Jonas Leppin

Echo 2016 Das Schweigen-Dilemma

Viel fürchterlicher als der Preis für die umstrittene Band Frei.Wild war beim Echo die Reaktion des prominenten Publikums: Statt sich deutlich gegen rechte Tendenzen auszusprechen, blieben fast alle Künstler stumm. Das ist beschämend.
Band Frei.Wild

Band Frei.Wild

Foto: Jens Kalaene/ dpa

Die umstrittene Band Frei.Wild hat am Donnerstagabend in Berlin den renommierten Musikpreis Echo in der Kategorie "Rock-Alternative" gewonnen. Das ist deshalb pikant, weil die Gruppe noch vor drei Jahren von der Nominierungsliste gestrichen wurde. Frei.Wild wurde eine Nähe zur rechten Szene vorgeworfen.

Die Diskussion, ob die Band aus Südtirol nun konservativ oder schon rechtsextrem ist, wurde daraufhin ausschweifend geführt. Natürlich bestreiten die Mitglieder von Frei.Wild, eine Rechtsrockband zu sein - bleiben mit ihren Aussagen und Texten aber immer anschlussfähig für rechtes Gedankengut. Frei.Wild, das ist wütende Musik, von der Band und den Fans am Leben gehalten durch den Gedanken: Wir Außenseiter gegen das Establishment. Nun also die große Legitimation auf einer großen öffentlich-rechtlichen Showbühne.

Die Auszeichnung offenbart allerdings noch eine andere Wahrheit. Im Gegensatz zu den meisten Musikpreisen werden beim Echo die Nominierten vor allem aus den Verkaufszahlen ihrer Alben bestimmt. Wer prämiert wird, hat in den vergangenen Monaten also herausragend verkauft. Wie es aussieht, können sich viele Menschen in diesem Land mit der Musik und dem zweifelhaften Subtext der Band identifizieren. Damit geht es also nicht nur um einen in die Jahre gekommenen Musikpreis, sondern auch um eine Stimmung in diesem Land.

Fotostrecke

Echo-Verleihung 2016: Das sind die Preisträger

Foto: Clemens Bilan/ dpa

Statt mit dem Wahlzettel wurde hier mit dem Kassenbeleg abgestimmt. Der Berliner Staatssekretär und ehemalige Musikproduzent Tim Renner kommentierte auf seiner Facebook-Seite: "Puh, Freiwild einen Echo zu geben ist wie mit der AfD koalieren." Damit trifft er einen Punkt.

Natürlich hätte Frei.Wild gestern ein klares Statement abgeben können. Eine deutliches Zeichen vor großem Publikum. Stattdessen: Unflätige Gesten in den Saal, eine vorbereitete, kryptische Rede, in der Sänger Philipp Burger davon sprach, dass nun "Fehlentscheidungen" richtiggestellt wurden und der Preis ihnen "als Symbol für Standhaftigkeit, Durchhaltevermögen und Widerstand gegen Engstirnigkeit und Ausgrenzung" dienen würde. Diese Gelegenheit nicht zu nutzen ist kein Zufall, sondern eine Botschaft der Band.

Das noch größere Unwohlsein stellte sich gestern allerdings nicht beim Preis für Frei.Wild ein, sondern bei der Reaktion des Publikums im Saal. Die blieb nämlich so gut wie aus. Statt sich zu empören, folgte ein lethargischer Applaus, nur unterbrochen von vereinzelten Buhrufen. Dabei wäre das der Zeitpunkt für die Künstler gewesen, sich zu erheben.

Weshalb schweigen prämierte Musiker wie Sarah Connor oder Andreas Bourani, anstatt die Plattform zu nutzen, die einem die Echo-Verleihung bietet? Ausgerechnet jetzt, wo es so wichtig wäre, laut zu sein.

Dass sich niemand imstande sah, von seinen üblichen Vielen-Dank-an-meine-Plattenfirma-Plattitüden abzuweichen, erzählt dabei auch eine Menge über die aktuelle Musikindustrie, die sich lieber in ihren Wohlfühl-Kosmos zurückzieht, statt anzuecken.

"Und die hier gehen raus an alle Nazischweine"

Selbst erfahrene und durchaus meinungsstarke Künstler wie die Fantastischen Vier, Udo Lindenberg oder die Puhdys blieben stumm, obwohl sie im Laufe des Abends durchaus Gelegenheit gehabt hätten, sich zu der fragwürdigen Auszeichnung zu äußern. Oder zumindest die Stimmung um diese Preisvergabe aufzunehmen, um eine klare Position zu beziehen.

Man könnte jetzt argumentieren, dass es beim Echo um Musik geht und politische Botschaften auf der Gala nichts zu suchen haben. Das ist allerdings Quatsch. Genau wie in der Straßenbahn, im Sportverein oder im Freundeskreis sollte man sich rechten Stimmungen entgegenstellen. Gerade als Musiker, wenn man die Möglichkeit hat, Millionen Menschen zu erreichen.

Sänger Bosse bei der Echo-Verleihung 2016

Sänger Bosse bei der Echo-Verleihung 2016

Foto: ARD

Genauso muss man sich übrigens die Frage stellen, weshalb die ARD, die dieser Veranstaltung mit einer Liveübertragung zur Primetime eine große Aufmerksamkeit schenkt, so seltsam unbeteiligt blieb. Als der Sänger Xavier Naidoo für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm auftreten sollte, zog der Sender seinen Vorschlag nach Protesten schnell zurück. In diesem Fall stellte die ARD für Frei.Wild sogar das Programm um, damit die Band noch zu einem anderen Auftritt fahren konnte.

Einziger Lichtblick des Abends blieb der Sänger Bosse, dem es vermutlich eine Herzensangelegenheit war sich zu äußern: Bei der Liveperformance seines Songs "Steine" änderte er plötzlich seinen Text und hob überraschend beide Mittelfinger. Dazu sang er: "Und die hier gehen raus an alle Nazischweine." Er war der Einzige, der es schaffte, sich an diesem Abend deutlich gegen Rassismus auszusprechen.