"Don Carlos" in Paris Glänzende fünf Akte, ganz ohne Intimsphäre

Die Saisoneröffnung in der Opéra Bastille zeigt die selten gespielte französische Fassung des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi: ein musikalisches Ereignis dank internationaler Starbesetzung.

"Don Carlos" in der Regie von Krzysztof Warlikowski
Agathe Poupeney

"Don Carlos" in der Regie von Krzysztof Warlikowski

Von Marie Simons, Paris


Die Ouvertüre ist ein lautloses Schluchzen. Während das Orchester noch schweigt, betritt der spanische Kronprinz den dunklen Bühnenraum. Minutenlang verharrt er gramgebeugt über einer Waschschüssel, dann bricht er auf einem blau-samtenen Sofa zusammen. Nach einem Moment erscheint die französische Prinzessin Élisabeth de Valois im Brautkleid und aus dem Dunkel des Hintergrunds löst sich die schweigende Menge der Landbevölkerung.

Die machtvolle Musik der Streicher setzt erst ein als Chor und Solisten auf der Bühne ihre Ausgangsposition eingenommen haben, bereit für das Spektakel um die politischen und psychologischen Wirren des spanischen Königshauses im Jahr 1650: Willkommen am Hof Phillip II., willkommen in Giuseppe Verdis "Don Carlos", willkommen in der Opéra Bastille, Paris.

Auf der Bühne der Opéra Bastille
Agathe Poupeney

Auf der Bühne der Opéra Bastille

Zur Saisoneröffnung 2017 bringt das Haus eine doppelt einzigartige Inszenierung auf die Bühne. Zum einen sind hier die Superstars der aktuellen Opernszene versammelt, die Sopranistin Sonya Yoncheva, Tenor Jonas Kaufmann, Mezzosopran Elina Garanca, Bass Ildar Abdrazakov und Bariton Ludovic Tézier. Zum anderen glänzen die Fünf in einer Fassung des Theaterstückes, die Verdi 1867/68 für die Pariser Oper komponierte. Es ist das Original in fünf Akten, auf Französisch geschrieben mit dem Libretto von Joseph Méry und Camille du Locle. Als Inspiration diente Verdi das Theaterstück des deutschen Dramatikers Friedrich Schiller, "Don Karlos, Infant von Spanien."

Selbst für die Top-Interpreten ist diese Version der Aufführung eine Herausforderung, denn bekannter, öfter gespielt und gesungen, ist die italienische Version, in lediglich vier Akten, die erst 1884 in Mailand gezeigt wurde. Der französische Fünfakter, den Dirigent Philippe Jordan in der Opéra Bastille wunderbar flüssig leitet, bedeutet somit selbst für einige der Stars ein sprachliches Rollendebüt.

Vorlage der aktuellen Inszenierung ist die Form der "Grand Opéra", die Verdi vor rund 150 Jahren schuf - eine Mischung aus historisch-politischem Sujet, großen Stimmen, opulenten Massenszenen. Ein Werk, das, so Dirigent Jordan, Effekt und Pathos nach mit heutigen Blockbustern wie "Gladiator" zu vergleichen sei. Trotzdem ist die französische Fassung nüchterner und weniger leidenschaftlich.

Der Inhalt des Dramas bleibt gleich. Der komplexe Stoff Schillers über die Reformations- und Religionskriege sowie nationale Unabhängigkeitsbestrebungen ist eng verwoben mit dem tragischen Schicksal des spanischen Kronprinzen Don Carlos. Der entflammt unsterblich für die französische Prinzessin Élisabeth de Valois; diese ist allerdings als Pfand für den Frieden bereits Carlos' Vater, dem spanischen König Philippe II. versprochen - die Liebe wird der politischen Räson geopfert.

Das Private wird politisch

Der polnische Regisseurs Krzysztof Warlikowski macht jedoch nicht das historische Umfeld zum Mittelpunkt seiner Inszenierung. Bei ihm gerät die Chronik des Königshauses zum Familiendrama, das sich vor den Augen der Öffentlichkeit abspielt: "Meine Wahl geht dahin, so oft wie möglich, und wo es funktioniert, eine private Perspektive zu finden, das heißt, all die Personen in ihrer Intimität zu sehen", sagt der Regisseur im Interview mit dem französischen Kulturmagazin "La Terrasse".

