Folk-Musikerin Joanna Newsom Abtauchen in den Himmel

In ihren Songs türmen sich Geschichte und Klänge auf - und ergeben doch wunderbaren Pop: Die kalifornische Folk-Sängerin Joanna Newsom veröffentlicht ihr faszinierend vielschichtiges neues Album "Divers". Eine Begegnung.

Drag City

Von


Normalerweise redet man mit Musikern nicht lange über ihre neuen Alben, die meisten erschöpfen sich in Phrasen: das Beste, was ich je gemacht habe, ein frischer Start, die angenehmsten Aufnahme-Sessions ever, blablabla. Unendlich langweilig. Man redet also lieber über anderes: den Ruhm, die Selbstinszenierungen, die Konkurrenz, wenn's gut läuft, über Politik und den Lauf der Welt.

Auch mit Joanna Newsom, 33, könnte man vieles besprechen, was nichts mit ihrer Musik zu tun hat: Seit Ende 2013 ist sie mit dem US-Komiker und -Schauspieler Andy Samberg ("Brooklyn Nine-Nine") verheiratet, zusammen wohnen sie in Los Angeles in einer Zwanzigerjahre-Villa, die einst von Charlie Chaplin und Mary Astor bewohnt wurde.

Newsom selbst versuchte sich unlängst ebenfalls als Schauspielerin, sie hatte eine kleine Rolle in der Pynchon-Verfilmung "Inherent Vice" ihres guten Freundes Paul Thomas Anderson, der im Gegenzug ihre aktuellen Videoclips drehte. Man könnte mit ihr auch über ihren Wutausbruch gegen den Streaming-Dienst Spotify reden, den sie jüngst als "schurkische Kabale der Musikindustrie" bezeichnete. Alles interessant genug. Aber mit Joanna Newsom möchte man trotzdem ausschließlich über ihre Musik reden.

Das liegt daran, dass es in der aktuellen Musik nichts Vergleichbares gibt, nichts, das von so reiner und erhabener Klangschönheit ist, nichts, was thematisch und inhaltlich so komplex, so weise, vielschichtig und kunstvoll verrätselt ist, nichts, was einen auf so umfassende Weise betört und berührt. "Divers" heißt Newsoms neues Album, das am Freitag erscheint, es ist ihr viertes und ambitioniertestes Projekt, auch wenn es im Gegensatz zu ihrer gefeierten letzten Platte, dem Triple-Album "Have One On Me" von 2010, geradezu kompakt wirkt.

Die Archäologie der Zeit

Nur eine knappe Stunde benötigen die elf neuen Stücke, die meisten sind um die fünf Minuten lang und von beinahe Pop-gerechter Zugänglichkeit. Ähnlich wie beim jüngsten Album ihrer Kollegin Julia Holter scheint es auch bei Newsom eine deutlichere Anlehnung an den warmen Laurel-Canyon-Sound der Siebzigerjahre zu geben, sogar eine elektrische Gitarre geistert manchmal durch die mal lässig groovenden, mal fein ziselierten Arrangements.

Harfe wird weniger gespielt, dafür mehr Klavier, Mellotron, Celesta und Klavichord. Jeder Song wurde von einem anderen Arrangeur betreut, darunter alte Weggefährten wie Ryan Francesconi, es gab Streichquartette und ein ganzes Sinfonieorchester, um Newsoms klangliche Vision exakt so umzusetzen, wie sie ihr vorschwebte. Als Produzent diente, wie schon bei den Alben zuvor, Noise-Legende Steve Albini. Ans Mischpult setzte sich Newsom erstmals selbst.

"Deswegen hat es auch ein halbes Jahr gedauert, das Album abzumischen, nicht zwei Wochen, wie sonst", lacht sie, "bei mir geht nun einmal nichts schnell." Insgesamt fünf Jahre mussten sich ihre inzwischen zahlreichen Fans gedulden, bis "Divers" fertig war, ein wuchtiges, weit ausgreifendes Werk, das zwischen traditionellem Folk und Klassik, zwischen Country, Kammermusik und Avantgarde-Pop oszilliert und jegliche Kategorisierung in E- oder U-Musik transzendiert. Ein süchtig machendes Hör-Erlebnis und eine nie enden wollende Entdeckungsreise in klangliche Sphären, die man glaubt, noch nie betreten zu haben, in die man sich aber unbewusst schon immer hineingesehnt hat. Kurz: eines der besten Alben des Jahres.

