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Gestorben Edita Gruberová, 74

aus DER SPIEGEL 43/2021
Foto: United Archives / ddp

Zum Glück sind viele ihrer größten Momente in Aufnahmen nachzuerleben: Wenn die slowakische Sopranistin zu einer Solo-Bravourstelle kam, schien die Zeit stillzustehen, so faszinierend erklangen die Koloraturen, so strahlend die Spitzentöne, so hauchzart die Pianissimi. Wie ein kostbares Instrument pflegte die Künstlerin ihre Stimme; mit enormer Disziplin behauptete sie mehr als drei Jahrzehnte lang einen Ausnahmerang als Belcanto-Artistin. Angefangen hatte sie in ihrer Geburtsstadt Bratislava als durchtriebene Rosina in Rossinis »Der Barbier von Sevilla«; schon vier Jahre später berief man sie an die Wiener Staatsoper.

Von Mozarts berüchtigter Königin der Nacht bis zu ihrer Glanzrolle, der Zerbinetta in der »Ariadne« von Richard Strauss, ließ Edita Gruberová seither keine bedeutende Rolle aus; nur um Wagner machte sie stets einen Bogen. Lieber belebte sie – wie schon ihre Kollegin Joan Sutherland – in konzertanten Aufführungen, deren Ensemble sie selbst bestimmen konnte, vernachlässigte Opernschätze von Bellini und Donizetti. Etliches davon erschien seit 1992 auf einem Label mit dem treffenden Namen »Nightingale«. Anstatt sich Regielaunen fügen zu müssen, konnte die Primadonna so ihre eigenen Maßstäbe setzen: »Je lauter die anderen singen, desto leiser werde ich«, erklärte sie zum Beispiel. Mochten auch ein paar Kritiker höhere Seelenwärme vermissen, die Fans in aller Welt dankten ihr bei Gastspielen mit Ovationen. Erst 2020 erklärte sie ihren Abschied vom Podium. Edita Gruberová, die seit Langem in der Schweiz wohnte, starb am 18. Oktober in Zürich.

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