Elektronik trifft Mahler Nervenzusammenbruch, remixed

Knarzende Dielen, verbrennende Knochen und das Stolpern des Samplers: Der britische Elektronik-Produzent Matthew Herbert hat Gustav Mahlers unvollendete 10. Sinfonie bearbeitet - und eine mitreißende Klangstudie über Angst, Melancholie und Einsamkeit geschaffen.

AP/ Matthew Herbert

Von Hendrik Lakeberg


"Erbarmen! O Gott! O Gott! Warum hast du mich verlassen?", schrieb der Komponist Gustav Mahler an den Rand der Partitur. Und ganz am Ende der in Tinte gegossene Stoßseufzer: "Für dich leben! Für dich sterben!" Als Mahler die 10. Sinfonie komponierte, drohte die Ehe mit Alma Mahler zu zerbrechen. Seine Frau hatte mit dem später weltberühmten Bauhaus-Architekten Walter Gropius eine Affäre begonnen. Gropius schrieb ihr stürmische Liebesbriefe. Einer davon landete bei dem Komponisten persönlich. Ob aus Versehen oder von Gropius mit der Berechnung eines respektlosen und liebesblinden Rivalen verschickt, bleibt unklar. Die Affäre seiner Frau stürzte Mahler, der nicht nur Komponist, sondern auch einflussreicher Operndirektor und einer der wichtigsten Dirigenten seiner Zeit war, in eine tiefe Lebenskrise, aus der er sich nicht erholte. Die 10. Sinfonie blieb unvollendet. Am 18. Mai 1911 starb Mahler an einer Herzkrankheit in Wien.

Die Geschichte von Mahlers 10. Sinfonie ist so mitreißend wie ein Gesellschaftsroman von Tom Wolfe. Die Fragmente sind das Dokument eines Nervenzusammenbruchs und gleichzeitig das grelle Zeugnis vom Ende einer musikalischen Epoche. Auch in den Nebenrollen tauchen europäische Geistesgiganten des beginnenden 20. Jahrhunderts auf. Vom Verlust seiner Frau erschüttert, suchte Mahler Hilfe bei Sigmund Freud, dem Vater der Psychoanalyse. Die historische Wucht der 10. Sinfonie ist immens. Ausgerechnet diesen Brocken wählte Matthew Herbert für seinen Beitrag der "Recomposed"-Reihe, in der Musiker der elektronischen Popmusik regelmäßig Werke klassischer Komponisten neu interpretieren.

Keine vorgefertigten Klänge

Gustav Mahler erfasste wie kein anderer den Übergang der Musik von der Romantik in die Moderne. Und in dem düsteren Fragment der 10. Sinfonie klang die Sehnsucht der Romantik endgültig vergiftet. Am Horizont der Geschichte zogen die beiden Weltkriege herauf. In Italien beschwor die Avantgarde die Schönheit von Maschinen und Krieg. Es war, als konnte man das Artilleriefeuer aus den Schützengräben schon aus der Ferne hören. Mahlers private Krise verlief synchron mit einer fundamentalen Kulturkrise Europas. Die Welt in Musik abzubilden, wie es Mahler als Romantiker wollte, das gelang ihm auch noch in dem Privatesten aller Moment: der Einsamkeit eines Verlassenen.

Vor diesem Berg an Geschichte stand nun Herbert, der britische Sample-Avantgardist, der schon aus McDonalds-Tüten Musik machte, House mit Küchengeräten komponierte und Bigband-Jazz mit experimenteller Elektronik kreuzte. "Es war entscheidend, dass die 10. Sinfonie unvollendet ist", sagt Herbert. "Wenn man sich an ein ikonisches Stück Musik macht wie dieses, dann fragt man sich natürlich, ob man als Künstler dazu überhaupt legitimiert ist. Dass das Stück unvollendet ist, war für mich wie eine Einladung."

Der englische Produzent ist ein Konzeptionalist. Ähnlich wie die dänischen Filmemacher rund um Lars von Trier mit ihren Dogma-Filmen forderte Herbert seine Kollegen in einer Art Manifest auf, keine vorgefertigten Klänge aus der Drum-Machine mehr zu verwenden, sondern alle Sounds selber zu erstellen. Um diese Idee zu illustrieren, produzierte er zum Beispiel die Platte "Bodily Functions", auf der die Rhythmus-Klänge komplett aus Körpergeräuschen entstanden sind. Viele nehmen ihm diesen theoretischen Eifer übel. Denn House-Musik sei zum Tanzen da und keine intellektuelle Angelegenheit. Doch "Bodily Functions" änderte die Arbeitsweise unzähliger junger Produzenten und ist ein einflussreicher Klassiker geworden.

Krematorium als Klangkulisse

So abwegig es im ersten Moment klingen mag, aber in ihrem Verständnis von Musik gibt es eine Verbindung zwischen Matthew Herbert und Gustav Mahler: Bei dem Spätromantiker Mahler würde man wahrscheinlich emphatisch von Weltdurchdringung sprechen, während Herbert sagt, er möchte die Welt mit seiner Musik dokumentieren, aber beide eint der Anspruch, die Welt zum Teil ihrer Musik zu machen. "Wenn Mahler einen Vogel imitieren wollte, dann musste er für eine Flöte komponieren. Heute kann ein Musiker vor die Tür gehen und den Vogel einfach aufnehmen", sagt Herbert.

