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Bassist Eberhard Weber: Extrem lange, singende Töne

Foto: Sun Chung/ ECM

Bassist Eberhard Weber Im Schummerlicht zwischen Jazz und E-Musik

In seiner Biografie erzählt der Bassist Eberhard Weber "Eine deutsche Jazzgeschichte". Seine neue Platte mixte der 75-Jährige aus früheren Aufnahmen. Denn nach einem Schlaganfall kann er sein Instrument nicht mehr spielen.

Musiker zu werden, bedeutete für Deutschlands berühmtesten Jazz-Bassisten, seinem Talent zu folgen, "dem einzigen Talent, das ich habe". Eberhard Weber sagte das ein paar Wochen vor seinem 75. Geburtstag am 22. Januar. An jenem Tag erschien sein Buch "Résumé", und man kann dem Jubilar versichern: Er hat ein weiteres Talent - er kann schreiben.

Denn die Erinnerungen, die der Musiker ohne Ghostwriter zu Papier brachte, unterscheiden sich wohltuend von vielen Promi-Memoiren. Ob es um die Kindheit im Bildungsbürgermilieu in Schwaben, quälende Blasen an den Fingerkuppen beim Bassspielen oder Reisen in die weite Welt geht - Weber erzählt wunderbar unangestrengt.

Er schildert, wie er lieber "einen sicheren Beruf erlernen" soll, statt Musik zu studieren, beschreibt ein Experiment mit LSD und macht sich Gedanken über die Zukunft des Jazz. Dabei fällt er oft in leise Ironie; die Freude über zwei Fan-Briefe, die ihm mitteilen, dass seine Musik sie von Selbstmordplänen kuriert habe, kontert er mit dem Satz: "Ob ich auch jemanden mit meiner Musik in den Selbstmord getrieben habe, hat mir naturgemäß niemand geschrieben."

Solo-Aufzeichnungen aus Garbarek-Jahren

Webers Musik wurde geprägt durch den Klang eines von ihm konstruierten elektro-akustischen Basses mit einer zusätzlichen Saite und einem besonderen Pick-up-System, mit dem er extrem lange, singende Töne hervorbrachte. "Im seltsamen Schummerlicht zwischen Jazz und E-Musik" ortete Michael Naura den Kollegen Weber, der 1973 mit seinem ersten Solo-Album "The Colours of Chloe" eine weltweit beachtete Kultplatte aufnahm.

Weber spielte seit 25 Jahren in der Band des Saxofonisten Jan Garbarek, als ihn 2007 ein Schlaganfall halbseitig lähmte. Seitdem kann er nicht mehr Bass spielen. Seine aktuelle CD "Encore" hat er aus Solo-Aufzeichnungen aus den Garbarek-Jahren zusammengestellt - mit zusätzlichen Keyboard-Einspielungen und Improvisationen des Trompeters Ack van Rooyen. "Van Rooyen spielte auf meinem Debüt", sagt Weber, "und ist nun auf meinem vielleicht letzten Album dabei."

Bislang gibt es keine Musiker, die Webers Spielweise auf dessen Spezialinstrument weiterentwickeln. Webers Sound bleibt einmalig. Indes kommen Monat für Monat Alben von Bassisten heraus, die den traditionellen Tieftöner aus Holz benutzen.

Wie virtuos man damit auftrumpfen kann, zeigt Georg Breinschmid auf seinem Doppelalbum "Double Brein". Der Österreicher hat seine Lebensstellung bei den Wiener Philharmonikern aufgegeben, weil er sich mit improvisierter Musik wohler fühlt. Und nach einem Zwischenspiel in der Jazz-Szene offenbart er sich nun als Tausendsassa in Genres von Blues über Reggae bis zu Wiener Stimmungsliedern und Stücken von Franz Liszt. Breinschmid nennt das einen "unbekümmerten Zugang zur Musik", was manche als Effekthascherei kritisieren mögen.

Das einstige Begleitinstrument ist in

Bassist Avishai Cohen, 44, steht für eine Gilde von israelischen Jazzmusikern, die in New York ihr Glück suchen. Nach seinem Musikstudium in Tel Aviv hielt er sich in Amerika erst als Bauarbeiter über Wasser und versuchte, auf Jamsessions bekannt zu werden - bis ihn Chick Corea engagierte und Herbie Hancock und Alicia Keys in ihre Bands holten. Mit den blutjungen Israelis Nitai Herskovits (Piano) und Daniel Dor (Drums) bildet Cohen nun ein klassisches Jazz-Trio. Er pendelt zwischen Israel und New York. In Deutschland gewann Cohen 2013 einen Echo-Jazz als "Bassist des Jahres international".

Das einstige Begleitinstrument ist in. Hierzulande erschien gerade das Debüt-Album der Bassistin Judith Goldbach. Die Stuttgarterin hatte als Siebenjährige Klavier und Gitarre gelernt und später E-Bass gespielt, ehe sie sich für den traditionellen Kontrabass entschied. Sie studierte an der Hochschule in Mannheim und spielte im Landesjugend-Jazzorchester von Baden-Württemberg; seit 2009 leitet Goldbach ein eigenes Quartett. Mit dem nahm sie Stücke auf, die auf Volksweisen aus Ungarn und dem Balkan zurückgehen.

Goldbach gehört zur Generation der perfekt ausgebildeten Jazzmusiker. "Heute gibt es Musikhochschulen an jeder Ecke - das hätten wir uns damals auch gewünscht", schreibt Eberhard Weber. Er lobt das "handwerkliche Niveau, mit dem wir Alten nicht mithalten könnten"; doch er findet, dass die perfekten Junioren "alle gleich klingen". "Es mag sein", mutmaßt der Veteran, "dass junge Musiker heute eine hektische Betriebsamkeit entwickeln müssen, weil sich der Markt total verändert hat. Ich bin heilfroh, nicht mehr beginnen zu müssen."


Buch:
Eberhard Weber: Résumé - Eine deutsche Jazz-Geschichte. Sagas Edition, Stuttgart; 252 Seiten, 19,99 Euro.

CDs:
Eberhard Weber: Encore. ECM; 16,99 Euro.
Georg Breinschmid: Double Brein. Preiser Records; 27,99 Euro.
Avishai Cohen Trio: From Darkness. Rardaz Records; 20,99 Euro. Erscheint am 13.2.
Judith Goldbach: Reisetagebuch. Jazz'n Arts Records; 16,99 Euro.