Zum Tod von Don Everly Eine Stimme wie aus Sternenstaub

Ihr schwereloser Harmoniegesang beeinflusste die Beatles genauso wie die Beach Boys: Gemeinsam mit seinem Bruder bildete Don Everly den Prototyp einer Boygroup. Nun ist er mit 84 Jahren gestorben.
Don Everly (1937–2021)

Don Everly (1937–2021)

Foto: Gijsbert Hanekroot / Redferns

Irreal enge Anzüge, magisch gen Himmel aufgeworfene Haartollen und Gesangsharmonien, die direkt zum Sternenfirmament aufzusteigen schienen: So erschienen die Everly Brothers Ende der Fünfzigerjahre auf der Bildfläche und stellten den Prototyp einer weißen Boygroup dar, die von jeder Schwerkraft befreit zu sein schien.

Angesichts der zweistimmigen Schmeicheleien der Everly Brothers waren die Mädchen, die ihre Konzerte bevölkerten, ebenso entzückt wie die Mütter aus den aufgeräumten Vorstädten, die ihre Töchter eigentlich vor den Verführungen der neuen Teufelsindustrie namens Popmusik schützen wollten. Im Gegensatz zu den Songs ihrer Rock'n' Roll-Zeitgenossen Elvis Presley und Jerry Lee Lewis waren die der Everly Brothers frei von unverblümten Beischlafaufforderungen, ihre Stimmen klangen wie aus Sternenstaub.

Das hielt die Behörden nicht davon ab, sich an der Verführungskraft ihrer Gesangskunst abzuarbeiten. Ihren ersten Nummer-eins-Hit hatten die Everly Brothers 1957 mit dem Song »Wake Up Little Susie« , der davon handelte, wie zwei Teenager bei einem langweiligen Film einschlafen, um dann am frühen Morgen aufzuwachen und Angst davor zu bekommen, wie sie das den strengen Eltern erklären. Eigentlich harmlos – andererseits: Was wissen wir Hörer denn schon, was da wirklich bis vier Uhr morgens passiert ist. In Teilen der USA wurde der suggestive Song deshalb aus dem Radio verbannt.

Gesang als Aphrodisiakum

Was konnten Don und Phil Everly schon machen? Bei diesen Aphrodisiakum-Stimmen mussten sie trotz aller Schwiegersohntauglichkeit im prüden Amerika der Fünfzigerjahre zu Verdachtsfällen moralischer Unzuverlässigkeit werden. »All I Have to Do Is Dream«  oder »Take a Message to Mary« waren von ähnlich traumwandlerischer Stimmsicherheit und träumeentfachendem Schmelz. Die Brüder waren gesegnet mit ihren Stimmen, aber sie hatten auch schon in sehr jungen Jahren sehr hart an deren Verfeinerung gearbeitet.

Ihr Vater war ein Bergarbeiter, der Gitarre spielen konnte. An der Seite seiner Ehefrau fungierte er als Gastgeber einer Countryshow im lokalen Radio von Shenandoah, Iowa. Don und Phil mussten schon früh mit ran ans Mikro.

Ein frühes Promofoto der Brüder: Verdachtsfälle moralischer Unzuverlässigkeit

Ein frühes Promofoto der Brüder: Verdachtsfälle moralischer Unzuverlässigkeit

Foto: Michael Levin / Corbis via Getty Images

Später zog die Familie nach Knoxville unweit der Countrymetropole Nashville, wo die Jungs ihren eigenen Gesangsstil entwickelten. Don legte mit seinem samtenen Bariton vor, Phil umschmeichelte ihn dann in helleren Tonlagen. »Es ist, als spielte man Tennis mit jemandem, der wirklich großartig ist«, sagte Phil einmal in einem Interview. »Du darfst dich nicht eine Mikrosekunde ablenken lassen, sonst lässt er dich zurück.«

Hoch konzentriert und schwerelos – so prägten die Everly Brothers die Popmusik. Wo immer in den folgenden Jahrzehnten junge weiße Männer einander in zweistimmigen Harmoniegesängen umspielten, war ihr Einfluss präsent. Von den Beatles zu den Eagles, von den Beach Boys zu Simon & Garfunkel, sie alle waren oder sind bekennende Everly-Brothers-Fans. Paul McCartney schrieb ihnen zum Dank für die Inspirationen in den Achtzigern, als sie eines ihrer vielen Comebacks probierten, den Song »On the Wings of a Nightingale«.

Dass die Brüder selbst nie einen anhaltenden Megastarerfolg hatten, mag über die Jahre dann doch geschmerzt haben. Dass sie extrem unterschiedlich gewesen sind, mag an verschiedenen Karrierepunkten noch problematischer gewesen sein. »Ich bin ein liberaler Demokrat«, sagte Don einmal. »Phil ist ziemlich konservativ. Wir sind uns ziemlich fremd, nur beim Singen sind wir uns nah.«

Phil, der jüngere Bruder, erlag bereits 2014 im Alter von 74 Jahren einem Lungenkrebsleiden. Wie die Familie der »Los Angeles Times«  bestätigte, starb am Samstag nun auch Don Everly in seinem Haus in Nashville. Er wurde 84 Jahre alt.

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