Echo 2007 Zu Tränen verführt
Bill, dieser expressionistische Struwwelpeter, ist vielleicht gar keine Ausnahmeerscheinung. Vielleicht bringt sein Weltschmerzpathos ein deutsches Faible zu Gehör: das fürs Melancholisch-Düstere. Wem das zu sehr nach Volksseelen-Folklore klingt, der muss sich nur anschauen, wie flüssig diese Echo-Verleihung über die Bühne ging. Und damit sind nicht unbedingt die Reden der Laudatoren gemeint. Es wurde geschmachtet und geweint, allen voran Nicole, die, ganz Grande Dame des Deutschpop, eine dem Poppatriarchen Ralf Siegel angemessene Rede von staatstragendem Zuschnitt hielt.
Silbermond, Tokio Hotel, Rosenstolz - Bands die auf Moll gestimmt sind, gaben den Ton an heute Abend mit schönen schmerzensreichen Balladen. Deutscher Pop, so die gewagte These nach dieser akzeptablen Gala, poltert tumb durch die schnelleren Genres, gebremst und ins Lyrisch-Traurige verlangsamt, findet er jedoch einen eigenen überzeugenden Stil. Selbst Bushido kann man hier einordnen: Der Berliner Rap-Haudegen hat sich mit schwer schleppenden, düster orchestrierten Abgesängen auf bürgerliche Lebensträume eine unverwechselbare Ästhetik geschaffen. Und selbst Roger Cicero wurde stets mit seiner Ballade "Ich atme ein" auf die Bühne zitiert, auch wenn der deutsche Swing-Star sonst eher mit heiterem Macho-Pop brilliert.
Zur Gemütsschwere passt die Lust an der ideologischen Befrachtung. Bono, der Uno-Beauftagte des Pop, wurde hofiert wie Dalai Lama und Papst zusammen. Warum auch nicht: Ein großer Star engagiert sich im großen Stil. In welchem Maße Entertainment das Vehikel einer weltpolitischen Agenda sein sollte, wird immer wieder zu diskutieren sein. Heute Abend jedenfalls war klar: Pop ist sich nie genug, auch in Deutschland nicht, es verlangt nach dem kritischen Überbau, der metaphysischen Note.
Dass die nicht allzu deutlich angeschlagen wurde, dafür sorgte der schnoddrig schlagfertige Oliver Geissen. Seine Attitüde war wirklich Pop: lässig bis despektierlich, immer am Rande des Desinteresses, sich selbst genug.
Der ganze Abend - mit allen Highlights hier zum Nachlesen:
+++21.35 Uhr: Echo 2007 - das war's. In Kürze hier noch ein Kommentar für den schnellen Überblick.+++
+++21.30 Uhr: Catterfeld und Geissen verschwinden nach einem herzigen "Tschü-hüss!" in der laserblauen Deko, Schemen des Showbiz, flüchtig wie auch dieser Abend im Dienste des Pop, der schönsten Chimäre des Kulturbetriebs.
+++21.26 Uhr: Letzter Show-Act: Silbermond. Schöne Ballade über eine gelungene Liebe. Das können wir, wir Deutschen: ins Utopische, Romantische schweifen. Abschiedsstimmung.+++
+++21.20 Uhr: Nicole weint. Siegel: ein Pop-Patriarch, der von den Kassetten-Demos seiner Kindheit erzählt. Von der ersten Schallplatte im Jahr 1959. Sein erstes Mal in den Charts im Jahr '64. "Heute hüpft Papa Pinguin druch die Charts" - an dieser Stelle wünschen wir ganz unironisch noch viele große Sprünge!+++
+++21.16 Uhr: Natürlich kommt das Güte-Siegel-Wortspiel. Dann der Einspieler über Siegels Leben. 2000 veröffentlichte Songs, über 30 Millionen verkaufte Tonträger. Evergreens wie "Griechischer Wein" und "Fly, Robin, Fly" gehen auf sein Konto. Standing Ovations.+++
+++21.14 Uhr: Ralf Siegel, der "Michael Schumacher der Musik" (Nicole). "Lieber Ralf, ich hoffe dein letztes Lied wird lange nicht erklingen": Diese Verbindung von Nekrolog und Eloge - das macht Nicole so schnell keiner nach.+++
+++21.11 Uhr: Nicole hält die Laudatio auf Ralf Siegel, der den Echo fürs Lebenswerk erhält. Nicole hat Würde. Und referiert im Deklamationsstil eines Uno-Beamten Siegels Lebensleistung.+++
