Superstar Ed Sheeran Warum eigentlich der?

Seine Songs brechen Streaming-Rekorde, Weltstars respektieren ihn, im Sommer kamen fast eine Viertelmillion Menschen für ihn ins Wembley-Stadion. Was ist nur dran an Ed Sheeran? Ein neuer Konzertfilm über ihn gibt Aufschluss.

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Unlängst kam wieder so eine Mitteilung: 500 Millionen Mal sei "Thinking Out Loud" von Ed Sheeran bei Spotify gestreamt worden, der erste Song, der diese Marke erreicht habe, hieß es vom schwedischen Streamingdienst. Rund 19 Millionen - und damit jeder vierte Spotify-Nutzer - hörten pro Monat die Lieder des englischen Songwriters, insgesamt seien sie schon 2,9 Milliarden Mal gestreamt worden; nur Eminem habe mehr vorzuweisen.

Um diesen jüngsten Rekord von Ed Sheeran auch grafisch umzusetzen, entwarfen die Marktforscher von Spotify eine Karte, in der zu sehen ist, welche Nation Sheeran besonders verfallen ist: den "Sheerio-Index" . Eine hübsche Spielerei. Aber mit beschränktem Erkenntnisgewinn. Oder?

Das Land, in dem am meisten Ed Sheeran gehört wird, ist Dänemark. Und da meldet sich der innere Zyniker und sagt: Kein Wunder! An das berühmteste Produkt des Landes hat sich der Sänger mal schamlos herangeschmissen (mit dem Song "Lego House"). Dänemarks Image ist so langweilig und kantenlos wie Sheerans Sound. Und von Popmusik kann ein Land, dessen berühmteste Popstars Aqua (die mit dem "Barbie Girl") und Gitte (die mit dem "Cowboy als Mann") sind, eh nicht viel Ahnung haben.

Aber kann man Ed Sheeran tatsächlich so schnell als Langweiler abtun? Klar, er ist auf den ersten Blick bloß einer, der auf seiner Akustikgitarre schrummt und einfach strukturierte Lieder singt. Einer von zahlreichen Protagonisten des in diesem Jahrzehnt immer wieder ausgerufenen Folk-Revivals, neben Mumford & Sons und den Lumineers und Ben Howard und wie sie alle heißen. Aber keiner von ihnen hat ansatzweise so viel Erfolg.

Elton John ist "so stolz auf ihn"

Ein Grund, warum sich Ed Sheeran von seinen Mitbewerbern abhebt, ist sicher ein ganz banaler äußerlicher: Seine roten Haare fallen auf, da mag sich der Sänger ansonsten mit weißem T-Shirt und Holzfällerhemd noch so betont unauffällig kleiden. Treue SPIEGEL-ONLINE-Leser erinnern sich vielleicht an unsere kleine Rothaarigen-Debatte, deren Credo war: "Der Wiedererkennungswert ist doch sehr hoch."

Und dann ist da noch der Respekt der Weltstars: Der junge Mann aus Suffolk ist ein integrales Mitglied des Beste-Freunde-Kreises rund um Taylor Swift. Der Sohn eines Kunstdozenten und einer Schmuckdesignerin hat zudem auf dem R&B-Erfolgsalbum des Jahres von The Weeknd mitgesungen. Und Elton John sagte über den 24-Jährigen: "Ich bin so stolz auf ihn."

Das war im Juli, am Rande des ersten von drei ausverkauften Konzerten, die Ed Sheeran im Londoner Wembley-Stadion gab. Sie wurden natürlich gefilmt, das Ergebnis kommt nun als Konzertfilm namens "Jumpers for Goalposts", zunächst von Donnerstag an für einige Tage in die Kinos, später als DVD. Hier ein Ausschnitt:

Zu Beginn des Films sieht man in Kindheitsvideos des ungelenk kickenden kleinen Edward, warum es noch viel unwahrscheinlicher gewesen wäre, Ed Sheeran als Fußballspieler im Wembley-Stadion zu sehen. Doch auch auf der Konzertbühne ist es erstaunlich, weil er dort ganz alleine auftritt. Das wagte nicht mal Altmeister Elton John: "Große Hallen habe ich solo mit dem Klavier bespielt", sagt er in dem Film: "Aber für Wembley brauchte ich eine Band."

Sheeran gelingt das musikalisch, weil er neben Gesang und Akustikgitarre noch ein drittes Instrument nutzt: die Loop-Station, ein per Fußpedal bedienbares Gerät, mit dem sich live Samples einspielen und abrufen lassen. Ed Sheeran ist nicht der erste Singer/Songwriter, der so im Konzert komplexere Arrangements der Studioaufnahmen live reproduziert, aber er ist schon ziemlich virtuos darin.

In einem Song wie "Sing" etwa macht er so das Aufeinanderschichten verschiedener Spuren transparent - im Filmbild sehr treffend durch Splitscreen-Einsatz nachgeahmt - , das man weniger aus dem linear strukturierten Popsong kennt, sondern von elektronischer Musik oder aus dem Hip-Hop.

Überhaupt ist sein Mangel an Genre-Berührungsängsten sicher einer der Gründe für Ed Sheerans Erfolg, da ist viel mehr als Folk. In "You Need Me, I Don't Need You" bringt er in den Strophen sehr ordentliche Rap-Parts. Und was ist das so oft gestreamte "Thinking Out Loud" in Wahrheit anderes als eine Soul-Ballade?

