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Battle-Rap in Deutschland: "Ich hab Aggro"

Foto: Andreas Rentz/ Getty Images

Skandal um Kollegah und Farid Bang Was ist eigentlich Battle-Rap?

Schamlose Selbstüberhöhung und permanente Grenzüberschreitung: Die Künstler Kollegah und Farid Bang gelten als Battle-Rapper. Ein Genre, das von der Demontage des Gegners in möglichst cleverer Reimform lebt.

Eigentlich reicht schon ein kurzer Ausschnitt aus Curtis Hansons "8 Mile", um zu verstehen, worum es beim Battle-Rap geht. Sicher, der Film mag nicht jedermanns Sache sein und ist bestimmt nicht repräsentativ für ein so vielfältiges Genre wie Hip-Hop. Doch der Kern passt: Ein Neuling will es in der Rap-Szene zu etwas bringen, hat anfangs aber kein Ansehen und nur eine Möglichkeit, das zu ändern: Konfrontation.

In der Schlüsselszene des Films steht Eminem alias "B-Rabbit" also dem angesehensten Rapper der Stadt gegenüber und muss liefern. Tut er natürlich: In einer Kaskade aus doppelzüngiger Selbstironie und kunstvollen Beleidigungen fegt er "Papa Doc" von der Bühne. Sieg nach Punkten. Der Neue ist jetzt wer.

Tatsächlich hat Battle-Rap nicht nur im metaphorischen Sinn etwas Sportliches. Man kann sich die Disziplin wie einen Boxkampf vorstellen, bei dem Tiefschläge erlaubt sind. Zwei Kontrahenten stehen sich ohne Netz und doppelten Boden gegenüber und tragen eine reale oder imaginierte Fehde aus, indem sie sich gegenseitig einen Satz heiße Ohren verpassen. Der Unterschied: Statt linker Haken und Uppercuts werden verbale Kopf- und Nierentreffer ausgetauscht. Zählbares bringt schamlose Selbstüberhöhung und vielschichtige Demontage des Gegners in möglichst cleverer Reimform. Der Hauptpreis: Respekt.

Kunstform Hip-Hop

Dass Etikette dabei eine untergeordnete Rolle spielt, liegt auf der Hand. Hip-Hop ist eine Kunstform, die aus den ärmsten Stadtvierteln amerikanischer Großstädte stammt, wie der New Yorker Bronx. Die Sprache war hart, der Alltag noch viel härter. Und genau von diesem Leben erzählten die MCs in ihren Raps - und tun es zu großen Teilen bis heute. Dass deren Inhalt schon damals gewaltverherrlichend war, liegt daran, dass diese Milieus nun mal von Gewalt dominiert wurden. Auch durch Ronald Reagans gesellschaftliche Daumenschraube namens "War on Drugs". Kunst ist immer ein Spiegel der Realität, in der sie entsteht.

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Battle-Rap in Deutschland: "Ich hab Aggro"

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Spätestens im Laufe der Neunzigerjahre setzten sich immer krassere Spielarten des Battle-Rap durch. Hip-Hop war mit dem Erfolg des Gangsta-Rap ohnehin brutaler geworden, gleichzeitig wanderten die Battles von der direkten Konfrontation immer mehr in Richtung eigens produzierter Diss-Tracks. Die damals schon angeheizte Aufmerksamkeitsökonomie trieb die Szene dabei in einen Wettlauf um den größten Schocker. Derb verkauft sich eben gut. Die Folge: Eine Flut an misogynen, homophoben oder Drogen verherrlichenden Inhalten, die zwar nie allzu wörtlich genommen werden, aber trotzdem getrost als Problem einer ganzen Szene bezeichnet werden können.

Eine Eigenheit der deutschen Battle-Rap-Szene ist, dass sie genau in diesen Wandel hineingeboren wurde. Die Rapper hier stiegen dabei, grob verkürzt, mehr oder weniger direkt ins Wetteifern um die markerschütterndsten Punchlines ein. Gerade in den frühen Nullerjahren brachte Deutschland einige wichtige Battle-Figuren hervor: Wer ist der Härteste, Fieseste, Ruchloseste? Und wer kann es mit den schockierendsten Zeilen beweisen?

