Album-Überraschung »Honestly, Nevermind« Drake macht jetzt Dance

Der kanadische Superstar-Rapper Drake hat über Nacht überraschend sein neues Album veröffentlicht. Überraschend ist auch der Sound: »Honestly, Nevermind« ist ein (fast) reines Dance-Album. Fans sind irritiert.
Rapper Drake (2021 in London): Dance-Pop statt Hip-Hop

Rapper Drake (2021 in London): Dance-Pop statt Hip-Hop

Foto: Jordan Curtis Hughes / PA Media / dpa

»Ganz ehrlich? Vergiss es!«, so könnte man den Titel von Drakes siebtem Studioalbum übersetzen, das der kanadische Rapper in der Nacht zum Freitag ohne Ankündigung auf Streamingdiensten veröffentlichte. Und genau das mögen sich auch viele zunächst irritierte Fans gedacht haben, als sie die 14 neuen Songs ihres Idols dann hörten: Der 35-Jährige rappt auf seinen Tracks kaum noch, er singt! Und die Musik dazu ist bis auf vereinzelte Stücke kein Hip-Hop mehr, sondern leichter, sehr sommerlicher, homogen ineinander fließender Dance-Pop, eingeleitet von einem jazzigen Instrumentalintro. Zu den besten Momenten zählen die im Falsett gesungene Ballade »Falling Back«, die auf einem elektronischen Minimal-Groove vorantreibt, das karibisch beschwingte »Texts Go Green« und der fast lupenreine UK-House-Track »Massive«.

Der WTF-Sturm auf Twitter ließ nicht lange auf sich warten. Drake mache jetzt Musik für die Schnipselvideo-Plattform TikTok, schrieb einer, andere hämten, das neue Album sei ein Soundtrack für Nagelstudios oder Trend-Boutiquen: nichts für vermeintlich »echte« Männer also, könnte man aus den Kommentaren herauslesen. Das wird Drake allerdings mehr als egal sein, da er ohnehin mit den tradierten Männlichkeitsbildern seines Genres bricht – und daher als emotionaler Softie-Rapper gilt. In der Vergangenheit veröffentlichte er immer wieder extrem tanzbare Tracks, die zu seinen größten Hits zählen, darunter »Toosie Slide« oder »One Dance«. Songs dieses Kalibers finden sich auf »Honestly, Nevermind« nicht nach dem ersten Eindruck, es ist eher die Konsequenz, Pop und Dance nun nicht nur einzustreuen, sondern in den Vordergrund zu stellen, die verblüfft.

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Schon früher gehörte Drake zu den Rappern, die ihren Horizont weiteten, karibische, afrikanische und britische Dance-, Techno- oder Grime-Trends in seine Musik einfließen ließen. Vielleicht machte ihn auch genau diese Offenheit mit über 150 Millionen Tonträgern zu einem der erfolgreichsten Stars des Genres neben Kanye West, Eminem oder Jay-Z. Produziert wurde »Honestly, Nevermind« erneut von Drakes üblichen Mitstreitern und Beat-Lieferanten, darunter Noah »40« Shebib und Tay Keith, zu den Mitwirkenden zählen aber auch ausgewiesene Elektronikmusiker aus Europa wie die Berliner Rampa &Me, Alex Lustig und der südafrikanische DJ Black Coffee. Das einzige Feature, US-Rapper 21 Savage, macht dann auch beim einzigen klassischen Raptrack des Albums mit: dem Schlussstück »Jimmy Crooks«, das einerseits eine Hommage an den verstorbenen Rap-Newcomer Lil Keed ist, aber auch ein wenig wie ein Zugeständnis wirkt, um die Hip-Hop-Fangemeinde nicht komplett zu vergraulen.

Offenbar will sich Drake mit seinen neuen Tanz-Tunes eine besonders miese und betrübliche Zeit austreiben, vielleicht auch eine Trennung, darauf lassen viele der waidwunden Texte des Albums schließen, aber auch ein Statement, das der Rapper im gewohnt selbstmitleidigen und leicht mimosenhaften Duktus zur Veröffentlichung auf Instagram postete: »Ich bin nicht in einer Phase meines Lebens, in der mir ein Klopfen auf die Schulter hilft, mich durchzubringen. Loyalität ist mir wichtiger als ein 'Oh my' & Emoji-Feuer«, schreibt er. Er wisse, diejenigen, die ihm sagen, dass sie ihn lieben, liebten ihn nicht zu jeder Zeit, fügt er hinzu: »Ich weiß, was was ist und vor allem was und wer an meiner Seite ist.«

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Ob es Drake auch mit seinem neuen Sound gelingen wird, wie im vergangenen Jahr gleich neun Tracks von seinem damals aktuellen Album gleichzeitig in die Charts zu bringen, ist fraglich, aber jenes »Certified Lover Boy« mag zwar sehr erfolgreich gewesen sein, aber als gewöhnliches, um sich selbst kreiselndes Hip-Hop-Album auch sehr langweilig – und sehr lang.

Drakes Ansatz auf dem eher kurz gehaltenen »Honestly, Nevermind« wirkt hingegen erfrischend, eine Weiterentwicklung mit globalem Pop-Anspruch, die ein wenig an 2009 erinnert, als Kanye West sein elektronisches Balladenalbum »808 & Heatbreak« veröffentlichte – und die Hip-Hop-Gemeinde ähnlich vor den Kopf stieß. Heute gilt es als Klassiker, das dem Genre unter anderem jenen Autotune-Gesang bescherte, von dem nun auch der neue Dance-Popsänger Drake profitiert.

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Egal, ob dieses Album eine lässige Fingerübung ist oder durchdachter Strategiewechsel: Drake wird damit letztgültig zu einem Popkünstler, der sein Publikum nicht mehr vorrangig aus dem Rap-Umfeld rekrutiert, sondern aus offeneren und diverseren Communitys. Im ebenfalls am Freitag veröffentlichten Kurzfilm zu »Falling Back« zelebriert er zunächst aber noch einmal sein Loverboy-Image und lässt sich gleich eine ganze Horde aufgerüschter Bräute an den Altar führen. Darunter auch das deutsche Model Lisa Straube, dem in letzter Zeit eine Liaison mit Drake nachgesagt wurde. Derartige Polygamie, auch wenn’s lustig gemeint ist, ist natürlich dann doch ein Macho-Move. Er kann’s halt nie allen recht machen. Aber ganz ehrlich? Nevermind.

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