Dokumentation in den USA Alle haben an Britney Spears verdient

2008 wurde Britney Spears entmündigt, seitdem ist ihr Vater für die Finanzen der Sängerin zuständig. Ein neuer Dokumentarfilm ergründet, wie es dazu kam – und ob dieser Zustand noch angemessen ist.
Von Daniel C. Schmidt, Washington
Screenshot aus »Framing Britney Spears«

Screenshot aus »Framing Britney Spears«

Angefangen hat alles vermeintlich im Februar 2007, in einem Salon in Los Angeles: Vor laufenden Kameras der Paparazzi rasierte sich Britney Spears damals die Haare ab. Der Friseur soll sich geweigert haben, also nahm die Sängerin den elektrischen Trimmer selbst in die Hand . Bzzz-bzzz. Nur ein paar Millimeter blieben stehen. Es war die denkbar lauteste Geste, das Image als America's Sweetheart abzulegen.

Mit blonden Zöpfen war die Sängerin 1998 im Video zu ihrer Debütsingle »… Baby One More Time« weltberühmt geworden: Ein Teenager, gerade 17 Jahre alt, tanzt zu einer poppigen Melodie lasziv über den Flur einer Highschool, im Minirock, bauchfrei, die Bluse halb offen. Von Anfang an ist sie genau das: ein Schulmädchen, unschuldig und gleichzeitig Objekt der Begierde.

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Sie füllte die Rolle lange mit Bravour. Bis sich die Skandale knapp zehn Jahre nach Erscheinen ihres ersten Albums häuften. Sorgerechtsstreitereien, Zusammenstöße mit Fotografen, angeblicher Drogenmissbrauch. Spears hatte, so schien es, genug von den Erwartungen an die eigene Kunstfigur. Die alten Zöpfe sollten ab.

Wie sehr ihr dieser Ausbruch langfristig geschadet hat, untersucht ein neuer Film, der am Freitagabend beim US-Sender FX angelaufen ist: Die Folge »Framing Britney« aus der Dokureihe »The New York Times Presents« versucht zu ergründen, wie es dazu kommen konnte, dass die Sängerin 2008 von einem Gericht in einem Eilverfahren entmündigt wurde und ihr Vater James Spears seitdem für ihre Finanzen zuständig ist.

Ein Leben, ausgerichtet für die Bühne

Man kann diese so dramatische wie öffentliche Selbstzerlegung als Anfang eines Niedergangs auffassen. Das ist die einfachste Interpretation. Vielleicht handelte es sich doch eher um einen raren Moment der Selbstermächtigung für Britney Spears, die im Alter von drei Jahren Tanzunterricht bekommt und von da an ihr Leben für die Bühne ausrichtet, bevor ihr Leben selbst zur Bühne wird.

»Ich war sofort beeindruckt, sie war so willensstark, so fokussiert«, sagt Kim Kaiman von der Plattenfirma Jive Records über den Moment, als sie die 15-jährige Nachwuchshoffnung beim Vorsingen in New York kennenlernt. Für den Vater hat die Marketingexpertin in der Doku »Framing Britney« kein gutes Wort übrig: Der habe nur geprahlt, sagt Kaiman, wie reich seine Tochter eines Tages sein werde.

Der Film bringt leider keine neuen Erkenntnisse im Fall Spears gegen Spears zutage (im vergangenen August wurde der Antrag der Sängerin abgelehnt, ihren Vater als Vormund abzulösen). Vielmehr setzt er ihren unglaublichen Aufstieg zur Multimillionärin noch einmal geschickt in Kontext. In rund 70 Minuten wird geschildert, was es hieß, in den späten Neunzigerjahren in Amerika jung, weiblich und berühmt gewesen zu sein.

Zu jener Zeit bestimmte MTV, was popkulturell angesagt war. Der Sender stellte mit neuen Formaten eine ungewohnte Nähe zwischen Bands und Publikum her, während die sonst so prüden USA im Zuge der Lewinsky-Affäre plötzlich eine Sprache entwickelten, um über Sex zu reden.

Das Archivmaterial mit Interviews, in denen die kindliche Spears von deutlich älteren Männern aus dem Nichts nach ihren Brüsten oder ihrer Jungfräulichkeit gefragt wird, ist in der Tat zum Haareraufen oder -abrasieren.

Und zugleich zeigen die Szenen, wie schnell von einer ganzen Industrie aus dem Subjekt ein Objekt gemacht werden kann. In ihrer inneren Skrupellosigkeit ist das eine zutiefst amerikanische Erzählung, der man dort zuschaut: das ewige Spiel aus Gewinnen und Verlieren. Wer nach oben schwimmen will, muss jemand anders runterdrücken.

»Von ihrem seelischen Wohlbefinden war nie die Rede«

Die Schuldfrage wird unter den in der Doku Befragten folglich nie direkt gestellt, denn alle haben ja an Britney Spears verdient. Plattenfirma, Manager, Agenten, Magazine – und auch die Familie. »Wir haben uns gegenseitig gebraucht, es war ein großartiges Verhältnis!«, sagt ein Paparazzo aus Los Angeles, dem Spears vor Wut einmal mit einem Regenschirm beinahe das Autofenster zertrümmert hätte.

Da merkt man dann wieder, dass in den USA die Sterne heller funkeln als anderswo. Wenn es zum Absturz kommt, ist die Fallhöhe umso gigantischer, der Crash umso aufregender. »Von ihrem seelischen Wohlbefinden war nie die Rede, dafür ließ sich zu viel Geld an ihrem Leid verdienen«, mahnt Wesley Morris, Kulturkritiker der »New York Times«, an einer Stelle an.

Spears' Trennung von Justin Timberlake, den sie noch als Kinderstar aus dem »Mickey Mouse Club« kennt, füllt die Boulevardblätter und Abendnachrichten. Verantwortlich gemacht wird aber nur sie für die gescheiterte Beziehung. »Wenn es darum geht, eine Frau auseinanderzunehmen«, so Morris, »steht eine ganze Maschinerie bereit, um das anzuschieben.«

Entscheidende Details im Vormundschaftsverfahren unter Verschluss

Im Dezember wird Britney Spears 40 Jahre alt. Ihren letzten Nummer-eins-Hit in den USA hatte sie 2011. Dem Vernehmen nach hat sie ihre Probleme hinter sich gelassen, obwohl seit ein paar Jahren unter dem Hashtag #FreeBritney unter Fans eifrig diskutiert wird, ob die Sängerin geheime Botschaften in ihren Social-Media-Post versteckt, um darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Familie gegen ihren Willen handelt.

Dass die Sängerin die Vormundschaft gern beenden würde, ist kein Geheimnis und aus Gerichtsverfahren belegt. Ein derartiger Prozess ist allerdings kompliziert, die entscheidenden Details sind laut der Doku unter Verschluss. Die Beteiligten schweigen zum laufenden Verfahren.

Und so bleibt es weiterhin ein Rätsel, warum man es ihr zuletzt problemlos zugetraut hat, innerhalb von vier Jahren in Las Vegas fast 250 Konzerte zu geben, bei denen 137 Millionen Dollar umgesetzt wurden – und sie gleichzeitig juristisch gesehen nicht mehr Rechte hat als ein Kind.

»Framing Britney«, Episode 6, »The New York Times Presents«, FX

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