Dirigenten-Legende Janowski Präzision ist nur der Anfang

Marek Janowski gehört aktuell zu den gefragtesten Dirigenten, doch für die große Vermarktung taugt er nicht. Jetzt ist eine längst fällige Biografie über den ebenso spröden wie besessenen Maestro erschienen. Dabei geht es um weit mehr als nur ums Dirigieren.

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Wenn Marek Janowski kommt, können Orchester frohlocken. Der inzwischen 71 Jahre alte Stardirigent (1939 in Warschau geboren) versteht es wie kein zweiter, aus einem ihm anvertrauten Klangkörper das Optimale herauszuholen. Wie Felix Magath Fußballmeister macht, so kann Janowski Philharmonie-Riesen wecken. Oder neu erschaffen.

Dabei würde er sich Worte wie "Magier" verbitten, denn Marek Janowski ist vor allem ein perfekter Musiker, ein Orchestererzieher in klassischer Tradition. Da bleibt wenig Raum für Selbstdarstellung und Künstler-Klischees: Die Suche nach perfektem Klang und musikalischer Verfeinerung beschäftigt ihn mehr. Und meistens folgen ihm seine Musiker bedingungslos. Janowskis überragendes handwerkliches Können, sein Gespür für die Möglichkeiten eines Orchesters und die Essenz der Partituren verdichten sich verlässlich zu maßgeblichen Interpretationen.

"Atmen mit dem Orchester" hat der Musikpublizist Wolfgang Seifert (mit Geburtsjahrgang 1932 ein Zeitgenosse Janowskis) seine Biografie genannt, und diese biologische Analogie für die Klangarbeit trifft den Anspruch des Dirigenten recht gut. Wenig mehr als harte Arbeit lässt Janowski in seinem Leben zu, er lebt und leidet für seine Orchester und seine Aufgaben.

Wenn die Kulturpolitik plagt

Seiferts Buch erzählt - manchmal sehr detailversessen - nicht nur vom Musiker Janowski, sondern oft auch von dessen Mühen mit politischen und organisatorischen Zwängen, wie sie selbst einen etablierten und angesehenen Künstler plagen können. Wenn man etwas mehr über Kölner Kulturpolitik in den achtziger Jahren erfahren möchte: Hier sind Hintergründe zu vielen Scharmützeln und Gehässigkeiten rund ums Gürzenich Orchester zusammengetragen. Und manches muss man halt genau erzählen, um der Redlichkeit willen.

Seifert widmet sich auch ausführlich den prägenden Lebenssituationen: der harten Jugend ohne Vater im Schatten des Zweiten Weltkrieges, dem Überlebens- und Karrierewillen eines ebenso gewitzten wie talentierten jungen Menschen und erst dann den Erfolgen. Alles erkämpft, nichts geschenkt. Dazu gehören eben Details. Die sind alle bestens in einem Anhang samt Quellenangaben dokumentiert; man ist beim Autoren und seinem seriösen Anspruch gut aufgehoben. Viele Zitate von Janowski belegen überdies, über welch scharfen Intellekt der Künstler neben seinem musikalischen Talent verfügt.

Dennoch findet keine Hofberichterstattung statt: Die "Ups and Downs" des Lebens des Stars werden nüchtern, manchmal bitter und lakonisch wiedergegeben. Als Marek Janowski, der jahrelang als Chef des Orchesters von Radio France die Pariser Musikszene prägte, Ende der achtziger Jahre zum Provinzorchester nach Monaco wechselt, erschien das zunächst wie ein schöngeredeter Karriereknick. Doch Janowski scherte sich nie um Vorurteile, ihn reizte immer die Herausforderung, aus scheinbar Kleinem und Drittklassigem etwas Großes und Erstklassiges zu machen.

Harte Hauptstadt-Konkurrenz

Inzwischen hat sich sein Starruhm verfestigt, doch immer noch fehlt ihm jeglicher Glamour. Zu unerbittlich ist sein Qualitätsanspruch, der wenig Raum für PR-Kapriolen lässt. "Präzision ist nur der Anfang", lautet sein Arbeits-Credo, für ihn die Voraussetzung zur Höchstleistung. Derzeit wirkt Janowski in Berlin. Natürlich gehören seine Musiker vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) zu den besten der Republik, die in der harten Hauptstadt-Konkurrenz Rattles Philharmonikern und Metzmachers DSO locker Paroli bieten können.

Neben dem Pflichtprogramm jedes Dirigenten fühlte sich Janowski stets der Musik des 20. Jahrhunderts verbunden. Auch die Musik des deutschen Avantgardisten Hans Werner Henze gehört zu seinem zentralen Repertoire; bereits 2008 nahm er dessen groß angelegte 9. Symphonie auf - eine Huldigung an Henze.

Die vielschichtige Partitur, die auf Anna Seghers populärer Erzählung "Das siebte Kreuz" fußt und vom deutschen Prosa-Autor Hans-Joachim Treichel kongenial betextet wurde, durchleuchtet Janowski mit sicherer Hand und erzeugt dabei eine Spannung und Erregung, die an die sogartige Wirkung des gleichnamigen Kinofilms mit Spencer Tracy erinnert.

Henzes Theatralik und Janowskis Klarheit: eine symbiotische Verbindung.


Buch Wolfgang Seifert: "Marek Janowski - atmen mit dem Orchester".
CD Hans Werner Henze: "Sinfonie Nr. 9". Marek Janowski, Ltg. (Nähere Angaben siehe oben links-)



insgesamt 1 Beitrag
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Rover, 21.04.2010
1. Dirigenten-Legende?
OK, Janowski ist sicher für das RSB überqualifiziert, aber "Dirigenten-Legende"? "Stardirigent"? Habe ich da etwas verpasst? Janowski ist zweifellos ein sehr guter Handwerker, in die erste Reihe der Top-Dirigenten gehört er aber sicher nicht, dazu fehlt ihm die interpretatorische Kraft und wohl auch die Kreativität.
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