Auch für die Bearbeitung von Mahlers 10. machte Herbert solche Aufnahmen. Zum Beispiel zu einer Berghütte in Toblach, Südtirol, wo die Sinfonie entstand. Man hört am Anfang von "ReComposed by Matthew Herbert - Mahler Symphony X" das Rascheln von Papier, das Kreischen der Vögel im Wald und leise Schritte auf dem Holzfußboden, während das tieftraurige Adagio feierlich anhebt. Die Einsamkeit, die Mahler nach dem Verlust seiner Frau in den Bergen empfunden haben muss, trifft den Hörer ins Mark. Das tut sie auch dann, wenn Herbert eine Einspielung der Sinfonie im Inneren eines Sarges abspielt und neu aufnimmt. Um die morbide, vom Tod durchwirkte Stimmung der Musik zusätzlich zu verstärken, wählte er ein Krematorium als Klangkulisse: "Es gab dort kein Publikum, aber man hört, wie menschliche Knochen zu Asche verbrennen", sagt Herbert, der noch nie so düster geklungen hat, wie in den gut 37 Minuten dieses Albums.

Lange klang Klassik nicht mehr so intensiv wie hier. Vielleicht weil eine Dringlichkeit durch den Klang spukt, die ein gewöhnliches Orchesterkonzert kaum mehr erreicht. Im auf handwerkliche Perfektion versessenen Klassik-Betrieb sucht kaum mehr jemand nach dem emotionalen Grund der Musik, man hängt sich eher an den Rockzipfel von Opernsängerinnen, die wie Schlagerstars vermarktet werden. Herbert sucht nach diesem Grund. Er verstärkt die Einsamkeit in Mahlers zerrüttetem Spätwerk. Die Sehnsucht ist hier intensiver, die Melancholie trauriger, die Verzweiflung größer als in einer gewöhnlichen Einspielung der 10. Sinfonie. An einigen Stellen zerstäubt Herbert die Aufnahme, in dem er sie mit einem Sampler manipuliert, auseinanderpflückt und unsauber wieder zusammensetzt. Dann stolpert die Musik vor sich hin. Für ein paar Minuten fühlt man sich als Hörer wie in orientierungsloses Rauschen geworfen. Nervenflirren, bis sanft die Streicher wieder einsetzen.

Herberts Bearbeitung ist eine mitreißende Klangstudie über Angst, Melancholie und Einsamkeit, über die Verschränkung von Musik und Leben. Als der Dirigent Bruno Walter Mahler einmal in den Alpen besuchte, hörte er irgendwann auf zu reden und starrte wie hypnotisiert auf die imposante Naturkulisse. Mahler wurde deswegen ungeduldig und sagte: "Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen - das habe ich alles schon wegkomponiert!"



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Haio Forler 15.07.2010
1. .
Zitat von sysopKnarzende Dielen, verbrennende Knochen und das Stolpern des Samplers: Der britische Elektronik-Produzent Matthew Herbert hat Gustav Mahlers unvollendete 10. Sinfonie bearbeitet - und eine mitreißende Klangstudie über Angst, Melancholie und Einsamkeit geschaffen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,705947,00.html
Mahlers 10. ist ein phantastisches Werk, Gerade deshalb, weil es nicht so "dick" ist wie die 5. und 6. Symphonie, die aber deshalb nicht weniger faszinierend sind.
jot-we, 15.07.2010
2. Golb!
Ich kenne Mahler und ich kenne Herbert und auch wenn ich das hier besprochene Werk nicht kenne, zieht spätestens bei Sätzen wie: Knarzende Dielen, verbrennende Knochen ... eine mitreißende Klangstudie über Angst, Melancholie und Einsamkeit an meinem musikalischen Horizont eine Vorahnung nahenden Unheils auf. Und wenn dann gar noch das Rascheln von Papier, das Kreischen der Vögel im Wald und leise Schritte auf dem Holzfußboden, während das tieftraurige Adagio feierlich anhebt ... meine Vorstellungskräfte in Wallung bringt, verfestigt sich im mir endgültig der Verdacht, dass hier Subtilität mit dem Holzhammer verabreicht werden soll. Vielleicht ist's ja tatsächlich ganz wunderbar - dann allerdings hätte der Autor - vielleicht - ein bisschen auf die Bremse treten sollen, die emphatische ... Oder, um beim Thema zu bleiben: piano, maestro!
nohanjes, 15.07.2010
3. Cooke Fantasy I recomposed?
Es gibt keine 10. Symphonie von Mahler, sondern lediglich das fast fertige Adagio. Daneben existieren ein Particell für einen weiteren Satz, sowie Skizzen und Vorstudien für drei weitere Sätze, die noch elementarer sind. Es gibt also in dem Sinne kein Stück, was man "rekomponieren" oder "rekonstruieren", geschweige denn "aufführen" oder "aufnehmen" könnte. Was es dagegen gibt, sind einige "Aufführungsversionen", die versuchen, den Wust an Unfertigem in eine Struktur zu bringen, die einem von Mahler komponierten Stück ähnelt. Sie sind unterschiedlich überzeugend geraten, und leider hochgradig spekulativ. Auch die Legende um Mahlers Tod an gebrochenem Herzen ist bestenfalls spekulativ, macht sich als Geschichte aber natürlich gut. Glücklicherweise bietet sich so ein schönes Betätigungsfeld für jeden, der sich gerne im Kielwasser von Mahler profilieren möchte. Es wäre doch ganz interessant mal zu testen, ob irgendjemand das Geräusch verbrennender Knochen richtig zuordnen, bzw. die Geräuschkulisse in einem Sarg von der in einem Umzugskarton unterscheiden könnte. Eher nicht? Na, dann ist es vielleicht doch bloß ein prätentiöses Mätzchen? So ein bisschen? Wenn es schon "Mahler 10" sein muss, dann doch wenigstens die Version von Deryck Cooke, würde ich sagen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.