Arno Frank

Echo-Ende nach Antisemitismus-Debatte Ausgezeichnet geheuchelt

Echo weg, alles gut? Wohl kaum. Böse Buben wie Kollegah und Kollegen werden jetzt zwar keinen Preis mehr bekommen - doch die Musikindustrie macht weiterhin fetten Umsatz mit ihnen. Ihre Entscheidung ist billig.
Musikpreis Echo

Musikpreis Echo

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Da sage noch einer, dass Musik die Welt nicht zu einem besseren Ort macht! Mit dem Skandal um die Verleihung des Echo war etwas passiert, das, wie der Vorstand erklärte, "nicht mehr rückgängig gemacht" werden konnte. Nicht mit wohlfeilen Distanzierungen, nicht mit hektisch einberufenen Proseminaren in Rapkunde. Der Echo ist abgeschafft, die schillernde "Marke" beschädigt. Gut so.

Gut so? Geht so. Die Entscheidung kommt nicht drei Wochen zu spät, sondern mehrere Jahre. Nie ausgezeichnet wurde die herausragende künstlerische Leistung. Ausgezeichnet wurde, was sich verkaufte. Zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen, zu goldenen Schallplatten und ausverkauften Konzerten gab es den Echo als Sahnehäubchen obendrauf - und eine Gala, mit der die Branche sich selbst feierte.

Dabei war es nie so, dass die Industrie der Öffentlichkeit einen kommerziellen Preis als kulturelle Auszeichnung untergejubelt hätte. Es war eine nur mäßig bis überhaupt nicht an Musik interessierte Öffentlichkeit, die den Echo nur allzu gerne als Orientierungshilfe nutzte. So wie man schaut, wer in den USA den - ähnlich gelagerten - Grammy bekommt. Erfolg wurde mit Aufmerksamkeit belohnt. Und eine Unschärfe, was dieser Echo eigentlich ist und wer ihn warum verleiht, billigend in Kauf genommen. Er glänzt doch so schön!

Man schaute auf Zahlen, nicht auf Worte

Die schwellhodenhafte Verrohung, als deren Botschafter sich Kollegah und Farid Bang gewiss auf ihrem nächsten Album wieder mit feinen Rhymes feiern werden, ist dabei gar nicht gezielt gewürdigt worden. Man schaute auf Zahlen, nicht auf Worte. Und weil der Echo im Autopilot vergeben wurde, ist den Verantwortlichen der Skandal eher unterlaufen, als dass sie ihn gesucht hätten.

Es verteilen nun also die Interessengemeinschaft der Tonträgerindustrie und ihr Bundesverband keine Zuckerwürfel mehr an die besten Pferdchen im Stall. Die laufen aber auch ohne Zucker. Auf "der Straße", im tiefergelegten BMW mit Sportauspuff, auf dem Schulhof der Grundschule. Und das ist das eigentliche Problem.

Es genügt nicht, wie angekündigt, nach dem Vorbild der Jazz- oder Klassik-Kategorien eine "Jury" stärker "in den Vordergrund" zu rücken - während im Hintergrund die Verantwortlichen weiter ihre bindenden Empfehlungen aussprechen. Die gesellschaftlichen Turbulenzen, von denen die besagte Musik eben auch erzählt, werden nicht einfach verschwinden, nur weil eine Industrie ihren Autopiloten abschalten und sie künftig weiträumig umfliegen lassen will - etwa von kritischen Musikjournalisten, die sich das vorher anhören.

Es ist also nicht gut, den Echo abzuschaffen. Es ist billig. Die Branche hat nichts zu verlieren, nur zu gewinnen. Umsatz wird weiterhin gemacht, weil eine bestimmte Musik unter Vertrag genommen, produziert, beworben wird. Ob dann unter Ausschluss besonders böser Buben ein etwas besonnenerer Preis verliehen wird, spielt keine Rolle.

Besser wäre ein gut begründeter und einleuchtender Hinweis auf Scheiße

Der künftige Preis soll, so die Erklärung des Vorstands, "Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie und Gewaltverharmlosung" keine Plattform mehr bieten. Der künftige Preis wird diese Phänomene ausblenden. Was okay ist, weil ein Laden wie der Bundesverband Musikindustrie e.V. sie nicht aus der Welt schaffen kann. Dazu bräuchte es bekanntlich die vielbeschworene (weil niemals stattfindende) "gesamtgesellschaftliche Debatte".

Helfen könnte, wenn man es richtig anstellt, ein musikalisches Äquivalent zur "Goldenen Himbeere". Damit werden seit 1981 besonders schlechte Filme ausgezeichnet. Auf diese Weise könnte man "Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie und Gewaltverharmlosung" in der Popmusik ganz zum gesellschaftlichen Gespött machen. Das wäre keine Zensur der Kunst, und es wäre erst recht kein beflissener "Parental Advisory"-Sticker bei "Explicit Content", der doch nur Verkaufsargument ist. Es müsste ein gut begründeter und einleuchtender Hinweis auf Scheiße sein - egal, wie viele Fliegen es sich darauf bequem gemacht haben.

Bis es so weit ist, könnte "die Musik" sich nochmal richtig ins Zeug legen. Und schnell noch den Bambi abschaffen.

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