Die "Chillen-mit-Netflix-Situation"

Seine erste, programmatische Ansage in Wembley lautet: "Mein Job ist es, euch die nächsten zwei Stunden zu unterhalten." Das ist mehr als nur ein Gemeinplatz. Denn einerseits bedient er sich natürlich dem ganzen Repertoire der Publikumsanimation - Mitklatschen! Mitsingen! Lauter Mitsingen! -, zum anderen aber sind seine Songs im Kontext des Konzerts und des Films auch nur genau das: Unterhaltung.

Zumindest zum Anfang seiner Karriere streifte Sheeran in seinen Songtexten gelegentlich gesellschaftliche Themen, sei es der Status der Musikindustrie, seien es Obdachlosigkeit und Drogensucht. Doch über die Inhalte der Songs wird hier kein Wort gesprochen. Für die dreimal 77.000 Zuschauer, im Konzertfilm vorbildlich diversifiziert ausgewähltes Schnittfutter, sind diese Songs der Soundtrack zum Hüftwackeln, Tränenverdrücken und, gleich zweimal im Bild, zum Ringetauschen.

Ed Sheeran macht sich da sowieso keine Illusionen: In der oben erwähnten Pressemitteilung bedankt er sich bei den Hörern, die seinen Song genutzt hätten "als Hochzeitslied, zum Soundtrack ihres Dates oder um jemanden in eine Chillen-mit-Netflix-Situation zu locken".

In den Szenen hinter den Kulissen ist Ed Sheeran unerschütterlich der nette Kerl, charmant, selbst wenn er behauptet, verkatert zu sein. In sein Tagebuch trägt er minutiös ein, wie riesig seine Auftrittsorte waren; ansonsten macht er eifrig Handyfotos.

Das ist dann wohl das Geheimnis seines Erfolgs: Ed Sheerans Songs stören nicht, Ed Sheeran spricht die Sprache der Gegenwart, und der Kern von Ed Sheerans Karriere ist der Erfolg selbst. Ein globaler Popstar unserer Zeit.


Der Film "Jumpers for Goalposts" hat am Donnerstag, dem 22. Oktober Premiere in ausgewählten Kinos, die zuvor einen Liveauftritt Sheerans vom Roten Teppich in London zeigen. Der Konzertfilm läuft dann noch übers Wochenende im Kino - nähere Informationen hier.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Sam_Dicamillo 22.10.2015
1.
Die Produzenten suchen verzweifelt nach Umsatz bringenden "Talente", und nehmen alles was mit echten Talent nichts zu tun hat. Will nicht sagen dass es diesen Man betrifft, aber die Tatsache dass mann mit elektronischem Gerät : "Autotune", leute die einfach nicht singen können zum "Sängern" gemacht werden : Beyonce , Rhanna, diese Tatsache bestätigt den untergang von qualitäts Pop Musik. Beatles, Steely Dan, Dooby Bros, etc, waren Quality acts. Authenticjazzman, "Mensa" Society mitglied seit vierzig Jahren.
urbansonnet 22.10.2015
2. Sympathisches Beta-Männchen wuselt sich überraschend auf Alpha-Männchen Position
Ich glaub Ed Sheeran würde mich tierisch nerven, wenn er nicht aussähe wie einer, den man kennen könnte; einer, der nicht besonders aus der Gruppe raussticht, kein aufdringliches Alpha-Männchen, der immer der lauteste und meist-beachtete sein will und muss; einer, der von der Seitenlinie zuguckt und einfach nur ein guter Typ ist, den man gern um sich hat; einer, dem man nicht gerade die großen Sprünge zugetraut hätte und dem man überrascht gratuliert, dass er es doch geschafft hat. Good for you, Ed. Ja, würde er nicht so aussehen, dann ging er mir tierisch auf die Nerven. Aber so kann er gar nicht nerven.
mukulele 22.10.2015
3. Darum
Einfach mal das letzte Album kaufen, von A bis Z in Ruhe über Kopfhörer durchhören und dann gibt es keine Fragen mehr
kajoter 22.10.2015
4.
Zitat von Sam_DicamilloDie Produzenten suchen verzweifelt nach Umsatz bringenden "Talente", und nehmen alles was mit echten Talent nichts zu tun hat. Will nicht sagen dass es diesen Man betrifft, aber die Tatsache dass mann mit elektronischem Gerät : "Autotune", leute die einfach nicht singen können zum "Sängern" gemacht werden : Beyonce , Rhanna, diese Tatsache bestätigt den untergang von qualitäts Pop Musik. Beatles, Steely Dan, Dooby Bros, etc, waren Quality acts. Authenticjazzman, "Mensa" Society mitglied seit vierzig Jahren.
So sehr, wie ich die extrem kommerzialisierte Pop-Branche dieser Tage verachte, so möchte ich doch zu bedenken geben, dass es zum einen immer noch gute Newcomer gibt - es gilt halt wie in allen Bereichen zu differenzieren - und dass elektronische Hilfsmittel wie Autotune keinesfalls aus einer schlechten Stimme eine gute machen können. Autotune sorgt lediglich für eine gute Intonation, aber nicht für ein besseres Timbre etc. Natürlich kann man Stimmen voller und wärmer machen, aber aus einer sogenannten Fistelstimme wird man keine Stimmgewalt herausholen können. Daher werden solche Stimmen im Gesamtmix meistens ein wenig versteckt und häufig mit Backgroundsängerinnen umhüllt.
Orthoklas 22.10.2015
5. Hype - und nicht viel mehr
Dank social Media werden "Künstler" in kürzester Zeit zu Megastars - weil es irgendwie hip ist. Die allermeisten verschwinden schließlich mangels Talent. Heute in - morgen out. Bei Milow habe ichs prognostiziert, bei Tim Bendzko auch. In drei Jahren fragt niemand mehr nach Ed Sh - wer? Und das ist auch gut so!
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