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Fotos italienischer Tanztempel: Nach dem Disco-Inferno

Foto: Antonio La Grotta

Fotoserie über verfallene Discos Ruinen des Größenwahns

Schickimicki-Land ist abgebrannt: Der Fotograf Antonio La Grotta verewigt auf seinen Bildern verfallende italienische Nobel-Discos.

"Es gibt in Italien außer der Disco praktisch keine andere Form der abendlichen Unterhaltung", schrieb Hans Nieswandt 1992 in einer Reportagereise von Mailand nach Rimini für das Popkulturmagazin "Spex": "In Italien nehmen die Leute Drogen und dann gehen sie in die Disco. Das ist alles, was es hier gibt", wurde ihm von Gewährsleuten erzählt.

Und um zur richtigen Disco zu kommen, fuhren die jungen Italiener in den Achtziger- und Neunzigerjahren kilometerweit durchs Land, denn oft waren die Tanztempel am Stadtrand gelegen; mit Leuchtstrahlern lockten sie die Nachtschwärmer an.

Der Eintrittspreis war hoch, von regelmäßig umgerechnet 25 Mark berichtete Nieswandt, aber dafür tanzte man auch in Palästen des Hedonismus. Riesige Kuppeln, Portale im alt-römischen Stil, überdachte Amphitheater mit Discokugeln und Smaragden in ihrer Mitte.

"Großfurzige Schicki-Disco"

Wie die Discos, so die Gäste. Nieswandt, der heute Pop-Institutsleiter an der Kunsthochschule Folkwang  ist, brachte den Stil auf zwei Stichworte - beknackter Glamour: "Leute, die einfach sagen, seht her, ich bin was besonderes, ich habe einen Mozartzopf!"

Über die Jahre änderte sich da nicht viel, schon 1985 hatte Hans Keller, ebenfalls für "Spex", ein einschlägiges Italo-Etablissement besucht: "Eine eher großfurzige Schicki-Disco für Fashion-Leute, Modelle, Kleiderständer, geschniegelte Nachteulen mit Originalitätsnote 3-4 und Frauen, die ihre Titten im Takt aus dem Leibchen hüpfen lassen."

Man glaube nun aber nicht, dort sei die Musik gelaufen, die wir als Italo-Disco und Italo-House kennengelernt haben - und als geradlinigen, unkomplizierten Spaß schätzen. "Mein DJ weigert sich, Einheimisches zu spielen", sagte 1985 ein Disco-Besitzer zum "Spex"-Reporter. Sechs Jahre später war's nicht anders: "Es läuft nicht ein einziger Italo-House-Track. Kein einziger Piano-Screamer", berichtete Hans Nieswandt.

Tempi passati! Heute stehen viele dieser Tanztempel von einst nur noch als Ruinen in der Landschaft. Manche brannten nieder. War es Brandstiftung? Bei anderen kam die Drogenfahndung. Manchmal hatten sich die Besitzer einfach verkalkuliert.

Die Bloggerin Jessica da Ros machte sich schon 2012 auf die Spuren der legendären Orte, beschreibt seither die "Memories on a Dancefloor " mit poetischen, italienischen Worten und macht Fotos von den zerfallenen Gebäuden.

Ihr ist nun der Fotograf Antonio La Grotta  gefolgt, der in eindrucksvollen Bildern die Erinnerungen heraufbeschwört an eine Ära der Ausgelassenheit, des Vergnügens, ja, auch des Größenwahns: Muss man Nachtklubs mitten ins Sumpfgebiet bauen? Braucht man Klub-Restaurants auf 800 Metern Höhe - in Form eines Schiffs?

Nein, all das braucht man natürlich nicht - aber es sind Träume, die jemand dort verwirklicht hat. Irre Träume, vielleicht, aber wenn nicht einmal Träume irre sein dürfen, was sind wir dann für Menschen? Antonio La Grottas Ruinenansichten beschwören Bilder des Glücks herauf. Man meint strahlende, tanzende Menschen zu sehen, und man meint die Musik zu hören, die Beats und - in Italien ganz wichtig - die Melodien.

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