Album der Woche mit Ditz Wenn die Currywurst nach Wut schmeckt

Gummiknüppelnde Bässe, peinigender Noise: Ditz gehören zu den brachialsten neuen Post-Punk-Bands aus England. Ihr Debüt »The Great Regression« ist unser Album der Woche. Und: Neues von Dolly Parton und Bryan Adams.
Rockband Ditz

Rockband Ditz

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Andreia Lemos

Album der Woche:

Ditz – »The Great Regression«

Wohin mit dem Hass? Die Reichen und die Mächtigen haben ja bekanntlich, wie Jochen Distelmeyer von Blumfeld einst so schön im weißen Anzug  konstatierte, »weder Respekt noch Angst vor uns«. Auch schon wieder 13 Jahre her, aber geändert hat sich an diesem Machtverhältnis natürlich nichts, es ist, zahlreiche Krisen später, eher noch prekärer geworden. Vor allem in England, wo die Klassengesellschaft und der entfesselte Kapitalismus die Armen und die Arbeiter knechtete – und die tristen Thatcher-Jahre in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern jenen schneidenden Post-Punk-Sound hervorbrachten, der jungen Musikern und Musikerinnen nun schon seit einiger Zeit erneut als Wutventil dient.

Die britische Neo-Post-Punk-Szene ist divers und wurde an dieser Stelle schon oft gewürdigt, sie brachte international viel beachtete Bands wie Black Country, New Road, Squid, Black Midi oder Dry Cleaning hervor. Aber so brachial wie Ditz, eine junge Band aus Brighton, gingen bisher die wenigsten ans Werk. Wenn die Musiker mit weißen Masken, die an die Anonymous-Bewegung ebenso erinnern wie an den »Halloween«-Slasher Michael Myers, durch die Industriegebiete ihrer körnig-schwarzweiß gehaltenen Videoclips marodieren, soll dem Establishment ordentlich das Fürchten gelehrt werden. Das »Clockwork Orange« tickt noch, sagen diese Bilder.

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Eigentlich wollten Ditz ihr Debüt »The Great Regression«, bei dessen Titel man das Wort »Depression« mitdenkt, schon 2019 veröffentlichen, mitten in den neuen Trend hinein. Doch der Corona-Lockdown kam und verdammte die Band zum Nichtstun. Das Frustlevel stieg dadurch aber ganz offensichtlich noch einmal an, so drängelnd und dringlich bricht allein das erste Stück »Clocks« über den Hörer hinein: Gitarren wie nadelndes Weckerklingeln, ein prügelnder, gummiknüppelnder Bass, der an Metalbands wie Prong erinnert, peinigende Schläge auf die Trommeln. »I don’t have the time«, heult, kräht, fleht Frontperson Cal Francis in diesem Sturm hinein, ein Aufschrei des modernen Individuums gegen die rasend machenden Zwänge der Leistungs- und Informationsgesellschaft.

Der Song beruhigt sich dann pochend, aber die Spannung bleibt ungebrochen, wenn in »Ded Würst« die Schlagzeugsticks als Messer gewetzt werden und es um den schalen Geschmack geht, der in den mit Fast Food gestopften Mündern der Arbeiterklasse bleibt. Schöneren White Noise hat man auf einem aktuellen Punk-Album lange nicht gehört, so gut geschmierte Industrial-Rhythmen auch nicht – und der Songtitel ist eh schon jetzt einer der besten des Jahres. »Summer of Shark« geht fast akademisch mit wahrheitsverzerrenden Boulevardmedien und News-Kanälen ins Gericht: »The shark passes the anchor, the anchor weighs the shark, the anchor turns storytelling into a new form of art, sensation is key«, »Three«, hektisch verklöppelt, mokiert sich über den Stress, Bestätigung und Likes in sozialen Medien zu erlangen.

Höhepunkt dieser gnadenlosen 38 Minuten ist jedoch das schleifend und schabend beginnende »I Am Kate Moss«, in dem Cal Francis murmelt »I got a striking figure«, was sich im Verlauf des dann aufjaulenden Songs zu »I got a striking fear« umdeutet. Francis thematisiert darin wohl auch seine eigenen Ängste in Gender- und Identitätsfragen vor dem Hintergrund einer repressiven Öffentlichkeit. Es ist ein berührender, schmerzhaft verletzlicher Moment in diesem ja sehr maskulin geprägten Punkrock-Genre.

