Duell der Rap-Stars Mannsbilder reloaded

Heute startet der HipHop-Showdown in der Schwergewichts-Klasse: 50 Cent und Kanye West veröffentlichen zeitgleich ihre Alben. Wer gewinnt den Dollar-Krieg: der Gangster oder der Hipster?
Von Jonathan Fischer

Mann gegen Mann, MC gegen MC. Sich duellierende Rapper gehören zu den Grundfesten des HipHop wie Plattenspieler und Mikrofone. Legendär etwa die verbalen Zweikämpfe zwischen KRS-One versus MC Shan, Ice Cube versus NWA oder LL Cool J versus Kool Moe Dee. Das war in den achtziger und neunziger Jahren. Heute scheuen viele der prominenten Rapper solche Auseinandersetzungen. In dem Milliarden-Dollar-Geschäft namens HipHop mag niemand mehr das Risiko kommerziellen Selbstmordes eingehen.



Schließlich blüht dem Verlierer nicht nur der Verlust seiner Fangemeinde: Auch das Plattenlabel, angeschlossene Vermarktungsfirmen und die gesamte Entourage müssten mitbezahlen. Das erlebte beispielsweise der höchst erfolgreiche Rap-Star Ja Rule, als er vor fünf Jahren den Newcomer 50 Cent herausforderte. Ja Rule zog in den Augen der Öffentlichkeit den Kürzeren und bleibt seitdem auf seinen Alben regelrecht sitzen.

Der Gewinner von damals aber hatte Blut geleckt: 50 Cent zettelte in den letzten Jahren immer neue Wortkriege an - unter anderem mit Fat Joe, Jermaine Dupri, The Game und P Diddy. Jetzt geht er aufs Ganze. Aus Anlass der gleichzeitigen Veröffentlichung seines eigenen Albums "Curtis" mit "Graduation", dem neuen Longplayer von Kanye West erklärte der Curtis Jackson getaufte Rapper: "Wenn Kanye am ersten Tag mehr Platten verkauft als ich, werde ich meine Rapkarriere als Solo-Künstler an den Nagel hängen".


Hatte sich 50 Cent vom eigenen Testosteron-Duft überwältigen lassen? Oder vertraut er ganz einfach auf eine Fortsetzung seiner Erfolgsgeschichte? Immerhin hat allein sein Debut "Get Rich Or Die Trying" weltweit 10-fach Platin eingefahren und mehr Kopien verkauft als Wests beide Alben "The College Dropout" und "Late Registration" zusammen.

Trotzdem scheint sich 50 Cent – ansonsten ein gewiefter Geschäftsmann - diesmal auf gefährliches Terrain zu begeben: Zwar hat er die gerade angesagtesten Produzenten von Dr. Dre bis The Neptunes eingekauft. Er lässt seinen Mentor Eminem neben Justin Timberlake und Mary J.Blige als Gast auftreten. Und rezitiert mit "Straight To The Bank" oder "I Get Money" altbewährte Themen.

In punkto musikalischer und lyrischer Originalität aber kann er mit West, der sich selbst produziert, Steely Dan oder Daft Punk sampelt und unkonventionelle Gäste wie John Mayer oder Chris Martin von Coldplay auf sein Album lädt, nicht mithalten. Auch bei den Kritiker-Sympathien liegt West klar in Führung: Dessen letztes Album "Late Registration" hatte (im Gegensatz zu 50 Cents "The Massacre") 2006 einen Grammy als bestes Rap-Album gewonnen. Und wenn der Chicagoer Produzent und Rapper immer wieder als Retter des HipHop gefeiert wird, dann weil er frische Alternativen zum auf der Stelle stampfenden Gangster-Rap bietet.


Allein die Alben-Cover sprechen für sich: Auf "Curtis" blicken wir in 50 Cents finster drohendes Gesicht; das in Schwarz-Weiß gehaltene Porträt verspricht Schmerz, Gewalt und coole Posen. Kanye Wests "Graduation" dagegen kommt als freundlich-versponnener Comic daher: Der japanische Künstler Takashi Murakami lässt da einen Teddybär aus einer Raumschiff-ähnlichen Universität fliegen, seine fröhlichen Farben erwecken Assoziationen mit Kinderspielzeug.

Angst vorm schwarzen Mann

So steht das Duell Kanye West versus 50 Cent nicht nur für zwei Großentwürfe des HipHop. Es konfrontiert auch entgegengesetzte Modelle schwarzer Männlichkeit: Auf der einen Seite ein ehemaliger Drogendealer, der immer noch seine gewalttätige Vergangenheit auf den Straßen von Queens, New York, ausschlachtet und dabei kaum ein Klischee von leichten Frauen über Dollar-Bündel bis zur kugelsicheren Weste auslässt.