Bei Warlikowski werden die historischen Heldinnen und Helden zu Individuen, die lieben und leiden, dabei aber stets der Macht unterworfen bleiben, die sie ausüben: Das Private wird politisch.

Das Bühnenbild von Malgorzata Szczesniak - ein hoher, holzgetäfelter Kubus - unterstreicht diesen Eindruck zur Schau getragener Gefühle. Carlos, Élisabeth und der Hof agieren innerhalb dieser vier Wände wie in einem Museum, bisweilen abgetrennt hinter rot-samtenen Kordeln und bewacht von stummen Wärtern, die die Protagonisten auf der Bühne beobachten - zusammen mit dem Publikum. Wie in Vitrinen werden die Figuren in neongrell erleuchtete Räume gestellt, die sich als Versatzstücke in das zentrale Bühnenbild schieben: Kein Ort für Intimsphäre.

Szene aus dem Pariser "Don Carlos"
Agathe Poupeney

Szene aus dem Pariser "Don Carlos"

Innerhalb dieses klaustrophobischen Kammerspiels entfaltet sich nun das Drama: Jonas Kaufmann, der unlängst in Verdis "Othello" glänzte, interpretiert hier den Prinzen eindrücklich als gebrochene Figur, die nur noch die obsessive Liebe zu seiner Stiefmutter aufrecht halten kann. Sonya Yoncheva verkörpert beeindruckend die Prinzessin, die an der Seite des autoritären Königs erstarrt - komplett mit Jackie-Kennedy-Gestus und schwarzer Sonnenbrille. Ildar Abdrazakov, als König bietet mit klarem Bass einen König, der zwar unbarmherzig und streng erscheint, aber doch immer wieder eine überraschende Verletzlichkeit zur Schau stellt.

Bariton Ludovic Tézier singt den Freiheitskämpfer Marquis de Posa mit unpathetischer Agilität und bietet mit seiner Sterbeszene einen der ergreifendsten Momente des Abends. Elina Garanca besticht als Prinzessin Eboli, eine rauchende und fechtende Adelige, die mit ihren Hofdamen die Klinge kreuzt. Ihr "Chanson du Voile: Au Palais des Fées" sorgte für begeisterten Szenenapplaus. Bemerkenswert auch die Nebendarsteller, das Orchester und der Chor der Oper Paris, die entscheidend zur musikalischen Glanzleistung beitrugen.

Vielleicht lag ausgerechnet darin das eigentliche Problem von Warlikowskis Interpretation, denn die Inszenierung blieb in ihren glatten Bildern bisweilen hinter der brillanten Stimmgewalt der Starbesetzung zurück.

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insgesamt 3 Beiträge
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vadian 29.10.2017
1. Liebe Redaktion es gibt auch eine 5-aktige italienische Fassung
eigentlich sogar zwei (1872 und 1886), die spätere "Modena-Fassung" wird heutzutage auch gespielt. Die Rezeptionsgeschichte von Don Carlos ist bemerkenswert: Die Fassung der Uraufführung in Paris ist schon die 3. Fassung. Die ursprüngliche Fassung musste gekürzt werden, weil es damals eine unumstössliche Regel gab, dass Opern nicht nach Mitternacht enden durften.
walraud_riegler 29.10.2017
2. Zahlendreher
Statt 1650 muss es 1560 heissen, bitte ändern!
walraud_riegler 29.10.2017
3.
"....diese ist allerdings als Pfand für den Frieden bereits Carlos' Vater, dem spanischen König Philippe II. versprochen" FALSCH: sie war Carlos versprochen und aus aktuell politichen Grünen hat sie der (verwitwete) Vater geheiratet. Das ist der Kern der ganze Geschichte dieser Oper. Bitte Artikel korrigieren!
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