Das Rennen machte meist Sava Yurderi alias Kool Savas, die wohl prägendste Gestalt deutschen Battle-Raps. Immer wieder wurden Savas' Texte als frauenfeindlich, homophob und pornografisch gebrandmarkt, eine ganze Reihe sogar indiziert. Verständlicherweise: Auch Jahre nachdem der Rapper sich öffentlich von seinen frühen, nicht ansatzweise zitierfähigen Versen distanziert hatte, verglich er in einem Song mit Xavier Naidoo Homosexualität noch mit Pädophilie.

Etwas weniger kontrovers, aber ähnlich einflussreich: Savas' zeitweiser Bandkollege Taktloss, der mit seinen Wortkaskaden deutschsprachigen Rap revolutionierte, dabei aber beispielsweise verlässlich gegen Schwule wetterte. Oder Kollegah, der abseits aktueller Kontroversen um den Echo als wichtiger Baustein der Szene gilt und Drei-, Vier- oder Fünffachreime mit verschachtelten Sprachbildern etablierte. Sowie einfach nur Geschmackloses: "Bitch, ich hab im Portemonnaie / Eine Million und ein paar Zerquetschte wie die Love Parade", rappte er etwa in einem Feature mit Summer Cem und RAF Camorra.

Ebenfalls zu nennen: Bushido, der zwar nie dezidiert als Battle-Rapper in Erscheinung trat, sich aber in einige der medienwirksamsten Battles der deutschen Hip-Hop-Geschichte verwickelte. Beispielsweise 2013, als der Berliner im Song "Stress ohne Grund" neben vielen weiteren Prominenten auch eine Grünen-Politikerin angriff: "Ich schieß auf Claudia Roth und sie hat Löcher wie ein Golfplatz", lautete eine Zeile. Die Staatsanwaltschaft ermittelte.

Systematischer Tabubruch als essenzielles Stilmittel

Diese Liste ließe sich mit Moses Pelham zu Zeiten seines Rödelheim Hartreim Projekts, den Berlinern von K.I.Z. oder auch Eko Fresh beliebig fortsetzen. Interessanter ist allerdings, was das für die gegenwärtige Debatte rund um Kollegah, Farid Bang und die Echo-Verleihung bedeutet. Erst einmal nämlich, dass die betreffende Zeile schlicht menschenverachtend und stillos ist. Punkt.

Ein nüchterner Blick auf das Format hilft aber auch, die Perspektive geradezurücken. Das Battle ist eine der ältesten Konstanten der Hip-Hop-Kultur und damit ein zentraler Teil der aktuell erfolgreichsten popkulturellen Spielart. Der systematische Tabubruch ist dabei ein essenzielles Stilmittel, das Aufmerksamkeit generiert, möglichen Gegnern proaktiv die Luft zur Antwort rauben soll - und nebenbei zum massiven Erfolg des Hip-Hop beiträgt. Schließlich liefert die grenzwertige Lyrik gerade jugendlichen Hörern ein wichtiges Gut: etwas, das die Eltern vehement ablehnen. Jahrzehnte nach Rock'n'Roll und Punk ist das schwieriger denn je.

Das bedeutet nicht, dass man Entgleisungen wie Kollegahs indiskutable Zeilen einfach so hinnehmen sollte. Sie müssen klar benannt werden. Aber sachlich. Denn von solchen Fehlgriffen pauschal auf Hip-Hop als Ganzes zu schließen und die längst überholte Debatte über das Genre als scheinbaren Verrohungsmotor aufzuwärmen, ist der falsche Ansatz. Oder würden Sie den Boxsport verteufeln, weil sich irgendjemand mal Blei in den Handschuh gesteckt hat? Viel diskussionswürdiger ist doch das System, das solche Unsportlichkeiten hervorbringt.

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