Um Transzendenz geht es diesmal auch in den Texten, es endet sogar mit der abreißenden Silbe "Trans…" und beginnt, in "Anecdotes", mit dem Wort "Sending". Anders als auf "Have One On Me", das größtenteils autobiografisch gefärbt war und viel von ihrer Heimat Kalifornien handelte, ist Zeit das große Thema von "Divers", "es handelt davon, was der Verlauf der Zeit bewirkt: Erinnerungen, Revisionen, Auslöschungen und Verzerrungen", erklärt Newsom.

Weingläser, die wie Flutwellen klingen

Anschaulich wird das im Song "Sapokanikan": Im Video läuft Newsom durch die Straßen von Manhattan, etwas, was sie tatsächlich oft tat in jüngster Zeit, wenn ihr Gatte in New York arbeiten musste. Vorbei geht's an Wolkenkratzern und Landmarken und immer wieder durch den Washington Square Park, jene Hipster-Sammelstelle nahe Greenwich Village. Sapokanikan hieß das Dorf der amerikanischen Ureinwohner, das an diesem Ort einst stand. Später wurde ein Armenfriedhof daraus, ein Potter's Field, dann eine öffentliche Hinrichtungsstätte, von der bis heute die Hangmen's Elm in einer Ecke des Parks zeugt - Schichten um Schichten von Ereignissen, Erzählungen und Emotionen, alle vergraben unter einem kleinen Flecken Erde.

In "Sapokanikan" ist es das "Ozymandias"-Sonett von Percy Bysshe Shelley, das als Vorlage und Orientierungspunkt für den Text diente, dazu kommen diverse andere kulturelle, historische und künstlerische Referenzen, die Newsom in ihren Liedern verarbeitet. "Ich lese viel und stöbere den Informationen nach, die mich neugierig machen." Bei "Divers" habe sie erstmals das Gefühl gehabt, alle Songs seien bereits vorhanden gewesen. "Es ist, als wenn du eine Melodie hörst, die du nicht gleich zuordnen kannst: Aus welchem Stück ist das, aus welchem Lied!? Oh, es ist ja aus meinem eigenen!"

Doch erst durch die akribisch ausgefeilten und instrumentierten Arrangements werden die Songs komplett. Für das aquatische Titelstück, in dem eine Frau ihrem Liebsten, einem Tiefseetaucher, hinterhersinnt, sich um ihn sorgt und sich vor der drohenden Einsamkeit ängstigt, nahm sie einzelne Töne auf, die verschieden gefüllte Weingläser machen, wenn sie angestoßen werden. Am Mellotron fügte sie diese Samples zu polyphonen Akkordblöcken zusammen, "das ergab genau den Klang einer Flutwelle, den ich wollte. Es musste sich anhören, als wäre man unter Wasser".

Die verschiedenen Schichten unseres Lebens, die zahlreichen Persönlichkeiten, die wir einmal waren, tragen wir wie einen Satz Spielkarten mit uns herum, singt Newsom mit ihrer hellen, gen Himmel gerichteten Stimme und ihrem weit offenen Sensorium für die Mystik der menschlichen Natur in "The Things I Say": "We carry them like a pack of cards/ Some we don't use, but we don't discard/ but keep them for a rainy day." Im Tarot wäre Joanna Newsom dann wohl die Hohepriesterin.

Joanna Newsom - "Sapokanikan"

Sapokanikan von Joanna Newsom auf tape.tv.



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nebhrid 23.10.2015
1. Erinnert
mich stark an Kate Bush..
e_c 23.10.2015
2. Nach meinen Informationen
sind für den Mix von "Divers" Newsom und ihr langjähriger Kollaborateur Noah Georgeson gemeinsam verantwortlich.
dt17239797 23.10.2015
3. Na ja
Ok, ihr Gesang klingt nicht mehr so extrem nach jauliger Katze wie früher, aber es sind viele schiefe Töne dabei. Ist das jetzt Mode? Sie sollte lieber ihre Songs instrumentieren und jemand anders singen lassen.
Maro2 23.10.2015
4. Hmmmm
Kate Bush für Arme? Etwas mehr Stimmvolumen könnte nicht schaden. Also, merke: nicht alles was SPON empfiehlt ist auch der Brüller ^^
Khaled 23.10.2015
5. Diese Sängerin
Bzw. ihre Musik muss man offenbar entweder sehr lieben oder sehr hassen. Bei mir ist leider letzteres der Fall.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.