Dirigent Mariss Jansons Liebe. Lächeln. Leidenschaft

Diktatoren am Pult, Star-Exzentriker, Miesepeter: Dieses Klischee hat ausgedient. Viele Dirigenten sind heute pflegeleicht, allen voran der Lette Mariss Jansons. Er ist weltweit der liebste - und der beste.

BR

Von Kai Luehrs-Kaiser


Kritiker-Augen verklären sich, müde Abonnenten werden wieder zu Musikliebhabern, und selbst schwierige Ensembles wie die Berliner Philharmoniker fressen ihm aus der Hand, wenn der lettische Dirigier-Liebling Mariss Jansons zum Taktstock greift. Der 66-jährige Spätzünder, der noch immer ein Bubi-Lächeln mit einer Leningrad-Cowboy-Frisur verbindet, ist bei Kennern der fraglose Favorit unter den lebenden Dirigenten weltweit. Und das, obwohl Mariss Jansons im persönlichen Umgang ein liebenswürdiger, zurückhaltender, ja rundheraus: ein beinahe uninteressanter Mann ist.

Seit sechs Jahren Chef des BR-Symphonieorchesters, brachte Jansons durch nichts als Musik und ein schmallippiges Strahlen die Massen auf seine Seite. Der Sohn eines Dirigenten (und Schüler des legendären Jewgeni Mrawinski) vermag eine solche Begeisterung in Orchestern zu entfesseln, dass man glauben könnte, hier seien die Temperaments-Eruptionen eines Leonard Bernstein mit der Klangschönheit eines Herbert von Karajan verbunden und ausgesöhnt. Kunststück!

Die Pult-Pestbeule hat abgewirtschaftet

Dabei hört Jansons kompromissfähig auf Meinungen der Orchestermusiker, begründet seine Ansichten jedermann und pflegt bewundernden Kontakt auch zu anders gearteten Kollegen wie Nikolaus Harnoncourt.

So viel Umgänglichkeit muss schief gehen, würde man denken. Doch Mariss Jansons ist ja nicht der einzige. Der Publikumserfolg eines Simon Rattle in Berlin, eines Andris Nelsons in Birmingham und von Gustavo Dudamel weltweit dokumentieren, dass das Klischee von der Pult-Pestbeule abgewirtschaftet hat.

Die Miesepetrigkeit der Klassik-Protagonisten, die man in früheren Generationen gewohnt war, findet keinen Anklang mehr. Sogar in München, wo man misslaunige Pult-Auratiker wie Sergiu Celibidache und Lorin Maazel liebte, ließ man nun Christian Thielemann ziehen, einen der letzten schwer regulierbaren Star-Egozentriker. Es besiegelte einen Paradigmenwechsel.

Jansons knackt sogar Bruckner-Verächter

Innerhalb einer schönen, vom Bayerischen Rundfunk herausgegebenen Mitschnitt-Reihe sind Mariss Jansons kommunikative Wunder jetzt gleich mehrfach zu bestaunen: In Gestalt quirlig klassizistischer Haydn-Aufnahmen. Bei einer famos durcherzählten 7. Symphonie von Gustav Mahler. Und vor allem bei einem wundervoll durchatmenden, dabei impulsiven Bruckner-Dirigat. Dessen Siebte, ohnehin das beste Einsteiger-Werk für bisherige Bruckner-Verächter, versieht Jansons mit einem epischen Sinn für gigantische Steigerungen und lange, idyllisch durchgelockerte Rastphasen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wird da mühelos seinem Ruf als größte innerdeutsche Konkurrenz der Berliner Philharmoniker gerecht.

Für alle, die Bruckner bislang als Langweiler und Linzer-Törtchen-Großbäcker der Musikgeschichte missachteten, ist dies die beste Gelegenheit, ihre Geschmacksnerven neu zu sensibilisieren.


CD Anton Bruckner: "Symphonie Nr. 7 E-Dur". BR-Symphonieorchester, Ltg. Mariss Jansons (BR Klassik 403571900100, im Vertrieb von Naxos).



insgesamt 2 Beiträge
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RobWe, 21.10.2009
1. Mariss Jansons
Zitat von sysopDiktatoren am Pult, Star-Exzentriker, Miesepeter: Dieses Klischee hat ausgedient. Viele Dirigenten sind heute pflegeleicht, allen voran der Lette Mariss Jansons. Er ist weltweit der liebste - und der beste. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,656234,00.html
Mit Verlaub, Thielemanns Fortgang aus München hat viele Facetten und ist sicherlich nicht ausschließlich auf seine traditionalistische Miesepetrigkeit am Pult zurückzuführen. Das Münchner Publikum schätzte ihn durchaus. Wie dem auch sei, es war zuletzt wirklich nicht mehr zu übersehen (und vor allem nicht mehr zu überhören), dass das BR-Symphonieorchester unter Jansons den Philharmonikern den Rang abgelaufen hat. Künstlerisch ist Jansons momentan eine Klasse für sich, was er in München und Amsterdam eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
Spitik 12.11.2009
2. Freundlicher Mainstream
Dem Tenor Ihres Beitrages kann ich nicht zustimmen. Mag sein, dass ein Dirigent wie Jansons beim Symphonieorchester des BR beliebt ist, mir aber wäre es lieber, man hätte aufregendere Konzerterlebnisse und -mitschnitte. Als Jansons 2005 bei den Berliner Philharmonikern Haydn (!) dirigierte, da fraßen sie ihm nicht aus der Hand, sondern der Tagesspiegel schrieb: "Das hier aber ist alles andere als inspiriert, ja geradezu niederschmetternd behäbig. (...) Bei den Musikern ist es schöner Brauch, sich am Ende eines gelungenen Abends beim Dirigenten zu bedanken. (...) An diesem Abend regte sich auf der Bühne keine Hand." Und im Zusammenhang mit der von Ihnen hochgelobten Bruckner-CD (Konzertmitschnitt aus Wien) schrieb die SZ zu dem einige Tage vorher stattgefundenen Konzert in München: "Vielleicht klang die oft gescholtene Münchner Philharmonie noch nie so schlecht wie an diesem Tag. (...) Was nur sehr wenig mit Akustik, aber viel mit Verständnis zu tun hat." In der Tat, das Konzert und der Mitschnitt (von einer Aufführung in Wien) klingen so, als ob eine Menge hochqualifizierter Musiker zusammengekommen wäre, die alle ihre Erinnerungen an Bruckner realisieren, der eine so, der andere so. Keiner ist da, der das zusammenhält; der Dirigent steht freundlich vor dem Orchester und dirigiert so wie es spielt (nicht umgekehrt). Phrasierung (Hauptthema erster Satz)? Artikulation? War da was? Tempi, die den Charakter der Musik negieren (z. B. vor dem Eintritt des dritten Themas im ersten Satz), unwichtige chromatische Nebenstimmen im Scherzo usw. - Wie genial klang dagegen kürzlich Bruckners Neunte mit den Münchner Philharmonikern unter Thielemann. Kurzum, manchmal ist weniger tatsächlich weniger.
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