+++21.05 Uhr: Bester Newcomer international: Billy Talent. Abschließend Auftritt: LaFee. Ein Song über Mitternacht, wenn "alle Träume sterben". Die Sängerin macht extreme Armbewegungen. Die Herausforderung des Pop durch die Orthopädie.+++
+++20.57 Uhr: Michi Beck, Thomas D., Großväter des Deutsch-Rap, präsentieren die erfolgreichste internationale Rockpop-Künstlerin: Katie Melua. Ein Teenagertraum, die Gestalt gewordene Quersumme aller Au-pair-Mädchen dieser Welt. Sympathisch. Aufgeräumt. "Dank an die deutschen Fans!" Danke, Käthchen.+++
+++20.54 Uhr: Auftritt der Band Beatsteaks. Dröhnender Krawallpop. Der Sänger trägt ein rosa Hütchen und versucht sich im Falsettgesang. Nicht jeder, der hoch hinauswill ...+++
+++20.49 Uhr: Bester Rock-Alternative Act national: Sportfreunde Stiller. Skandierende Fans. Der Sänger benutzt, ohne mit der Wimper zu zucken, das Wort crazy. Crazy!+++
+++20.43 Uhr: Preis für bestes Musikvideo national an Tokio Hotel. Bill ist höflich, bescheiden, ein Star für alle - alle unter 14, die ihre Stimmbänder nicht mehr brauchen.+++
+++20.40 Uhr: Eine medienkritische Einführung in die Ästhetik des Musikvideos von Viva-Moderatorin Collien Fernandez. Dazu Tokio-Hotel-Fans im Grenzbereich von Hingabe und Psychose.+++
+++20.37 Uhr: Comeback der No Angels, den großen Castingband-Tragödinnen der Neunziger. Eine schöne Hintergrund-Bühnen-Projektion, die an die Fußgängerzone von Mannheim erinnert.+++
+++20.35 Uhr: Billy Talent. Namenswitze verbieten sich von selbst. Nochmal Dank an Bono.+++
+++20.33 Uhr: Vorstellung bester Act Rock alternativ international. Dank an Bono. "Großartiger poetischer Lärm". Die Echo-Laudatoren entdecken die expressionistische Rhetorik.+++
+++20.27 Uhr: Auftritt Bushido. Sehr retro-mäßiger Trockeneisnebel. Ein Stückchen Graffiti-Mauer, brennender Bühnenrand. Prekariats-Look für den Echo. Und dazu der Albtraum der deutschen Geschmacksbürger. Die Worte "Stricher" und "Bastard" fallen. Kein Dank an Bono. +++
+++20.21 Uhr: Pop und Politik - und eine Bildercollage von Bonos globalem Engagement für die Armen und Schwachen. "Ich habe ein Echo", sagt Bono. Das klingt fast schon bescheiden für einen Mann, dessen Stimme von Staatsmännern weltweit gehört wird.+++
+++20.18 Uhr: Bono, die "Uno der Popmusik". Mit dieser Ganzkörperbrille, vermutlich gegen sabbernde Fans. Lange Liste der Bonoschen Aktivitäten. "Die Stimme von Bono wird gehört" - womöglich sogar noch heute Abend auf der Bühne?+++
+++20.13 Uhr: Der Ehrenpreis, verliehen von Komiker Michael Mittermeier. "Wir sind Feiermeister. Wir sind die Brasilianer Europas." Hossa. Und dann auch noch der Ehrenpreis für Bono.+++
+++20.09 Uhr: Der solchen Veranstaltungen eigene Déjà-Vu-Effekt setzt ein. Schon wieder Roger Cicero. Schmettert stimmgewaltig "Frauen regiern die Welt". Der Ursula-von-der-Leyen-Merkel-Song mit eingebautem Macho-Schmunzel-Potenzial.+++
+++20.06 Uhr: Erst Ötzi, dann Wowi. Berlin, postmoderne Party-Stadt. Fehlt nur noch Knut. Aber wir hatten ja Take That. Rosenstolz sind beste nationale Pop-Rock-Band.+++
+++20.01 Uhr: Tokio Hotel auf der Bühne. Melodramatischer Pop vom Feinsten. Und alle Über-40-Jährigen denken an Boy George. +++
+++19.59 Uhr: Wer hat doch gleich gesagt, Bill sähe aus wie die junge Elizabeth Taylor?+++
+++19.58 Uhr: Deutsch ist die beliebteste Fremdsprache in Frankreich. Kreisch! Sie haben drei Nummer-eins-Hits. Kreischkreisch! Tokio Hotel! Kreischkreischkreisch.
