Elektro-Duo Röyksopp "Wir haben Feuerwerkskörper in den Briefkasten gelegt"

Pop aus Norwegen? Wer mag sich noch an A-ha erinnern, wenn es doch Röyksopp gibt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Svein Berge, eine Hälfte des Duos, über den Umgang mit Hype und wilden Bären und darüber, warum er nie nach Berlin ziehen würde.


SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Jahren sorgten Sie zusammen mit anderen Musikern wie Annie, Sondre Lerche oder Kings Of Convenience für einen kleinen Norwegischen Pop-Boom, der sich vor allem auf die Kleinstadt Bergen konzentrierte. Waren Sie erstaunt über den Trubel, der da über Sie und die nordische Provinz hereinbrach?Berge: Millionen Platten zu verkaufen war tatsächlich ein Schock für uns! Als zwei norwegische Dorfdeppen, die gerne auf Synthesizern herumklimpern, mussten wir uns tatsächlich erstmal daran gewöhnen. Verstehen Sie? Wir sind Norweger!

SPIEGEL ONLINE: Das ruhige Städtchen Bergen wurden auf einmal von Talentjägern aus aller Welt nach den nächsten Röyksopps durchleuchtet. Zu Recht?

Berge: Alle Musiker dort waren im Goldrausch. Sie hatten Dollarzeichen in den Augen und träumten von Weltkarrieren! Das Problem war nur, dass die meisten nicht so viel anzubieten hatten, wie sie vorgaben - um es mal dezent zu formulieren. Ich will niemanden beleidigen, aber ich bin ehrlich. Die sogenannte "Bergen-Szene" war eher ein nettes Missverständnis.

SPIEGEL ONLINE: Die Songs ihres Debütalbums "Melody A.M." waren so allgegenwärtig, dass es einem irgendwann lästig wurde. Sie surrten durch Cafés, aus Videospielen, Apple-Computern und endlos vielen Werbespots. Hatten Sie auch irgendwann genug?

Berge: Unsere Musik wird mich nie nerven! Aber zugegeben: die Dauerpräsenz der Lieder war zeitweilig penetrant. Sie waren tatsächlich überall zu hören. Man macht sich ja auch Sorgen um seine Kreationen. Wie gesagt, ich liebe die Songs, aber wenn sie der Menschheit rund um die Uhr nahezu unausweichlich aufgezwängt werden, kann ich jeden verstehen der irgendwann sagt: Schluss mit Röyksopp! Es entwickelte sich auch für uns als Musiker zum Missverständnis. Immer, wenn ich irgendwo las: Röyksopp das "Chillout-Duo" oder so, dachte ich nur: Irrtum! Um mit diesem Unsinn aufzuräumen, ist unser zweites Album "Understanding" damals so düster ausgefallen.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig nach dem Erfolg des Debüts neue Lieder zu produzieren?

Berge: Nicht so schlimm, wie viele dachten. Natürlich forderten uns gewisse Leute bei unserer Plattenfirma auf "Melody AM - Part 2" zu produzieren. Aber so einen Quatsch würden wir nie machen. Im Gegenteil. Wir haben immer probiert Musik zu produzieren die vor allem uns gefällt! Das neue dritte Album "Junior" fiel uns leichter als das zweite, aber Stress hatten wir nie! Wir waren sogar so entspannt, dass wir nebenher noch ein weiteres Album namens "Senior" einspielten das im Herbst erscheinen soll. "Junior" ist die Party-Platte für Frühling und Sommer. "Senior" ist eher introvertiert und instrumental - ein Soundtrack für lange Winternächte.

SPIEGEL ONLINE: Auf "Junior" sind verschiedene Gastsänger zu hören, darunter Lykke Li, Robyn oder Karin Dreijer Andersson von der Band The Knife. Haben sie deren Stimmen bereits im Kopf, wenn sie die Songs schreiben?

Berge: Wenn wir Musik machen, geht's es uns vor allem um Sounds. Akkorde und Melodien sind natürlich wichtig, aber für uns bekommt ein Lied seine wahre Identität durch den angemessenen Sound. Sound ist alles für uns! Unter diesem Aspekt suchen wir uns auch die Sänger. Uns interessieren nur sehr eigenwillige Stimmen. Sänger behandeln wir wie Keyboards, wir spielen sie, wenn Sie so wollen. Aber natürlich mit der gebotenen Ehrfurcht vor ihrer Intelligenz und Persönlichkeit!

SPIEGEL ONLINE: Die Hauptdarsteller der "Bergen-Szene" haben überwiegend das Weite gesucht: Sondre Lerche lebt jetzt in New York, Erlend Oye von den Kings Of Convenience und Annie sind damals nach Berlin gezogen.....

Berge: Ach ja.... Erlend und Annie haben sich wohl gedacht, dass es cool sei, eine "Berlin-Phase" im Lebenslauf zu haben. Die schreiben in Gedanken wahrscheinlich schon ihre Autobiografie, wo es natürlich lässig klingt, wenn man von sich sagen kann: "Zu Beginn des Jahrtausends lebte ich dann für soundso viele Jahre in Berlin, wo es ganz wild zuging und wir David Bowie, Iggy Pop und Kraftwerk im Kopf hatten bla bla bla"

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten nie erwogen, nach London, New York oder Berlin zu ziehen?

Berge: Natürlich haben wir das durchgespielt. Wir haben viel von der Welt gesehen und tolle Orte erlebt, aber sind dann zu dem Schluss gekommen, daheim zu bleiben. Wir sind beide in den Achtzigern hoch im Norden in Tromsö aufgewachsen. Eine Zeit, in der es kein Internet gab, in der die meisten Menschen bei uns nicht mal Fernseher hatten. Wir mussten uns unsere Abenteuer noch selber suchen, Nachts durch die Schule schleichen oder dem Nachbarn Feuerwerkskörper in den Briefkasten legen. Musik - also Platten - ließen wir uns von den großen Jungs, die mal verreisten, aus London oder so, mitbringen. Um es kurz zu machen: Wir sind eigentlich immer noch so. Die Reizüberflutung dieser Tage ist uns, besonders mir, zu anstrengend. Das Überangebot der Metropolen macht mir Angst. Ich bin ein Mensch, der tagelang weder Handy noch Computer einschaltet. Deshalb bin ich in ein kleines Haus noch sehr viel weiter im Norden gezogen, mitten in die Wildnis, wo tatsächlich noch Bären herumlaufen. Ich liebe die Natur und muss auch dicht am Meer leben, auf das ich stundenlang starren kann und wo ich auf schöne Melodien warte. Ist das New Age? Egal, ich bin Norweger!

Das Interview führte Christoph Dallach



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