ESC-Sieg für die Niederlande Der Piano-Man bezwingt die Windmacher

Nach 44 Jahren geht die Siegestrophäe beim Eurovision Song Contest wieder in die Niederlande. Duncan Laurence findet mit seiner Pop-Ballade "Arcade" das richtige Maß an Inszenierung im quietschbunten ESC-Zirkus.

Michael Campanella/ Getty Images

Von


Sehr selbstbewusst, vielleicht sogar ein bisschen siegesgewiss hatte Duncan Laurence schon gewirkt, als die Kamera sein Gesicht beim Einmarsch der Kandidaten ins Kongresszentrum von Tel Aviv einfing. Konnte man es ihm verdenken? Seit Wochen hatte er als der Topfavorit gegolten, bei den Wettbüros, aber auch bei vielen Fan-Abstimmungen. Was sollte da noch schiefgehen?

Doch viele scheinbar sichere Sieger sind schon beim Eurovision Song Contest gestürzt, und als die Jurystimmen aus 41 Ländern nach langer Prozedur endlich bekanntgegeben worden waren, lagen die Niederlande mit 231 Punkten zwar im Spitzenfeld, aber doch hinter den Beiträgen aus Schweden und Nordmazedonien.

261 Punkte kamen dann noch durch Zuschauerstimmen hinzu - 30 weniger zwar als der Publikums-Champion Norwegen erhielt. Aber zusammengenommen reichte es in der Gesamtwertung für den mit 27 Punkten Vorsprung auf Italien dann doch recht eindeutigen Sieg.

Der erste ESC-Sieg für die Niederlande seit 44 Jahren (Teach-In gewannen 1975 mit "Ding-a-Dong"), der fünfte überhaupt, löste großen Jubel aus bei den niederländischen TV-Kommentatoren. Und das "Yes", mit dem Duncan Laurence die Trophäe entgegennahm, war ein Stoßseufzer der Erleichterung, der von sehr tief innen zu kommen schien.

Fotostrecke

7  Bilder
ESC 2019: So sehen Sieger aus

Sein erfolgreicher Titel ist eine Klavierballade, in der er für die Suche nach der Liebe auf recht clevere Weise Spielsucht-Metaphern nutzt. Geschrieben hat der 25-Jährige, der eigentlich Duncan de Moor heißt, den Song schon während des Studiums an der Rock Academy in Tillburg (an der fertigen Fassung arbeiteten noch der Produzent Wouter Hardy und der schwedische Songwriter Joel Sjöö mit).

"Music first - always"

In seinem kurzen Siegerstatement vor dem Millionenpublikum des ESC sagte Duncan Laurence: "This is to music first - always" - die Musik solle immer zuerst kommen. Damit positionierte sich der Niederländer in der Debatte, die seit einigen Jahren immer polarisierter um den Song Contest kreist: Ist er eine Leistungsschau des Pop-Songwriting oder wird doch eher die spektakulärste Show ausgezeichnet. Wie die meisten Interpreten, die die Niederlande zuletzt ins Rennen geschickt hatte, zählt also auch Laurence zum Team "Real Music".

Doch auch der einnehmendste Popsong will für eine Fernsehshow inszeniert sein - die niederländische Delegation setzte den Sänger an ein elektrisches Piano, ließ ihn gelegentlich keck in die Kamera blicken, und setzte ansonsten zwei Lichtakzente: Ein Lampenball sank langsam von der Hallendecke herab und stieg wieder auf. Und ein Gegenlichtstrahler setzte den Piano Man Laurence ins heroische Profil. Sehr reduziert, aber auch sehr stimmig.

Fotostrecke

30  Bilder
Eurovision Song Contest: Die Auftritte der Finalisten

Oft amüsiert man sich im Westen Europas über allzu ambitioniert erscheinenden Zinnober, mit denen Länder wie Aserbaidschan (2019: Roboter! Lazer!! Hologramm!!!) beim ESC um Aufmerksamkeit buhlen. Windmaschinen und Trickkleider sind da oft schon passé.

Doch auch die Niederländer wussten, wie sie mit dem ESC-Stammpublikum zu spielen hatten, als sie ein Vorabvideo zu "Arcade" veröffentlichten, in dem Duncan Laurence nackt im Wasser tauchte und Blicke auf seinen Hintern erlaubte. "Music first - always"?

Letztlich zeigt die Tatsache, dass "Arcade" sowohl bei den professionellen Jurys als auch beim mutmaßlich für Showelemente empfänglicheren TV-Publikum reüssierte, dass die Niederlande einen guten Kompromiss gefunden haben. Es gab sicher schon strahlendere Sieger. Lieder, die aus dem Rahmen fielen oder eine gesellschaftliche Stimmung auf den Punkt brachten. So ein Lied ist "Arcade" nicht. Aber dafür könnte es durchaus in den nächsten Wochen manchmal im Radio zu hören sein.



insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
widower+2 19.05.2019
1. Schwach!
Kein einziger Song des diesjährigen ESC wird irgendwie und irgendwem länger in Erinnerung bleiben. Das war der schwächste ESC/Grand Prix aller Zeiten. Oh. Wait. Es kommen ja noch ein paar.
toby85fue 19.05.2019
2. Eintagsfliege
Das tolle Ergebnis von Michael Schulte im Vorjahr war leider ein Ausrutscher in der ansonsten grauenvollen Liste deutscher Debakel beim Contest. Plätze 24-26 in den letzten Jahren sprechen für sich. Herr Schreiber vom NDR darf mit allen anderen Schnarchnasen, die seit Jahren alles falsch machen, was man falsch machen kann, aber sicherlich problemlos weiter machen. Immerhin verhindert er dadurch, dass Deutschland den ESC noch einmal ausrichten muss. Bei Kosten von 40 Mio. Euro ist das vielleicht sogar der richtige Weg. Als für Deutschland die Null vorgelesen wurde und Frau Rafaeli das sogar mit "i'm sorry" kommentierte, wusste ich gar nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Kein Vorwurf an die Mädels, die alles gegeben haben und auch sichtlich Spaß auf der Bühne hatten. Der Funke ist halt nicht übergesprungen.
RainerPetry 19.05.2019
3. Wann lernt es Deutschland endlich?
Jawohl, das war ein Fest, der Sieger war egal, als der verkündet wurde, bin ich immer noch jubelnd durch mein Wohnzimmer gerannt. Hach, wie ging der mitleidige Blick der Moderatorin runter wie Öl, da wusste ich der Abend ist gelaufen, die Kronkorken können knallen. Ja, ich bin schadenfroh, schadenfroh für eine Nation, die beim ESC noch weniger Mut beweist als "Die Mannschaft" bei der letzten WM oder der Rekordmeister auf dem Transfermarkt. Seit Lena versuchen wir das Schema "niedliche Mädchen plus Allerweltspop" endlos zu kopieren. Aber morgen interessiert das niemanden mehr, der niederländische König des Autotune wird gefeiert und Deutschland spricht nur von der neuen Scheibe von RAMMSTEIN. Und genau hier ist die Krux des ganzen Wettbewerbs aus hiesiger Sicht, ein Land welches musikkulturell zu den führenden Nationen gehört. Und es herrscht auch hierzulande Qualität, vor allem abseits des ausgetretenen Mainstream. Das gute Ergebnis eines Michael Schulte für eine schöne Ballade hätte aufrütteln müssen, stattdessen glaubte man die Akzeptanz in Europa sei zurückgekehrt und fällt ins alte Muster zurück. Wieder zwei durchaus ansehnliche Damen, zwar hübsch verpackt, doch ohne Chance gegen den mutigen Sex-Appeal der Konkurrenz, dazu ein Song, welcher den Raum zwischen den Ohren wohlig durchlüftet. Ich weiß nicht wie oft man den Fehler noch durchexerzieren will, bis die Macher verstehen, dass nur Stefan Raabs Promomaschinerie den Erfolg brachte, denn im Prinzip war Lena nicht besser. Nun kann man sich das Gestern zurück wünschen, als Songs vom ESC vor dem Event gar nicht veröffentlicht werden durften, die Niederlande war schon seit Wochen Favorit bei den Buchmachern. Doch dann würde Deutschland auch immer noch bei einem Sieg stehen. Vor nicht allzu langer Zeit bewarb sich mal ein gewisser Tobias Sammet mit einem Metal-Oper-Projekt namens AVANTASIA, doch das Volk schreckte vor dem Begriff Heavy Metal zurück und suchte Zuflucht in der aktuellen Gewinnerin der letzten Castingshow. Und auch hier wieder der fehlende Mut, diese Interpretin zu nehmen, die gerade ihre warholschen fünf Minuten hat, ist an Fantasielosigkeit nicht zu überbieten. Die Folge war der Totalabsturz, auch für die Karriere der Protagonistin. Und wo ist dieses seinerzeit verschmähte Metal-Oper-Projekt heute? Mit dem neuen Album in mehr als einem Dutzend Länder hoch in den Charts und gerade auf großer Tour. Alleine das internationale Renommee, das sich Sammet seit zwanzig Jahren erarbeitet hat, hätte die Zuschauer europaweit zum Hörer greifen lassen, die Jury hätte wohl die Ohren auch nicht gänzlich verschlossen. Nun steht Deutschland wieder da wie der letzte Dorftrottel und morgen gehen die Diskussionen los, was man anders machen könnte, wie ungerecht das wieder war. Dabei waren die Fragen schon zuvor zu beantworten gewesen, die Verantwortlichen wollten nicht zuhören. Der Mob, welche sie gleichgeschaltet haben, ebenso wenig. Fragt Künstler, die über die Grenzen hinaus bekannt sind, die wissen wie man Songs schreibt, die das über Jahre hinweg erfolgreich machen, und vor allem, beweist endlich mal Mut.
pmf2 19.05.2019
4. Gähn !
Habe dieses Affentheater nicht gesehen und werde es auch nie sehen ! Typisch europäische Musikka..... und morgen wird sich keine Sau mehr an David ...who ? erinnern. Ein Hoch auf Superstars wie Barry White, die alles selber komponiert, arrangiert und auch gesungen haben - ohne auch nur eine einzige Note zu kennen und die nicht nur ein einziges Liedchen gesungen haben, sondern über Jahre hinweg Hits rausgehauen haben !
markniss 19.05.2019
5. Null! Null!
Null Punkte haben wir bekommen von den Zuschauern in Europa. Und das zu Recht! Was ein peinlicher Song, den wir da abgeliefert haben. Siehe meinen Kommentar von damals...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.