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13. April 2018, 06:11 Uhr

Echo-Verleihung 2018

Politische Diskussion? Och nö, lieber Party

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Einsamer Campino, schweigende Helene: Die Debatte über die Hass-Texte der Rapper Kollegah und Farid Bang beherrschte eine Echo-Verleihung, die hilflos um Haltung rang. Ein frustrierend zeitgeistiges Schauspiel.

Eine Geduldsprobe ist die alljährliche Verleihung der Echo-Musikpreise immer schon gewesen, aber diesmal schien wirklich niemand das Ende der Show abwarten zu können.

Vox-Moderator Amiaz Habtu, der wahrscheinlich von seinem Sender kurzfristig zum Quasi-Gastgeber der Liveshow verdonnert worden war, weil es ja eigentlich keinen hatte geben sollen, seufzte schon nach einer Dreiviertelstunde, er habe zum Glück ja schon die Hälfte dieser undankbaren Aufgabe hinter sich. Pures Wunschdenken natürlich: Die 27. Ausgabe des Echo dauerte zwar nicht so lange wie frühere Strapazen, aber immer noch lange, sehr lange zweieinhalb Stunden.

Und wohl noch nie wurde so oft noch auf der Bühne die Sehnsucht nach der Aftershowparty bekundet. Ob Laudator oder Preisträger, sie alle schienen sich möglichst schnell an die Bar zu wünschen, um die Veranstaltung endlich in Bier oder stärkeren Drinks ersäufen zu können. Schuld daran war die im Vorwege erhitzt geführte Debatte darüber, ob die beiden Gangsta-Rapper Kollegah und Farid Bang die beiden Nominierungen für ihr gemeinsames Album "Jung, brutal, gutaussehend 3" (JBG3) behalten und darüber hinaus live auftreten dürften.

In dem Battle-Track "0815" auf einer Bonus-CD zum Album findet sich die von Farid Bang gerappte Zeile: "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen". Ein provokanter Tabubruch, der übel nach Antisemitismus stinkt, aber wahrscheinlich nur geschmacklos und dummerhaftig ist. Der Echo-Ethikrat befand einen "Grenzfall", entschied aber letztlich für die Meinungs- und Kunstfreiheit und appellierte an alle Beteiligten, sich der Diskussion zu stellen, die ja ein "weitaus größeres, gesellschaftliches Thema" sei, als nur ein Musikpreis.

Kollegah und Farid Bang im Video: "... mal nicht runterziehen lassen"

So weit so richtig: Die pikierte Ausgrenzung der beiden unbequemen Rapper wäre ein Fehler gewesen und hätte dem Echo-Tingeltangel die Chance verwehrt, sich zum vielleicht ersten Mal in seiner Geschichte zum Labor und Forum für einen tatsächlich dringlichen Gesellschaftsdiskurs zu machen. Nämlich den über Gewaltbereitschaft, Verrohung von Sprache und Umgangsform, Juden- und Fremdenhass sowie Frauenfeindlichkeit - Themen, die nicht nur im vor allem bei Jugendlichen extrem populären Straßen- und Gangsta-Rap ventiliert werden, sondern auch in sozialen Medien und politischen Diskussionen.

Das Problem war nur, dass niemand beim Echo darauf vorbereitet war, diese delikate, moderierende Diskurs-Funktion zu übernehmen, es gab ja noch nicht mal einen richtigen Show-Host. Und auch keine einleitende Keynote wie in früheren Jahren oder auch nur einen vorproduzierten Einspieler, der das Problem mit Kollegah und Bang kurz hätte anreißen und eine Agenda für den Abend setzen können. Stattdessen begann die Show so stumpf und ohne Haltung, wie sie dann auch leider über weite Strecken weiterlief.

Ausgerechnet dem Punkrocker Campino von den Toten Hosen fiel es zu, stellvertretend für den Bundesverband Musikindustrie, die Echo-Verantwortlichen und Vox ein paar staatstragende Worte über die Rüpel-Rapper zu sprechen. Die hatten es sich, in weiße T-Shirts gekleidet, an einem der VIP-Gästetische mit einigen anderen Hip-Hoppern gemütlich gemacht und schienen vor allem an ihren Smartphones interessiert.

Campino, zusammen mit seiner Band Preisträger in der Kategorie "Rock national", zog einen Zettel hervor, den er sichtlich aufgewühlt mit zitternder Hand verlas. "Das Stück über das sich alle streiten, kommt aus dem Battle Rap wo es darum geht, sich gegenseitig zu toppen. Wenn man das bedenkt, relativiert es einiges", sagte der 55-Jährige. "Wir sollten keinen tieferen Sinn suchen, wo es keinen Sinn gibt."