Solche Sensibilitäten – und die schiere Wucht – heben »The Great Regression« aus der Masse heraus, auch wenn Ditz, eine Post-Post-Band des 21. Jahrhunderts, hier natürlich nichts neu erfinden, sondern nur adaptieren – und Elemente aus dem Alternative-Metal und dem Postrock der Neunzigerjahre integrieren. Dass sie die Wut auch komplexer kanalisieren können, zeigen Ditz im Schlussstück »No Thanks, I’m Full«, einem sieben Minuten langen, instrumental auf und ab wabernden Dystopie-Soundtrack mit Sirenen, kalt zischenden Trommelschlägen und düster schwirrenden Drohnengeräuschen, der keinen Text oder Gesang braucht, um das allgemeine zeitgeistige Schnauze-voll-Sentiment zu illustrieren. Wohin mit dem Hass? Hierhin. (8.0)

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Kurz abgehört:

Jenny Hval – »Classic Objects«

Schon 2015 fragte sich Jenny Hval auf ihrem tollen Album »Apocalypse, Girl«, was es bedeutet, für sich selbst zu sorgen: »Accepting restlessness, accepting no direction«, beschwor sie damals in »Take Care of Yourself«, in dem es auch um das behutsame Halten eines »soft dick« ging. Im Lockdown war Hval nun erneut auf quälende Selbstbezogenheit zurückgeworfen. Statt aber wie früher ihre Musik als Distanzierungsmittel zu benutzen, indem sie artifizielle Kälte und transgressive Schroffheiten herrschen ließ, umgibt sich die Avangarde-Musikerin aus Norwegen auf »Classic Objects« nun mit dem wärmsten und damit auch nahbarsten Pop, den sie bisher veröffentlicht hat. Das Album ist eine in den Texten immer wieder intellektuell verbrämte mentale Reise zu signifikanten Orten aus ihrer Vergangenheit auf der Suche nach Selbstliebe und -Verständnis. Es gehe darum, »überirdische und einfache Dinge zu kombinieren«, sagte sie über ihre neuen Songs. Also die logische, jetzt bezwingend melodische, mit allerlei Sternengucker – und Hippiekram verspulte Fortsetzung ihres letzten, schon arg achtsamen Albums »The Practice of Love«. Accepting the Ashram. (7.3)

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Bryan Adams – »So Happy It Hurts«

Ein Album, zumal in diesen Zeiten, »So Happy It Hurts« zu nennen, ist natürlich so cringe, dass es juckt. Aber was an Bryan Adams ist nicht irgendwie immer schon ein bisschen peinlich gewesen? Der 62-jährige Kanadier mit dem Künstleratelier in Berlin Oberschöneweide hat immerhin gerade auch den eher meatloafigen Soundtrack zu »Pretty Woman«, dem Musical, veröffentlicht (Why? How?). Auf seinem neuen Studio-Album beweist er jedoch viel selbstironischen Humor, setzt sich im Video zum Titelsong mit seiner Mutter ins Cabrio, zieht Rock’n’Roll-Machismo (und sich selbst) in »Kick Ass« mit Unterstützung von John Cleese amüsant durch den Kakao, feiert etwas ungelenk die Frauen (»You Lift Me Up«) – und verbreitet im hübsch vergospelten »Never Gonna Rain« weltumarmenden Optmismus: »Smile like I never had a heartache/ Laugh like I never had a care/ Dance like I was born dancin'«. Das »Reckless«-Grinsen sitzt, die enge Lederjacke auch immer noch, die Musik…naja. So happy it works. (6.5)

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Dolly Parton – »Run, Rose, Run«

Man wartet ja immer noch auf das große, späte Dolly-Parton-Meisterwerk im Stil von Johnny Cashs »American Recordings«, aber dieses 48. Studio-Album…ist es wieder mal nicht. Trotzdem macht »Run, Rose, Run«, der Soundtrack zu dem gleichnamigen Roman über eine Country-Sängerin, den Parton zusammen mit James Patterson geschrieben hat, ziemlich viel Spaß. Die 76-Jährige ist erfolgreiche Podcasterin, ein TikTok-Star durch zahlreiche »Jolene«-Memes und die wohl durch alle Schichten für ihre Autonomie und Geschäftstüchtigkeit respektierte Heartland-Mama der US-Nation – auch wenn (oder gerade weil) sie das Wort »Feminismus« vermeidet. In ihren neuen Songs gibt sie sich so vital und »Driven«, dass es nur so fiddelt. Missgünstige »Demons« oder lauernde »Snakes In The Grass« werden durch »Firecracker«, beherztes Jodeln und hitziges Banjospiel in die Flucht geschlagen. »Woman up (And Take It Like A Man)«, fordert sie zu launigem Honkytonk-Heehaw. Wenn nur auch das arg traditionell produzierte Country-Gedöns drumherum genauso modern wäre. Rick Rubin, übernehmen Sie endlich! (5.0)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um Mitternacht (0.00 Uhr) gibt es beim Hamburger Webradio ByteFM  ein »Abgehört«-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte. Seit 1. Januar 2022 sendet ByteFM in Hamburg auch auf UKW (91,7 und 104,0 MHz).

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