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Currentzis in der Elbphilharmonie: In Wellen

Foto: Alexandra Muraviova

Stardirigent Currentzis Eine Wucht, die süchtig machen kann

Bei Konzerten von Dirigent Teodor Currentzis darf man Überraschungen erwarten. Auch in der Hamburger Elbphilharmonie bei Werken von Schnittke und Tschaikowsky rauschte es gewaltig.

Dieser Sog! Von ersten Note an hatte Teodor Currentzis diesen Konzert-/Konzeptabend in der Elbphilharmonie fest im Griff. Es ging um Wellen, Dynamik, Kraft und Kontrolle. Viel Hanseatisches also, aber das Versprechen hielt Currentzis vom Start weg.

Mit Alfred Schnittkes (1934-1998) vielgestaltigem Bratschenkonzert zu beginnen, erwies sich als kluge Entscheidung, stand doch mit dem französischen Virtuosen Antoine Tamestit ein Könner auf der Bühne, der in bestem Sinne mitspielte und damit eigentlich Schnittkes Vorstellung vom Wettbewerb zwischen Solist und Orchester unterlief. Aber Dirigent und Solist hatten ohnehin Eigenes vor.

Vom leisen Largo-Beginn über das wilde Allegro zum wiederum stillen Finale waren Ensemble und Viola eng verzahnte Partner, die förmlich miteinander in der Musik atmeten. Ein dichter und dennoch leichtfüßiger Beginn. Obendrein mit engem Bezug zu Hamburg, denn Alfred Schnittke lebte und lehrte seit 1990 in der Hansestadt.

Wettbewerb der Partner

Schnittke schrieb das Konzert 1985, als er längst seinen Frieden mit seriellen Experimenten und effektvoller Filmmusik gemacht hatte, aber stilistisch aus dem Vollem schöpfte: Polystilistik nannte er seinen Mix, und das ideenreich ausgestatte Musikmaterial des Konzertes bot sowohl Tamestit als auch Currentzis und seinem SWR Symphonieorchester reichlich Varianten dieses Zusammenspiels.

Seien es rustikal grob servierte Dreiviertelrhythmen oder diffizile Duette zwischen Viola und geschmeidiger Trompete, das Orchester und der Solist drehten im Mittelsatz verträumte und vertrackte Kreise, die das Auditorium mitrissen. Ein kurzer Bach-Anklang führte dann zum logisch sinnlichen Schluss. Tief durchatmen. Nun wurde es heftig.

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Currentzis in der Elbphilharmonie: In Wellen

Foto: Alexandra Muraviova

Peter Tschaikowskys fünfte Symphonie hört man nicht gerade selten in den Konzertsälen. Das leitmotiv-getriebene, hochmelodische Schaustück für jedes Orchester bringt im Wechsel Bläserglanz und fast kammermusikalischer Intimität die sehnsüchtig-brüchige Spätromantik auf einen sehr individuellen Höhepunkt. Von dieser in manchen Interpretationen leicht ins Naive abgleitenden Sicht wollte Teodor Currentzis natürlich nichts wissen.

Er brachte die wellenartige Dynamik des Aufbaus auf einen scharf konturierten Punkt und kitzelte aus dem fast überkonzentriert agierendem Orchester selten gehörte Nuancen heraus. Kein Verwischen bei den Klarinetten-Girlanden, dann kontrastierend eine umso kraftvollere Eruption im Blech beim ersten "Refrain". Currentzis, der diese Wellen natürlich ohne Taktstock dirigierte, warf sich förmlich in diesen Sog hinein und, nein, er ging nicht unter.

Lupenreine Dialoge

Über welche Klasse das zurecht stets hoch gelobte SWR Symphonieorchester gebietet, zeigte sich auch beim üppigen Schlagwerk, bei den drei Keyboards (Flügel, Celesta, Cembalo) und den leicht swingend grundierenden zehn Kontrabässen. Das führte zu lupenreinen Dialogen zwischen den Instrumentengruppen, die auch in den leisen Parts eine hypnotische Kraft entfalteten.

Currentzis hat es verstanden, hier das Allerfeinste aus den SWR-Routiniers herauszuholen. Und die hatten offenbar immensen Spaß dabei. Da störten weder zwei Mini-Bläserkiekser noch ein Handyklingeln den Rausch.

Zum Finale des vierten Satzes, vom Andante zum Allegro vivace, drückte der Chef am Pult noch einmal heftig aufs Gaspedal und brachte seinen Turbo-Tschaikowsky elegant sicher über die Ziellinie. Die Wucht in Wellen: Teodor Currentzis, erst seit Beginn der Saison Pultchef beim SWR Orchester, hat sein selbstbewusstes Team offenbar im Sturm erobert. So wie das Hamburger Publikum: Stehende Ovationen, einhelliger lauter Jubel, fröhliche Erschöpfung.

Eine Wucht, die süchtig machen kann.

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