die Gegenwart in den USA wirkt fast so schwarz und weiß wie Nachrichtenfilme aus den Sechzigern. Wenn man heute Aufnahmen von Martin Luther King, John F. Kennedy oder Malcolm X sieht, spürt man nicht nur den Zorn, sondern auch die Hoffnung und den Stolz der schwarzen Bevölkerung und aller, die sie unterstützt haben bei diesem Aufbruch. Doch so richtig ist der Marsch nie in Washington angekommen, trotz eines schwarzen Präsidenten.

Februar 2012, Sanford, Florida: Der schwarze Trayvon Martin wird von dem Mitglied einer Bürgerwehr erschossen. August 2014, Ferguson, Missouri: Ein weißer Polizist erschießt den jungen Michael Brown. Juni 2015, Charleston, North Carolina: Neun Afroamerikaner sterben in einer Kirche. Bei der Totenfeier für den Pastor singt US-Präsident Barack Obama "Amazing Grace", jenes Kirchenlied, das in der Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre neue Kraft gewann und um die Welt ging.

Der Zorn ist wieder da - und manchmal auch die Musik. Wenn nun ein neues Tribute-Album erscheint, auf dem Lauryn Hill, Gregory Porter oder Mary J. Blige Songs singen, die Nina Simone schon gesungen hat, und wenn Netflix den Dokumentarfilm "What Happened, Miss Simone?" ins Programm nimmt, entspricht das mehr als einer Retrolaune.

Nina Simone

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Foto: Netflix

Für die Renaissance der Nina Simone, die wahrscheinlich Ende des Jahres im Kino mit einem Biopic weitergeht, gibt es handfeste Gründe in der Gegenwart: die Toten, die Proteste, der Abgrund zwischen dem schwarzen und dem weißen Amerika.

November 1959, eine Wohnung in New York oder Los Angeles. Abendkleider, Anzüge mit gelockerten Kravatten. "Eleanor, kannst du Dons Mantel nehmen und den Ladies den Powder Room zeigen, bitte?" Don ist nicht Don Draper aus der Fernsehserie "Mad Men". Hier spricht Hugh Hefner in die Kamera, der Playboy-Gründer, umgeben von weißen Frauen. Hefner macht Smalltalk, bevor er die schwarze Sängerin vorstellt und ihre Plattenverkäufe lobt. "Nina Simone spielt jetzt ein bisschen für uns." Schnitt. Große Augen, steile Augenbrauen, Riesenmund, dichtes Kurzhaar. Neben diesen Herren und ihren Häschen wirkt Simone wie von einem anderen Stern.

Es sind Archivaufnahmen wie jene aus dem Playboy-Penthouse, die "What Happened, Miss Simone?" zu einer irren Reise in eine nicht allzu ferne Vergangenheit machen. Ein Trip in eine Zeit und zu einer Künstlerin, die mit der Zeit ringt. Die Folge: brutale Verletzungen auf beiden Seiten.

Regisseurin Liz Garbus führt das Publikum nah an die Zeit, montiert tolle und auch verstörende Konzertausschnitte und Interviews aus der Vergangenheit. Die aktuellen Gespräche, die Garbus für ihren Film geführt hat, haben in der Summe eine zu große Nähe zur Künstlerin. Es sprechen etwa Simones Tochter, ihr Gitarrist und ein später Freund aus Europa. So entwickelt Garbus weniger eine kritische Stimme, als dass sie einen schönen, durchaus differenzierten Nachruf auf eine komplexe Künstlerin liefert. Und was "What Happened, Miss Simone?" spielend schafft: die Kennerin und den Neo-Fan gleichermaßen zu interessieren.

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Am Anfang montiert die Regisseurin parallel, es sind nachgestellte, undeutliche Szenen aus Simones Kindheit, die nicht nötig wären, um diese außergewöhnliche Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte von Eunice Kathleen Waymon, geboren 1933 in North Carolina, die die erste schwarze Konzertpianistin des Landes werden wollte, das vermutlich wegen ihrer Hautfarbe nicht durfte, aber als "Hohepriesterin des Soul" um die Welt ging - unter dem Namen Nina Simone. Es ist der Leidensweg einer Sängerin, die sich 1964 politisierte, nachdem in Alabama im Jahr zuvor vier Kinder bei einem rassistisch motivierten Sprengstoffanschlag auf eine Kirche gestorben waren.

Simone singt in der Folge Lieder, die Mitte der Sechziger niemand sang, schon gar nicht eine Frau. Lieder, die schon im Titel fluchen und noch heute nicht im Radio gespielt werden: "Mississippi Goddam". Und Lieder, die den afroamerikanischen Stolz ansprechen wie "To Be Young, Gifted and Black". Sie tritt auf beim Protestmarsch in Selma, wo Martin Luther King spricht. Doch Miss Simone hat nichts gegen Waffengewalt, "if necessary", wie sie King ins Gesicht sagt.

Regisseurin Liz Garbus zoomt oft auf die Fotografien mit schwarzen Intellektuellen im Hause Simone und Stroud. Ihr Mann Andrew Stroud ist ein ehemaliger New Yorker Cop, der sie gut managt und schrecklich schlägt.

Wir sehen Geist und Kunst beim Kaffeetrinken, beim Kinderspiel. Junge Aktivisten wie Stokely Carmichael. Aber auch ältere wie der Dichter Langston Hughes. Und immer wieder sieht man Frauen, die sich ganz anders bewegen als Hefners Girls ein paar Jahre zuvor. Die Dramatikerin Lorraine Hansberry zum Beispiel. Black America hat Glanz und Kraft. 1963 spielt Simone in der edlen Carnegie Hall - aber nicht Bach, wie sie als Mädchen träumte, sondern die Popmusik der Zeit. Bevor die Zeit bricht. Und später auch die Künstlerin.

