Fotostrecke

DJ Bobo live: There is a Party - noch immer

DJ Bobo live in Berlin Die heißherzige Liebe zum Quatsch

DJ Bobo raschelt auf seiner "KaleidoLuna"-Tour mit dem Geschenkpapier: Ein Konzert als meditativer Ausflug in eine Parallelwelt, in der sich die Dinge einfach in Konfettiregen auflösen.

Man kann nicht anders, man muss leider quietschen, wenn er seine ersten Moves macht. Diese DJ-Bobo-typischen Tanzbewegungen, die eine Kreuzung aus der Armausklapp-Bewegung von "Macarena" oder eines anderen, beliebigen Sommerhit-Tanzes und den Notausgang-Sicherheitseinweisungen von Flugbegleitern sind - Neunzigerjahre-Eurodance, kondensiert in einer Schrumpfpantomime. DJ Bobo, inzwischen 51 Jahre alt, steht also auf der Bühne der ausverkauften Berliner Mercedes-Benz-Arena, eigentlich aber auf dem Dach eines Raumschiffs, und deutet rhythmisch in die oberen Quadranten, dann kommt der vielleicht bobomäßigste aller Bobomoves: Die eingesprungene Anhockposition, in der er kurz einfriert, als buffere das Video noch nach, dazu die Arme leicht angewinkelt, irgendwie fragend ausgebreitet, als wolle er sagen: Ich weiß es doch auch nicht.

Man rutscht sofort rein in dieses Konzert, wie auf einem unsichtbaren, polierten Schuhlöffel: Das Publikum ist komplett euphorisch, der eigene Softspot für Neunziger-Kirmespop zum Glück noch nicht vollständig verschorft. Und DJ Bobo packt immer noch Ungreifbarkeiten in Moves. Zu seinen Glanzzeiten schaffte er es früher mal, die Kultur des alten Ägyptens in eine einzige, universale Tanz-Hieroglyphe zu übersetzen, er könnte heute wahrscheinlich auch mühelos den unübersichtlichen Brexit, komplexe Shitstorms und den verworrenen Dieselskandal vertanzen, man sähe es gern.

Sein neues Tourprogramm "KaleidoLuna" ist zwar ein Mix aus neueren Liedern und alten Hits, folgt aber ganz der alten Boboschablone: Seine Frau Nancy, im goldenen Kleid mit Schamschärpe, singt sirenige Strophen, er rappt dazwischen, und zwar Texte, deren Konsenswerte scharf an den hundert Prozent kratzen: Glaube an das Leben und an die Liebe, Träume können wahr werden, respektiere dich selbst, dann weißt du, wo es langgeht, jetzt bitte alle Arme hoch und winken, als schere man sich um nix. Forget about sorrow / here comes tomorrow! Es ist Musik, die bloßes Geschenkpapier ist, die nichts Verborgenes umwickelt. Das ist nicht schlimm, denn es ist glänzendes, sehr buntes, lustiges Geschenkpapier, und es raschelt so schön. "Everybody", "Let the dream come true", "Freedom, "Shadows of the night", "Pray": Es macht wirklich aufrichtig Spaß, hier zuzusehen.

Fotostrecke

DJ Bobo live: There is a Party - noch immer

Denn ein DJ-Bobo-Konzert ist zwar weitaus rummeliger, funktioniert aber tatsächlich ein bisschen wie eine Meditation. Was "KaleidoLuna" genau bedeuten soll, ist so unklar, dass man gar nicht erst drüber nachdenkt. Warum kippt die Bühne bei "Freedom" plötzlich in einen 45-Grad-Winkel, warum plätschert dahinter ein riesiger, animierter Wasserfall, während das ganze Arrangement durch einen LED-Lichtertunnel fährt?

Es gibt keinen Grund, es passiert einfach, und das wirkt überraschend extrem erleichternd. Einfach nur gucken, zuhören, hinnehmen. Natürlich pocht schnell der überlastete Nostalgiemuskel. Kein Artikel, kein TV-Beitrag über DJ Bobo kam früher ohne den Zusatz "der sympathische Schweizer" aus, wahrscheinlich ist das wirklich, auf jeden Fall war das eine derart verbindlich-unverbindliche, komplett mehrheitsfähige Zuschreibung, wie man sie sich heute schwer für irgendwen ausdenken könnte, ohne dass irgendeiner harsch dazwischenkräht, weil alles nämlich doch ganz anders sei.

