Dixie Chicks in München Krieg? Welcher Krieg?

Die amerikanische Country-Band Dixie Chicks flog nach einem Statement gegen US-Präsident George W. Bush aus diversen Radioprogrammen. Bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert hielten die Grammy-Sieger dann lieber die Klappe. Den Fans war das ohnehin egal.

Von Jörg Schallenberg


Country-Band Dixie Chicks: "Wenn die Natalie das sagt, dann ist das schon okay so"
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Country-Band Dixie Chicks: "Wenn die Natalie das sagt, dann ist das schon okay so"

Am Münchner Ostbahnhof ist die erste Bombe schon explodiert. Zumindest auf dem Titelbild des Boulevardblattes "az", das mit seiner Ausgabe für den nächsten Tag auf jeden Fall aktuell sein möchte. "So wird der Krieg", tönt es in fetten roten Lettern. Es ist Mittwochabend, das Ultimatum der USA wird in sechs Stunden auslaufen. Der Zeitungsverkäufer trägt einen Button mit der Aufschrift "No War".

Zwei Bushaltestellen vom Ostbahnhof entfernt tragen die Menschen breitkrempige Cowboyhüte und Stars & Stripes-Hemden. Sie führen Lederjacken mit Aufnähern von US-Kampfeinheiten spazieren und klackern auf den Absätzen ihrer schwer verzierten Cowboystiefel die Treppe hoch in die Georg-Elser-Halle, wo schon Hunderte anderer Stetsons, Holzfällerhemden und "Texas rules"-T-Shirts warten.

Heute Abend verwandeln sich hier im Münchner Osten einige Quadratmeter Konzerthalle in das Territorium der US-Südstaaten, heute Abend geben die Dixie Chicks ihr einziges Deutschland-Konzert, und es ist bereits seit Wochen ausverkauft.

Vier Grammies hat das Frauen-Trio aus Texas in diesem Jahr abgeräumt, damit sind sie zurzeit die erfolgreichste Country-Band in den USA. Das allein hat die Dixie Chicks in den vergangenen Tagen aber nicht in die Schlagzeilen befördert. Bei einem Auftritt in London verkündete Sängerin Natalie Maines unter dem Jubel des Publikums, dass sie sich dafür schäme, dass der Präsident der Vereinigten Staaten auch aus Texas komme.

In den USA, insbesondere im Süden, löste diese Äußerung blankes Entsetzen aus. Hörer beschwerten sich bei ihren lokalen und regionalen Radiostationen über das "unpatriotische Verhalten" der Stars – und eine ganze Reihe von Radiosendern strich die Dixie Chicks prompt von ihren Playlists. In vielen Zeitungen und TV-Stationen wurde die Äußerung von Natalie Maines aufgeregter diskutiert als die meisten anderen – zahlreichen – Künstlerproteste in den USA gegen den Krieg.

Die Aufregung erklärt sich vor allem daraus, dass die Dixie Chicks nicht gerade zu den üblichen Verdächtigen in Sachen Widerstand gehören. Von intellektuellen und linksliberalen Ostküsten-Stars wie Madonna, Lou Reed oder den Beastie Boys waren böse Worte gegen den Krieg zu erwarten, aber von den wohlfrisierten, hübsch frechen Texas-Mädels mit ihrem undramatischem Country-Pop? Das wäre ja schon beinahe ein Zeichen dafür, dass auch der Mainstream, der weiße Mittelstand, nicht unbedingt mit dem Bush-Kurs einverstanden ist.

Den meisten bayrischen Möchtegern-Cowboys ist der Krieg egal

Dem weißen deutschen Mittelstand hingegen scheint die Haltung der Dixie Chicks eher egal zu sein. Fragt man im Foyer der Halle einige Möchtegern-Cowboys nach ihrer Meinung über den anscheinend unmittelbar bevorstehenden Krieg und die Äußerungen der Band, dann gibt es ein paar, die für den Krieg sind, ein paar mehr, die dagegen sind und die allermeisten, denen es egal ist.

Außerdem sind man und frau ja Fan, und "wenn die Natalie das sagt, dann ist das schon okay so", sagt Frauke, eine dralle Frühvierzigerin aus Nürnberg. Dann geht sie Bier holen "für die Männer". Wenn Natalie Maines von den Dixie Chicks das Gegenteil gesagt hätte, wäre das sicher auch okay gewesen.

Aber sagt sie denn heute auch etwas? Nein. Zumindest nicht zum Krieg. Oder überhaupt zur Politik. Es gibt neben einem mittelmäßigen Konzert nicht mehr als ein paar indirekte Bemerkungen wie "Danke für den Applaus. Wir dachten schon, Ihr mögt uns Amerikaner jetzt nicht mehr." Später kokettieren die Dixie Chicks noch ein wenig mit ihrer Herkunft aus Texas und bemerken in ihrer Ansage zu "White Trash Wedding", dass "jeder" – Pause – "jeder, der aus dem Süden der USA kommt, ein bisschen white trash ist."

Könnte man auf George Bush beziehen. Könnte man auch lassen. Es ist verblüffend und etwas traurig, wie sehr sich Musiker aus einem demokratischen Staat, die eine präzise Meinung zu einem Krieg mit Beteiligung dieses Staates haben, sich offensichtlich haben einschüchtern lassen. Nein, die Dixie Chicks wollen nichts sagen. Es sind noch vier Stunden bis zum Ablauf des Ultimatums und sie verlassen nach einer lauen Zugabe die Bühne. Dann gehen die Lichter an.

Über seine Pressesprecherin hat sich das Country-Trio schon von der Aussage gegen den Präsidenten distanziert. Man müsse diesem Amt mit Respekt begegnen, ließ Natalie Maines verkünden. Trotzdem möchte sie jede mögliche Alternative ausgeschöpft sehen, "bevor die Leben von Kindern und amerikanischen Soldaten verloren gehen". Damit können sich bestimmt auch ihre Fans anfreunden. Die Cowboystiefel klackern zurück zum Ostbahnhof. Dort vermutet die Abendzeitung inzwischen "Saddams Agenten in Bayern."

Die Dixie Chicks, für ein paar Minuten die prominentesten Protestierer gegen ihren Präsidenten, sind schon vergessen. Ihr kleiner Widerstand war eine Nummer zu groß für sie.



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