Stoischer Supermann vs. politbewußter Hiphop-Ästhet

Auf der anderen der exzentrische Mittelklasse-Spross, der über ein Design-Studium zum HipHop kam, rosa Polo-Shirts trägt und seinen Hipster-Stil mit politischen und sozialen Anliegen verknüpft.

Dabei vertritt 50 Cent das für den HipHop konventionellere Modell: Als stoischer Supermann, mit zur Maske erstarrten Gesichtszügen und Riesen-Bizeps verkörpert er das Ideal des "Cool". Die Zurschaustellung übertriebener Männlichkeit gehört seit langem zum Überlebens-Repertoire der diskriminierten und in jeder Hinsicht gefährdeten Inner-City-Jugend. Sie kaschiert verletzten Stolz, Schmerz, Wut, Selbstzweifel, lässt den Horror des täglichen Lebens scheinbar abprallen.

Die weltweite Identifikation der Fans mit solchen Ego-Boostern hat 50 Cent Verkaufsrekorde beschert. "Die Menschen fühlen sich von der Macht des coolen schwarzen Mannes angezogen", schreibt der afroamerikanische Psychologie-Professor Richard Majors in seinem Buch "Cool Pose", "weil er Kontrolle, Stärke und Stolz verkörpert." Doch das ist nur die eine Seite der Macho-Pose. Auf der anderen die coole Fassade zur Zwangsjacke werden, die ein Wachstum des Rappers zu mehr Persönlichkeit und lyrischer Tiefe verhindert.

Modisch, mutig, kritisch

Kanye West dagegen hat es nie nötig gehabt, sich die Maske der Unverwundbarkeit umzuhängen. Wenn Gangster-Rapper das Zeigen von Gefühlen als Schwäche interpretieren, dann hat er die Verknüpfung persönlicher Bekenntnisse mit sozialkritischen Themen zur hohen Kunst erhoben. Er gibt eher den Zweifler als den Macho. Und bleibt bei aller Liebe zum Luxus und ausgefallenen Designerstücken nicht in den Ghettomythen des HipHop gefangen.

Als Sohn eines zum christlichen Eheberater bekehrten Ex-Black Panther Aktivisten und einer Englisch-Professorin hat Kanye West deren politische Diskussionen wie selbstverständlich aufgesogen, weiß er um afroamerikanische Geschichte so gut Bescheid wie um die Feinheiten der Hipster-Ästhetik . So kritisierte er Präsident Bush wegen seiner Untätigkeit nach Katrina. Und schrieb vor zwei Jahren "Diamonds From Sierra Leone": Ursprünglich eine Hymne auf die teuren Karäter, dichtete West sie nachdem er von der Kinderarbeit in afrikanischen Minen hörte, zu einer Kritik am Blut-Diamanten-Geschäft um.

"Die Plattenfirmen denken, HipHop-Fans sind ignorant", hat West angesichts der Monokultur in seinem Genre gewettert. "Dass sie keine Nahrung für ihre Seele brauchen. Ich aber bleibe bei meiner Realität." Einer Realität, in der der furchtlose, unsensible, egozentrische schwarze Mann, den Gangsta-Rap und Hollywood als Helden vorschieben, nicht das ganze Afroamerika repräsentiert. So wagt er etwa auf dem neuen Track "Big Brother", erst seine eigene Schüchternheit gegenüber seinem Idol, dem ehemaligen Dealer und heutigen Rap-Mogul Jay-Z einzugestehen, um diesen dann doch in aller Freundschaft zu kritisieren.

Wie auch immer die Kontroverse der beiden Rap-Ikonen ausgehen mag: HipHop wird sich kaum verändern - selbst wenn 50 Cent seine Wette verlieren sollte. Die Figur des unpersönlichen Ghetto-Superhelden wird, verkörpert von diesem oder jenem Rapper, weiterhin Millionen Fans mit der Illusion von Unbesiegbarkeit beglücken.

Kanye West aber bleibt die Hoffnung aller, die nach einer Grenzerweiterung des Genres dürsten. Bei ihm ist HipHop ein großer Spielplatz. "Ich mache Musik wie ein kleines Kind", hat er erklärt und gestanden, einige seiner musikalischen Ideen sogar der Hintergrund-Beschallung im Möbelladen entnommen zu haben. "Ich bin eben HipHop, aber eben nicht nur HipHop."

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