Kultur

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Aufguss von Dschinghis Khan

Ein Chor geistiger Apathie

Sie waren die Könige der kulturellen Aneignung: Dschinghis Khan sangen einst über ein Russland, in dem Liebe nach Kaviar schmeckt. Jetzt gibt es ein Revival - als WM-Kalauer. Fan Anja Rützel ist schockiert.

Samstag, 02.06.2018   21:53 Uhr

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Eins gleich vorneweg: Ich liebe Dschinghis Khan.

Als ich in der neunten Klasse war, sang ich ungefähr fünf Mal in der Woche "Rom", das Antiken-Schmonzes-Lied der Band, und zwar alle Strophen. Meine Lateinlehrerin war der Meinung, man könne aus dem Text viel über römische Geschichte lernen und spielte das Lied zu Beginn jeder Stunde auf ihrem leierigen Kassettenrekorder, wir mussten aufstehen und mitsingen.

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Risse man mich heute mitten in der Nacht aus tiefem Schlaf, würde es mit dem Aufsagen aller amtierenden Ministerpräsidenten sicher schwierig. Aber "Ausgesetzt und um den Thron betroooogen / Und von einer Wölfin großgezogen / Romulus und Remus, die zwei Brüüüüder /Bauten eine Stadt auf sieben Hügeln / Roma, Roma, Romulus schlug seinen Bruder tot", könnte ich unter Garantie mit Schmackes fehlerfrei und ohne Stocken herunterschnurren.

Stereotyp-vertrottelt

Ja, ich liebe Dschinghis Khan, diese Könige der grobschlächtigen, kulturellen Aneignung, die schon rücksichts- und respektlos im kulturellen Gekröse anderer Kulturen wühlten, als es für diese Fledder-und-Plünderpraxis noch keinen kritischen Begriff gab. Besonders gerne mag ich, gleich nach "Rom", ihren Hit "Moskau", ein schmissiges Krudgemisch aus Triefpathos und inhaltlichen Fehlgriffen - "Liebe schmeckt wie Kaviar / Mädchen sind zum Küssen da" knüpft da nahtlos an das unschlagbar stereotyp-vertrottelte "Lasst noch Wodka holen, ho ho ho ho / denn wir sind Mongolen, ha ha ha ha!" an.

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All das kann man ertragen und tatsächlich auch mit halb kindheitsgerührtem, halb peingeschütteltem Vergnügen betrachten, wenn man den Werkskörper von Dschinghis Khan eben als die musealen Schauderstücke sieht, die sie heute rückblickend sind.

Es gibt freilich keinen Grund, diese Gesinnungsmumie von 1979 wieder auszugraben. Ralph Siegel hat es nun anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Russland getan - und, schlimmer noch: Er hat dem Projekt als neuen Sänger ausgerechnet Jay Khan aufgepfropft - zumindest in der deutschen Version (es gibt noch eine russische mit Sänger Alexander Malinin und seiner Tochter Ustinya und eine spanische Fassung mit dem mexikanischen Tenor Jorge Jiménez und seiner Frau Marifer Medrano):

Jay Khan sang mal in der Boyband US5, besser kennt man ihn freilich als schauspielerisch prekären Schein-Tümpelzüngler aus dem Dschungelcamp. Bei einer ersten Durchsicht des Musikvideos der "deutschen Fußball-Version" fällt einem dann auch plötzlich wieder seine so schön verdrängte Catchphrase wieder ein, die Khan im Camp bei Wortscharmützeln mit Sarah "Dingens" Knappik kultivierte: "Das ist Bullshit!". Denn, oh ja, das ist Bullshit: Wenn es bei Jay Khans Verpflichtung nur um einen albernen Wortwitz ging - hätte man da nicht etwas Geld in die Hand nehmen und gleich Oliver Kahn verpflichten können?

Rechtemäßig nur Ramschware

Im Original-"Moskau" wurde für die neue Fassung ordentlich herumgefuhrwerkt: Manche Zeilen sind geblieben (die zu küssenden Mädchen flogen, unter anderem, raus), dazu kamen Dümmlichverse wie "Wir singen hey, hey, hey, lasst es krachen / jeder gewinnt mal, so oder so / lasst uns das alte Feuer entfachen / Deutschland he, Deutschland ho, Jogi go!" Oder, es knirscht arg im Metapherngebälk: "Fußball ist wie Kasatschok / und wir spielen 'round the clock, ha ha ha ha-HA!"

Ein bisschen lustig, weil so erbärmlich, sind die Bilder der deutschen Nationalmannschaft, die dazu im Video gezeigt werden: Offenbar reichte es rechtemäßig nur für Ramschware, wir sehen Jogi Löw mit einer sonderbaren, engen Kapuze, halb Eisschnellläuferanzug, halb Seehundkostüm, Thomas Müller im Trakehnerschritt bei gymnastischen Aufwärmübungen, dann wieder Löw, leicht mürrisch in Daunenjacke.

Dann tritt eine Xenia-artige Doppelaxtkämpferin auf, mit der Jay Khan noch mal eine Reprise seiner Teicherotik-Einlage andeutet. Zum Ende hin singt sich dann ein Deutschland-Deutschland-Deutschland-Chor in geistige Apathie, dazu sehen wir russenseithockende Tänzer.

Ralph Siegel hoffe, dass der Song die ganze Welt erreiche und unsterblich werde, sagte er bei der Releaseparty in München. Oder man könnte hoffen, dass er für diesen Frevel, Strafe muss sein, nächstes Jahr am Dschungelcampfeuer sitzt.

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