Provokation, so Campino weiter, sei ein wichtiges Stilmittel. Habe die Provokation aber eine frauenfeindliche, homophobe, rechtsextreme oder antisemitische Form, sei seine persönliche Grenze überschritten. Kräftiger Applaus aus dem Publikum, auch ein paar Buhrufe.

Quasi-Moderator Habtu wollte daraufhin auch Kollegah und Farid Bang Gelegenheit geben, sich zu erklären, doch Kollegah blieb an seinem Tisch sitzen, ließ angeberisch seinen Muskelapparat spielen, schnupperte an einer Zigarre und verkündete, die Verleihung solle ja nicht zur politischen Debatte werden. Wer ein Problem mit ihrem Text habe, könne sie bei der Aftershow gerne ansprechen. Ansonsten seien sie "hier, um einen guten Abend zu haben und zu feiern".

Damit hatten sich die beiden Rapper eigentlich als hinreichend stumpf, arrogant und ignorant selbst demontiert und die Sache wäre erledigt gewesen. Wenn sie nicht wenig später tatsächlich noch einen Preis gewonnen hätten, den für das beste Hip-Hop-Album.

Auf der Bühne zog dann wiederum Kollegah einen Zettel aus der Tasche und mokierte sich mit einer Geste über das Händezittern von Campino: "Ich habe ein kleines Schulreferat vorbereitet und wollte was zur Debatte sagen." Ihn und Farid Bang "an den Pranger zu stellen" sei "stillos und gebührt so einem großen Künstler wie Campino nicht", sagte Kollegah, aber "als Zeichen des Friedens habe ich die Zeit genutzt und ein schönes Porträt gezeichnet, das ich zu einem guten Zweck versteigern werde". Auf dem Blatt Papier war Campino mit einem Heiligenschein zu sehen.

Begriff man die Show zu diesem Zeitpunkt als Battle-Rap um die moralische Hoheit, hätte auf diese von lauten Buhrufen begleitete Frechheit nun wiederum mit einer beherzten Entgegnung gekontert werden müssen. Aber leider blieb Campino der Einzige, der sich an diesem Abend traute, in den Diskurs zu gehen.

Vor allem die jüngeren Künstler, darunter die populären Preisträger Mark Forster, Wincent Weiss oder die Lochis, die jeweils auch als Laudatoren agierten, ergingen sich im üblichseichten Blabla aus Danksagungen und Geil-hier-voll-super-Einerlei. Selbst Kritikerpreisträgerin Hayiti, die selbst als Rapperin nicht zimperlich ist, gab sich ungewohnt schüchtern und verdruckst. (Mehr zu den Preisträgern und Live-Auftritten lesen Sie hier.)

Besonders bestürzend aber war das Schweigen von Helene Fischer. Die vielleicht zurzeit relevanteste deutsche Popkünstlerin trat zwar gleich zweimal als Sängerin auf und bekam einen Preis überreicht, dankte aber lieber ausgiebig ihrem "scharfen Team" und ihren Bossen von Universal Music, statt ihre Autorität als heimliche Echo-Queen mit einem gesellschaftlichen Statement zu untermauern.

Sie alle, mit Ausnahme von Laudator Johannes Oerding und den Preisträgern vom PxP-Benefiz-Festival, die sympathische Plädoyers für Nächstenliebe und Toleranz führten, versuchten offenbar, sich ihre Party nicht vom komplizierten Zeitgeist vermiesen zu lassen. Ein legitimes, aber natürlich naives Anliegen.

Und so beherrschten dann dank dieser am Ende doch die beiden Rüpelrapper die gesamte Echo-Verleihung. Zum Schluss boten sie den für die Sendung geschriebenen Song "All Eyez On Us" dar, in dem es heißt: "Wir zwei sind ein Bündnis for life, der Körper klar definiert Im Gegensatz zu eurem Verständnis von Künstlerfreiheit". Die wollte an diesem Abend allerdings auch niemand beschneiden, und das ist gut.

Dass Kollegah und Farid Bang vom Echo und von Vox diese große Bühne für einen derart triumphalen Auftritt bereitet und weitgehend kampflos überlassen wurde, hinterlässt dennoch einen frustrierend schalen Nachgeschmack. Den konnte auch kein Afterparty-Drink mehr wegspülen.


Korrektur: Kollegah und Farid Bang rappten am Ende der Echo-Gala nicht ihren Song "0815", wie wir in einer vorherigen Version des Artikels schrieben, sondern "All Eyez On Us". Wir haben den Fehler inzwischen korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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