+++19.54 Uhr: Die Kastelruther Spatzen kriegen den Volksmusik-Echo. Sie tragen Anzug, seriöse Herren mit dem Appeal des Bankbeamten. Hier legt der Freund deutscher Folklore sein Geld gewinnbringend an. Wertarbeiter, die heute ihren zehnten Echo erhalten.+++
+++19.52 Uhr: DJ Ötzi spricht mit einem Schweizer Akzent, der mühelos vier Sätze wie einen klingen lässt. "Ja, wo sind die Hände?", fragt er ins ermüdete Publikum. Meist am Ende der Arme, möchte man meinen.+++
+++19.47 Uhr: Geissen macht einen Kieferorthopädie-Witz über Catterfeld. Die beißt die Zähne zusammen und singt über "Schmerz, der geht". Hat aber nichts mit dentalen Problemen zu tun. Und der Song ist echt feiner R&B.+++
+++19.32 Uhr: Verteidigungsrede für Yusuf alias Cat Stevens, der aufgrund seines Engagements für den Islam in die Kritik geriet. Einspielfilm über Stevens Karriere. Vier Jahrzehnte Rock-Pop-Aktivismus. Wenn Gottschalk Yusuf sagt, klingt es wie Schluckauf.+++
+++19.29 Uhr: Thomas Gottschalk. Sieht aus wie eine Mischung aus D'Artagnan und Mosi Moshammer. Sagt: "Ich bin nicht die Zugabe von Take That". Ach.+++
+++19.24 Uhr: Eisbär Knut kann nicht kommen. Ersatz mit entsprechendem Knuddel-Appeal: Take That. Die Geriatrie des Teenie-Pop. Die Bühnenmädels haben silberne Haare. Goldig!
+++19.22 Uhr: Till Brönners Trompetengegniedel, der Applaus ist so schläfrig wie die Musik. Aber sie sind schon fesch, unsere Jazz-Stars. Roger und Till, zwei Virtuosen mit Beckham-mäßigem Starcharme.+++
+++19.20 Uhr: Roger Cicero präsentiert den Erfolgs-Jazzer 2006. Ist er das nicht selber?+++
+++19.13 Uhr: Die Soulsängerin Joy Denalane stellt den erfolgreichsten Newcomer vor: LaFee. Wummergitarren. Sie weint. Geissen: "Wenn's so weitergeht, ist die am Ende des Abends komplett dehydriert."
+++19.11 Uhr: Wenn das eine Privatparty wäre, hättet ihr mich nicht eingeladen", sagt Bushido. Ein Gangster. Ein Sozialkritiker.
+++19.06 Uhr: Die Hauptdarsteller aus "Die Wilden Kerle" präsentieren was. Was, erfährt man nicht, weil sich die Fans ins Koma kreischen. Warnen die beiden deshalb vorm Komasaufen? Präsentiert wird der erfolgreichste deutsche HipHopper: Bushido.+++
++19.05 Uhr: Auftritt Simply Red vor dieser schönen Plexiglas-Schwimmhallen-Echo-Deko. So klingt auch der Song.+++
+++19.00 Uhr: Den Schlager-Echo kriegt Andrea Berg. Scherze wie "Sie ist übern Berg" oder "Liegt ein Berg Arbeit vor ihr" bieten sich an. Lässt man aber besser.+++
+++18.57 Uhr: Oliver Geissen. Souverän. Pointensicher. Cool. Auch dann noch, als die Personifikation des Uncoolen auf die Bühne kommt: die Schlagertruppe Höhner. Männer mit Kaiserbärten. Irgendwie rührend. Und der Sänger spricht vom "Oscar". +++
+++18.54 Uhr: Rosenstolz singen eine sehr, sehr traurige Ballade. Es geht ums Mondlicht. Im Hintergrund weiße Bräute (also Frauen in Brautkleidern, damit wir uns nicht falsch verstehen) mit Geigen.+++
+++18.47 Uhr: Barbara Schöneberger als Präsentatorin für den besten deutschen Pop-Rock-Künstler, allerdings ohne Klitschko. Schöneberger spricht mit russischem Boxerakzent. Das haut rein. Gewinner: der deutsche Swing-Crooner Roger Cicero, Deutschlands Vertreter beim Eurovision Song Contest.+++
+++18.45 Uhr: J.Lo macht jetzt dieses Oberkörperschüttelding. Das aus den Videos, wo Männer scharf die Luft zwischen den Zähnen hindurch einziehen und Frauen sagen: Na, die lässt sich auch nix mehr Neues einfallen.+++
