Elektropop aus der DDR Synthie-Kosmonauten

Wer kennt noch Platten von Reinhard Lakomy oder Wolfgang Paulke? Welch unterhaltsamer Elektropop in der Deutschen Demokratischen Republik produziert wurde, ist nun auf der CD "Mandarinenträume" zu bestaunen.
CD-Cover: Vergessenes Kapitel sozialistischer Popkultur jenseits von Puhdys und Karat

CD-Cover: Vergessenes Kapitel sozialistischer Popkultur jenseits von Puhdys und Karat

Foto: Permanent Vacation

DDR

Als die westdeutschen Elektro-Schwurbler von Tangerine Dream im Januar 1980 ihre Synthesizer im Ost-Berliner Palast der Republik schnurren ließen, war das für die durchaus ein Ereignis. Einerseits verirrten sich bekannte westliche Musiker eher selten in die abgesperrte Hälfte von Deutschland, andererseits gab es so merkwürdige Klänge wie die ausschweifenden, instrumentalen Wabersymphonien von Tangerine Dream offiziell sonst kaum zu hören.

Wie sehr sich damals einige DDR-Künstler von Tangerine Dream und eingeschmuggelten Tonträgern von Jean Michel Jarre und Konsorten beeindrucken ließen, ist nun auf einer faszinierenden CD nachzuhören. Für das Album "Mandarinenträume" hat der Journalist Florian Sievers elektronische Musik zusammengestellt, die zwischen 1981 und 1989 in der DDR veröffentlicht wurde und beleuchtet so ein vergessenes Kapitel sozialistischer Popkultur jenseits von Puhdys und Karat.

Futuristische Pop-Entwürfe

Oder wer erinnert sich heute noch an Künstler wie Hans-Hasso Stamer, Wolfgang Paulke, Julius Krebs oder Reinhard Lakomy? Es sind Musiker, die in der offiziellen Pop-Geschichtsschreibung keine Rolle spielen. Sie vereinte allein ihr Spaß an geheimnisvoll blubbernden Synthesizer-Kompositionen: keine innovativen Schöpfungen, aber eigenbrötlerische und einlullende Melodien, futuristische Pop-Entwürfe, die auch in den Achtzigern so modern schienen wie Mondreisen von Jules Verne und heute immer noch seltsam aus der Zeit gefallen klingen.

Aufrechte Musikliebhaber waren damals schon irritiert von den Langspielplatten, die beim staatseigenen Label Amiga veröffentlicht wurden. Als der erfolgreiche Komponist Reinhard Lakomy 1982 sein erstes Elektroalbum "Das geheime Leben" präsentierte, wurde er vom DDR-Fachblatt "Melodie und Rhythmus" mit einer entsetzten Rezension abgewatscht. Dass das umstrittene Werk trotzdem 100.000-mal verkauft wurde, belegt, dass es für diese Art von Tagträumer-Pop ein großes Publikum gab.

Strenge Behördenaufsicht

Bemerkenswert sind natürlich auch die Bedingungen, unter denen die Platten entstanden. Denn mal abgesehen von strenger Behördenaufsicht, war es für die Musiker schon eine Kunst, sich halbwegs brauchbare elektronische Instrumente zu organisieren. Spannend ist auch die Frage, ob sich solche Melodien ohne gewisse, die Phantasie erweiternde Substanzen programmieren ließen und welche das in Ostdeutschland gewesen sein könnten.

Ein lustiger Coup ist natürlich auch, dass die spleenigen Platten in diesem Jahrtausend wieder en vogue sind. Und dass junge Stars der Szene wie die Skandinavier Lindström oder Prins Thomas auch nicht moderner klingen als Tangerine Dream oder eben Reinhard Lakomy.

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