Currentzis und Mozart Höllenfahrt mit Lust und Laune

Mit dem hochkomplexen "Don Giovanni" schließt der Dirigent Teodor Currentzis seinen Mozart-Zyklus der Da-Ponte-Opern ab. Wieder peilte er Grenzerfahrungen an: ein düster glänzender Rausch.

Anton Zavyalov/ Sony Music

Alles auf Anfang! Keine Kompromisse: Teodor Currentzis, seit 2011 Musikchef der Oper im sibirischen Perm, hatte gemeinsam mit seinem Ensemble den "Don Giovanni" schon aufgenommen, da missfiel ihm das Ergebnis so sehr, dass er das komplette Mozart-Werk noch einmal neu anging. Wenn man die nun vorliegende Version (Sony/Erscheinungstermin: 4. November) sich anhört, steht eines fest: Diese Aufnahme braust mit brachialer Energie und dennoch feingeschliffener Subtilität durch die Partitur, dass man bei Giovannis Achterbahnfahrt in die Hölle liebend gerne im ersten Wagen sitzen und alle paar Minuten die Arme vor Wonne in die Höhe recken möchte.

Adrenalin in Fülle! Currentzis ballt den Orchesterklang in der einen Minute aggressiv und kompakt, fächert ihn in der nächsten filigran auf, gibt bei den Tempi mal gnadenlos Gas, um im nächsten Moment hemmungslos überdrehter Romantik die Bühne zu bieten. Musik, so wild wie der notorische Wüstling. Rock'n'Roll mit Giovanni!

Achterbahnfahrt in die Hölle

Immer noch wirkt der 1972 in Athen geborene Zauberdirigent Teodor Currentzis im Gespräch und im Konzert wie ein verklärter Überflieger und doch aufreizend jungenhaft. Wer ihn bei seinen diesjährigen Deutschland-Gastspielen mit der konzertanten Aufführung von Henry Purcells Maya-Oper "The Indian Queen" erlebt hatte, versprühte anschließend meist pures Entzücken. Und was heißt bei Currentzis schon "konzertant"! Natürlich turnte der Dandy des Taktstocks wieder ins Orchester hinein, schlug höchstselbst die große Trommel, ließ seinen glänzenden Permer Opernchor ins Publikum marschieren und die Solisten alles schauspielen, was auf der Konzertbühne möglich ist.

Die Lightshow gab es inklusive, man erfuhr im Wortsinne belebte, pralle Barockmusik voller Liebe und den Schrecken der Brutalität, Gefühlswallungen und Sinnlichkeit, die drei Stunden flogen vorüber.

Was heißt schon konzertant!

Mozarts "Don Giovanni" verlangt natürlich ganz andere Werkzeuge in Klang und Dramaturgie, aber die Qualität von Currentzis zeigt sich gerade in seiner intellektuellen Schärfe und seinem Willen, das Sujet gründlich und nachvollziehbar zu durchdringen. Wie schon beim "Figaro" und der "Cosi Fan Tutte" werden die Rezitative effektvoll von einem "Fortepiano" mit historischem Hammerklang begleitet, dem Nachbau eines Modells von 1805. Auch sein von ihm 2004 gegründetes Orchester MusicAeterna hat inzwischen eine an Erfahrungen mit historisch informierter Spielweise gewachsene Reife erreicht, die immer wieder verblüfft.

Bereits in der Ouvertüre lassen es Currentzis und MusicaAeterna breitseitig krachen: Trockene, kompakte Sounds, Don Giovannis unerbittlicher Drang vom prallen Leben zum erlösenden Tod, seine förmliche Sehnsucht nach Verderben entströmen bereits den ersten Minuten der orchestralen Farbgebung. Sie finden ihre Entsprechung in den fast brutalen Ausbrüchen wie Giovannis "Su, svegliatevi, da bravi!" mit den Dienern im Finale des ersten Aktes. Dieses Spiel mit der Dynamik und der brutalen Kraft der Partitur beherrscht Currentzis in Perfektion: Wer beim Aktschluss "Trema, trema, o scellerato!" keine Gänsehaut bekommt, muss ein Herz aus Stein haben. Die Grundlinien der Opulenz in den wilden Tutti stets durchhörbar zu gestalten, das rauscht und überwältigt durch Präzision.

Ekstatischer Champagner-Aufschrei

Dafür lässt Currentzis den scheinbar romantisch-harmlosen Ständchen-Momenten wie Giovannis "Deh vieni alla finestra" ihre verspielte Harmlosigkeit, und dies macht den Wüstling nur noch wüster. Dimitris Tiliakos singt seinen Giovanni als starken, von keinem Selbstzweifel angekränkelten Schlaumeier, der weiß, was er für einer ist, dass ihn keiner so recht liebt, und er darum auch gleich die ganze Schöpfung hasst. Immer wieder wüten die Rezitative, bei Currentzis niemals nur Übergänge, sondern dramatische Spitzen. Ein ekstatischer Aufschrei wird dann Giovannis bekannte "Champagner-Arie", in der sich seine Chuzpe mit dem wilden Orchester-Ausbruch vermählen: rasende Sinnlichkeit an der Grenze zur Brutalität.

Don Giovannis Frauen Donna Anna und Donna Elvira werden von Myrtò Papatanasiu (Anna) und Karina Gauvin (Elvira) mit subtiler Noblesse und wissender Melancholie gesungen, Gauvins samtig-raffinierter Sopran wirkt dennoch eine Spur bissiger als Papatanasius strömendes Sentiment. Beide zeichnen aber beeindruckend profilstarke Charakterstudien. Vito Priantes Leporello schlägt sich bestens in der rauen Umgebung, Kenneth Tarver als Don Ottavio gelingen in der grandiosen Arie "Dalla sua pace" die dunklen Akzente bei aller tenoralen Brillanz überzeugen und eindringlich. Alle geben alles: ein "Don Giovanni" für die Ewigkeit.

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insgesamt 1 Beitrag
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heinrich-wilhelm 30.10.2016
1. Oh je
leider hab ich keine Performance hören und sehen können,aber der schwärmerische Bericht hat mich fast entschädigt,und ,Pardon, erinnert an die schwelgendeBeschreibung der Superlage des Jahrhundertweines schlechthin. Na ja ,muss auch mal sein. Macht auf jeden Fall neugierig.
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