+++18.41 Uhr: Jennifer Lopez stellt einen spanischen Song vor. Das Publikum versteht nur spanisch. Ebenso rätselhaft: Die Choreographie der acht Tänzerinnen. Was bringen sie zum Ausdruck? J.Los Herzschmerz? Ihre Probleme mit der Gage? Man wird es nie erfahren. +++
+++18.36 Uhr: Sascha stellt die Gewinnerin Rock-Pop international vor: LaFee. Wummergitarren. "Ich weiß gar nicht, was sich sagen soll!" Wie wär's mit: Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll? (Ihre Band sieht aus wie eine schicke Satanisten-Clique. Müssen wir uns sorgen machen um dieses Talent?)+++
+++18.34 Uhr: Das Fanta-Vier-Stück ist gefühlte 45 Minuten lang. Die Bühnen-Deko-Models sind vermutlich aus einer Schüleraufführung von "Cabaret" in Bielefeld.
+++18.30 Uhr: Oliver Geissen bezeichnet den Echo als musikalisches Erntedankfest. Und wer erntet? RTL natürlich. Und die Plattenindustrie. Dazu gibt's ein industriekritisches Stückchen von den Fantastischen Vier ("Is' alles nur Show!").+++
+++18.26 Uhr: Kathi Witt präsentiert den Hit des Jahres. Und es ist - Silbermond. Kreisch! Junge Menschen, romantisch, klug, talentiert. Und die haben vermutlich sogar Abi!+++
+++18.23 Uhr: Moderatorin Yvonne Cattefeld dankt zum Auftakt der Veranstaltung der modernen Kiefernchirurgie (sie hat eine schwierige Operation hinter sich, will sich aber tapfer durch diesen Abend beißen). Co-Moderator Oliver Geissen sagt Tokio Hotel und ist dann vor lauter Gekreisch nicht mehr zu hören (danke, Fans!).+++
+++18.16 Uhr: Michael Haentjes, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Phono-Akademie e.V., begrüßt das Publikum. "Musik überschreitet Grenzen", sagt er. Eine Anspielung auf die Migrationsprobleme des Landes?+++
18.00 Uhr: Was bisher geschah: Randale am Roten Teppich. Die Fotografen schreien sich die Seele aus dem Leib. "Bushido! Bushido, hier, hier!" Deutschlands härtester Rapper zerkaut jovial einen Zahnstocher, flankiert von drei Bodyguards, die genauso aussehen wie er. "Nick! Nick!" - der Sänger von Simply Red schlendert Kaugummi kauend ins Entree. Seine Haare sehen aus wie zu lang gekochte Tagliatelle. Überhaupt: Mag Pop als Ideologiekritik oder kulturelle Diagnostik ausgespielt haben, in puncto Frisurenmode geht noch einiges.
Kim Franks Tolle verströmt den depressiven Charme des reflektierten Poppoeten, LaFee walzt mit vier langmähnigen Goth-Bubis heran (sicher Killerspielspieler, zum Glück sind die Journalisten in der Medialounge in Sicherheit). Ein Sänger der Dschinghis-Khan-Gruppe postiert sich behäbig im Blitzlicht (alle unter 40 müssen nicht wissen, wer Dschinghis Khan war. Nur soviel: Fahrstuhlmusik in der Hölle klingt vermutlich genauso).
Barbara Schöneberger trägt eine Mischung aus Office-Dress und Sex-Gouvernanten-Kleidchen. Der durchschnittliche Angestellte wird hier - nicht ganz zu Unrecht - auf säuische Gedanken kommen. Jasmin Wagner will nicht mehr Blümchen sein und markiert vor Fotografen die Verruchte. Und immer wieder die zum Fangschuss entschlossenen Fotografen. "Wer sind die denn?", fragt ein Reporter einen anderen, als drei Gangsta-mäßig zurechtgemachte Jüngelchen auflaufen."Keine Ahnung. Und ich will's auch gar nicht wissen."