Supersympathisch hat DJ Bobo seine erste selbst gekaufte Platte mitgebracht, natürlich nennt er sie "Scheibe", es ist ein abgegriffenes Exemplar von Queens "Live Killers" von 1979. Später wird er noch "We will rock you" performen, zusammen mit einem Kind aus dem Publikum, das mit Bluetooth-gesteuerten Effekten ein unsichtbares Schlagzeug bedient. Nur eine von sehr vielen Gadget-Spielereien an diesem Abend, die Show ist eine riesige Materialschlacht, eine bühnentechnische Leistungsshow: Nacheinander verwandelt sich die Kulisse mit dem ausklappbaren Raumschiff in eine Sternengalaxie, animierte Weltraumstadt, in einen Dschungel, ein verfallenes Spukhaus.

Die Ernsthaftigkeit und Aufwand dieser Inszenierung rührt sehr, als sei Eurodance gerade ein ganz neues Konzept, von dem man die große Masse erst noch überzeugen müsse. Bobo nimmt das Publikum ernst, und es sich selbst auch, das hier ist zu keinem Moment eine ironische oder retroduselige Angelegenheit. Nur wenn man genau darauf achtet, fällt einem auf, dass er weniger tanzt als vielleicht erwartet, die Bühne oft seiner Tänzercrew überlässt, während er mit ausgebreiteten Tigerdompteur-Armen jene präsentiert, die vielleicht halb so jung sind wie er und gekleidet wie die buntglänzenden Bonbons aus einer Schachtel "Quality Street" - bis er sich wieder selbst in die Tanzformation einreiht und es schafft, bei all diesen albernen Moves niemals albern zu wirken.

Am Ende rührt dieses Konzert vielleicht auch darum so sehr, weil es einem eine wichtige Post-it-Notiz ins Sichtfeld klebt, wenn man sich die Menschen um einen herum anschaut, die ein bisschen ungelenk und sehr froh mit DJ Bobo mittanzen. Eine Erinnerung daran, dass man das bei aller verständlichen Verknarzung und unständehalber Ironieimprägnierung nie verlieren darf: Diese komplette, heißherzige Hingabe an etwas, das ruhig quatschig sein und für uncool gehalten werden darf, das aus der Zeit gefallen scheint, für das es keine ästhetisch-theoretischen Argumente gibt, bei dem Tiefsinnsschürferei nur auf neonfarbenes Plexiglas plonkt. Sachen mögen, weil sie Spaß machen. Nie waren kleine Eskapismus-Parkbuchten so nötig wie heute.

Anzeige
Ab 9,99 €

Preisabfragezeitpunkt

06.10.2022 04.30 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Das merkt man, wenn das Bühnenbild sich bei "Pray" in ein lichterloh brennendes Haus verwandelt, die Flammen umzüngeln Bobo und Bobocrew - und man sofort an dieses GIF denken muss, das bei Twitter so gerne gepostet wird, wenn die üblen Umstände mal wieder am Dampfen sind: Diese Minianimation eines Hundes mit kleinem Hut, der inmitten eines ziemlich weit fortgeschrittenen Feuers an einem Tisch sitzt, Kaffee trinkt und mit irrem Blick "this is fine" sagt. An dieser Assoziation ist man aber selbst schuld: Die Bobo-Welt nämlich ist wirklich ein Paralleluniversum, in dem die Dinge auf nichts verweisen, sondern sich einfach im Konfettiregen auflösen. "There's a party" ist das letzte Lied, eine selbsterfüllende Bedeutungsschleife. Man ist das nicht mehr gewohnt, es entspannt wirklich sehr. Auf dem Heimweg wartet man dann noch lange auf den Vengabus, aber der kommt mal wieder nicht, wenn man ihn am nötigsten braucht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.