Simones Rückkehr deshalb unheimlich, weil ihre Karriere von der Politisierung Mitte der Sechziger in den Wahnsinn führte, aus dem sie nur gute Freunde wie ihr langjähriger Gitarrist Al Schackman und ein neues Medikament gegen Psychosen holen konnten. Regisseurin Garbus zeigt die ausbrechende Krankheit und das Comeback von 1976, als ein Leben neben und auf der Bühne wieder möglich war. Das ist rührend und nie voyeuristisch. Wir sehen Simone nur kurz in einer schrecklichen Aufnahme, wie sie in einem kleinen Pariser Klub brabbelt und säuselt. Wir hören und sehen später, wie ihr Sprechen dem Lallen nahe kommt, eine Nebenwirkung der Medikamente.

Und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn am Ende des Films ein langer Ausschnitt des Comeback-Konzertes beim Montreux Jazz Festival zu sehen ist. Simone wirkt labil, weist eine Zuschauerin zurecht, der Blick ist starr. Als sie zu spielen und zu singen beginnt, ist alles weg. Oder alles da: Kontrolle, Rhythmus, Schärfe, Souveränität. "My Baby just Cares for Me", der Hit aus der Chanel-Werbung aus dem Jahr 1987, an dem sie nichts verdiente, weil sie die Rechte verkauft hatte. Aber der Spot schenkte ihr eine zweite Aufmerksamkeit, sie spielte bis ans Ende ihres Lebens. Zwei Tage vor ihrem Tod 2003, als sie seit bereits zehn Jahren in Südfrankreich lebte, verlieh ihr jene Musikschule ein Ehrendiplom, die sie in ihrer Jugend abgelehnt hatte.

Auf dem Album "Nina Revisited: A Tribute to Nina Simone" sind Songs aus beiden Teilen von Simones Werk zu hören. Die Philosophin und Aktivistin Angela Davis schreibt in den Liner Notes, dass sie mit Simones Musik gelernt habe, nicht nur in den politischen Songs Themen der Gleichberechtigung zu finden. Der Kampf um soziale und geschlechterpolitische Veränderung werde, so Davis, auch auf "intimerer Ebene" geführt, in Nummern wie "I Put a Spell on You", "Don't Let Me Be Misunderstood" und "Ne me quitte pas". Keinen dieser Songs hat Simone selbst geschrieben, es sind zum großen Teil Cover, die auf "Nina Revisited" noch einmal gecovert werden. Simone war eine Künstlerin der Interpretation: Die Karriere als klassische Pianistin, die ihr verwehrt blieb, setzt sich darin fort.

Wie gedenkt man also einer Sängerin, die die Lieder der anderen zu den eigenen gemacht hat? Indem man versucht, es genauso zu halten und eigenwillige Versionen schafft. Die Liebe zu Simone glüht dann aus der Distanz. Das gelingt niemandem so gut auf "Nina Revisited" wie Alice Smith mit "I Put a Spell on You". Die hereingewehten Gitarrenakkorde hängen wie Nebel im Raum, der Gesang schwillt allmählich an, spricht wie zu einem Geist. Doch die Beschwörung scheitert. Und ist gerade deshalb großartig, weil Smith dieses Scheitern vorführt. Der Liebste lässt sich nicht besitzen, auch nicht durch einen Zauber.

Der Rest von "Nina Revisited" wirkt wie zwei unterschiedliche Alben. Rund die Hälfte bestreitet Lauryn Hill, Sängerin der Fugees und Queen des alternativen HipHop, wie er Mitte der Neunziger entstand. Doch was sie zum Simone-Album beiträgt, wirkt zuweilen wie eine Musical-Version der Neunziger. Das Arrangement von "Feeling Good" zitiert die bekannte Version von "I Put a Spell on You", "Ne me quitte pas" tut einem westeuropäischen Ohr weh. Unverständlich, wie Hill mit solcher Dutzendware dieses Album bestimmen kann. Und Tochter Lisa Simone ist zwar sympathisch, aber als Sängerin uninteressant. Vielleicht brauchte man ihre Unterstützung, als Verwalterin des Nachlasses?

Neben Alice Smith brilliert noch Gregory Porter mit einer langen Soulfunk-Version von "Sinnerman". Die bessere Hälfte von "Nina Revisited" hat der Pianist Robert Glasper produziert. Und hier schließt sich ein Kreis, denn Glasper gehört zum Umfeld von Rapper Kendrick Lamar, der HipHop dieses Jahr mit dem Meisterwerk "To Pimp A Butterfly" wieder geöffnet hat: für Jazz, für Geschichte, für Schärfe, für Relevanz.

Auch die Musik von Lamar und Co. erfährt durch die Shootings einen sozialen Hallraum, der an die Sechzigerjahre der Simone erinnert. Historisches ist nicht neu im HipHop, Black Music schreibt sich immer wieder in die Geschichte ein, sie will selten von vorne beginnen. Warum auch, wenn man noch immer auf der Reise ist - zu einer egalitären Gesellschaft oder zu einem fernen Planeten.

Aber die Renaissance von Nina Simone erzählt mehr als ein Sample von "Strange Fruit" bei Kanye West. Geschichte ist mehr als ein Vibe oder ein Groove im Hintergrund. Der Film von Liz Garbus zeigt das mit den Konzertaufnahmen. Kunst ist dann nicht nur sozialer Kommentar, sondern auch das Gegenteil: Schutz vor dem Horror.