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Echo-Verleihung: Nach dem Glitzer kommt der Skandal

Foto: Jörg Carstensen/ dpa
Andreas Borcholte

Empörung über Echo Die Aufrechten sind zu wenige - und zu alt

Nach dem Antisemitismus-Eklat beim Echo geben Preisträger ihre Auszeichnung zurück und empören sich öffentlich. Das ist gut und wichtig - aber es erreicht nicht das Publikum, um das es geht.

Klaus Voormann wollte retten, was nicht mehr zu retten war: Die Verleihung des Ehrenpreises für das Lebenswerk wird beim Echo stets ans Ende der Show gesetzt. Man könnte es durchaus einen Höhepunkt nennen, wenn ein verdienter Musikschaffender für sein Wirken ausgezeichnet wird. Die dramaturgische Wahrheit ist eine andere, zynischere: Die salbungsvolle Laudation auf den oder die Veteranen garantiert nicht so viel Quote wie der bunte, schillernde Auftritt von Helene Fischer oder Kylie Minogue, das war schon so, als noch die ARD, nicht Vox, die Musikpreisgala ausstrahlte. Auch im Saal pilgern traditionell viele Echo-Gäste schon mal erschöpft Richtung Tresen und After-Show-Party, wenn das "Lebenswerk" dran ist.

Klaus Voormann, den legendären "fünften Beatle" und Cover-Gestalter, erwischte diese spezielle Echo-Dynamik am vergangenen Donnerstag besonders kalt: Unmittelbar, bevor BAP-Sänger Wolfgang Niedecken eine beherzte Rede über ihn hielt, traten die Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang auf. Die Diskussion um die geschmacklosen und menschenverachtenden Texte ihres Albums "JBG3" hatten nicht nur im Vorwege die 27. Preisverleihung überschattet, sie beherrschte auch die gesamte Show, was in einer betont martialischen Bühnenperformance der beiden populären Hip-Hop-Stars gipfelte. Zuvor hatten sie den Echo für das beste Rap-Album bekommen und sich über Rocksänger Campino, 55, lustig gemacht, der ihre Nominierung und ihre Inhalte in einer mühsam beherrschten Rede kritisiert hatte.

"Als alte Profis fühlten Wolfgang und ich uns verpflichtet, auf die Bühne zu gehen, auch um zu versuchen, die Stimmung im Saal zu heben, um dem aus den Fugen geratenen Abend zu einem positiveren Ausklang zu verhelfen", schrieb Voormann nun am Montag in einem Statement, in dem er auch ankündigte, seinen Lebenswerk-Echo an den Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) zurückzugeben. "In welchem Würgegriff stecken die Echo-Verantwortlichen, dass sie nicht in der Lage sind, dem größten deutschen Musikpreis einen würdigeren Rahmen zu gewährleisten?", schrieb der 79-Jährige.

Als Debattenforum versagt

Noch deutlicher wurde Altrocker Peter Maffay, 68, auf Facebook: "Der Echo, die Verleihung dieses Jahr, war eine Ohrfeige für das demokratische Verständnis in unserem Land. Gleichzeitig zeigt sie die Erosion in unserer Gesellschaft und im Musikgeschehen auf, die sich seit einigen Jahren abgezeichnet hatte und am Donnerstag vergangener Woche ihren vorläufigen Höhepunkt erfuhr. Wie auch die Mischung aus Dummheit, Feigheit und fachlicher Inkompetenz. Zur Tagesordnung jetzt überzugehen, geht nicht. Es muss eine Aufarbeitung geben." Auch das Kammermusik-Ensemble Notos Quartett, das im vergangenen Jahr einen Klassik-Echo gewann, gab am Montag seinen Preis zurück.

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Der BVMI kündigte unterdessen an, das gesamte Konzept des Preises und die Nominierungsregularien überarbeiten zu wollen. Das mag durchaus hilfreich sein, und man muss sicher noch eingehender über die Gedankenlosigkeit und den Einschaltquoten-Zynismus der Verantwortlichen beim Echo und bei Vox sprechen, die Kollegah und Farid Bang eine derart große Bühne geboten haben. Andererseits hat der Musikverbandsvorsitzende Florian Drücke nicht Unrecht, wenn er in seinem Statement vom Sonntag beklagt, der Echo werde in der aktuellen Auseinandersetzung "überhöht und überfordert".

Denn der Echo ist ja tatsächlich nur ein Widerhall dessen, was von einer Konsumentenmehrheit qua CD-Erwerb für gut und populär befunden wird. Nominiert werden die Bestseller der vergangenen Saison, und dazu gehören eben seit langem Gangsta-Rap-Alben mit fragwürdigen, abscheulichen Texten ebenso wie seichter Schlager oder immer wieder Rock mit rechter Tendenz. Die Show am letzten Donnerstag hat als Debattenforum für dieses Abbild einer politisch und gesellschaftlich verrohenden oder schlichtweg unempathischen Pop-Öffentlichkeit komplett versagt - auch und vor allem durch das Verschulden der Sender- und Echo-Verantwortlichen, indem sie darauf verzichteten, der brisanten Show einen Haltungsrahmen zu verleihen, der dem Publikum Orientierung geboten hätte.

Wo bleibt der Aufstand der Jungen?

Genau darum geht es aber eigentlich: Dem vor allem aus Jugendlichen rekrutierten Publikum des deutschen Battle- und Gangsta-Rap, das mit der extremen Überbietungslyrik von Kollegah und Konsorten längst sozialisiert wurde, ein Gespür für moralische Grenzen zu vermitteln. Dafür, dass es eben möglicherweise nicht okay ist, wenn zwei Rapper in Deutschland, die mit widerwärtigen Textzeilen über Auschwitz-Insassen und Holocaust provozieren, ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag Jom HaSchoa einen Preis verliehen bekommen und sich auf der Bühne verächtlich bis triumphal geben, weil sie so geil unsensibel sind.

Und deswegen ist der wahre Skandal ja nicht die Idiotie von Vox und Echo, sondern dass dieser Zeitgeist der mangelnden Empathie und Sensibilität sich in der jüngeren Generation längst durchgesetzt zu haben scheint. Dass Veteranen wie Campino, Voormann und Maffay protestieren und sich empören, ist gut und wichtig, aber sie erreichen im Zweifel nicht das junge Klientel, das diese ehrwürdigen, aber alten Männer im Zweifel gar nicht kennt oder ernst nimmt.

Wo bleibt der Aufstand von Wincent Weiss, Milky Chance, Mark Forster, Robin Schulz oder Haiyti - alles junge Echo-Preisträger vom letzten Donnerstag. Warum ist es in der sonst doch so diss- und battlefreudigen Rap-Szene so still? Und warum wurde eigentlich der Saal nicht lauter, unruhiger und mutiger, als Kollegah und Bang ihren Preis verliehen bekamen? Nur wenige, vorrangig Ältere, standen auf und gingen. Über diese sich ausbreitende Kälte und Ignoranz müssen wir reden. Für sie kann der Echo nichts. Er hat - unbeholfen und ungeschickt - ein Schlaglicht auf diesen Zustand geworfen.


Offenlegung: Der Autor ist Mitglied der Echo-Jury in der Kategorie "Kritikerpreis National"

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