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Großbritannien beim ESC: Erst hoch, dann lange tief

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Engelbert beim ESC Vom Altenheim nach Aserbaidschan

Wir schreiben das Jahr 2012, und die BBC hat den Schnulzensänger Engelbert Humperdinck für den Eurovision Song Contest reaktiviert. Egal, schlechter als in den letzten Jahren kann das Land mit dem 75-Jährigen auch nicht abschneiden.
Von Jan Feddersen

War es ein Scherz? Eine vorweggenommene Pointe zum 1. April? Kurz vor Mitternacht annoncierte die BBC, dass sie einen Kandidaten für den 57. Eurovision Song Contest am 26. Mai in Baku gefunden habe - und dass er Engelbert Humperdinck heiße. Konnte es sich um eine Namensverwechslung handeln? Oder war es eine Fake-Nachricht? Doch, es ist wahr, am 1. März gab der Sender in London bekannt: Es werde dieser 75-jährige Mann sein, der das Vereinigte Königreich in Aserbaidschan vertreten wird.

Es muss der pure Notstand gewesen sein, der die BBC bewog, diesen letzten Haudegen aus urbritischer Schlagerwelt überhaupt in Erwägung zu ziehen. Früher, da wäre Mr. Arnold George Dorsey, wie der Sänger von "Please Release Me" bürgerlich heißt, nicht im Traum auf die Idee gekommen, sich der Rivalität bei einem Sangeswettbewerb zu stellen.

Engelbert, das war die Mittelposition im Schnulzengewerbe, der sich gekonnt zwischen der Testosteron-Bombe Tom "You're A Lady" Jones und dem biederen Hausfrauenschwarm Tony "Amarillo" Christie aufstellte: Der in Madras geborene Crooner verlegte sich aufs Schmusige, er verhieß keine Abenteuer und Räusche, aber zumindest Besuche in Restaurants und in Seebädern wie Blackpool oder Brighton, wenn es schon zu Monte Carlo nicht reicht. Humperdinck, das war der Tom Jones für Realistinnen des Liebeslebens.

Dritter Frühling

Engelbert Humperdinck bekommt die Chance seines Lebens, seinen dritten Frühling in den Blick zu nehmen: 120 Millionen Menschen werden ihm und seinem Lied lauschen, um das sich ab sofort die Adele-Produzenten Sacha Skarbek und Martin Terefe kümmern werden.

Was die BBC stimuliert haben könnte, im Altenheim der eigenen Popgeschichte zu fahnden, ist offen. Dieser Sender jedenfalls ist in Not. Früher, da garantierte allein die Ankündigung, von den britischen Inseln zum Eurovision Song Contest zu reisen, beste Platzierungen. Das Vereinigte Königreich, das war die Kernnation dieses Festivals - allein zwischen 1967 (Sandie Shaw und ihr "Puppet On A String") bis 1981 (Buck's Fizz und "Making Your Mind Up"). In der Ära, in der Britannia wirklich den Ton in der Popwelt angab, gewann es viermal; zweite und dritte Plätze gab es zuhauf. Ein letzter Rang? Der war der BBC erst 2003 beschieden, als man in Riga auf dem 26. Rang landete: Jemini und "Cry Baby" stehen seither zwischen für eine Niederlage ohne jedes Niveau, für ein Debakel zum Fremdschämen.

Dabei konnten doch all die britischen Kandidaten oft nichts dafür: Sie waren auch gut, aber sie landeten schon deshalb unter "ferner sangen", weil andere Länder mehr und mehr darauf verzichteten, schwer verständliche Folklore zu intonieren - und auch Pop produzierten. Seit 1999 verheißt das Performen in englischer Sprache auch keinen besonderen Vorteil mehr; alle Länder dürfen in der Sprache mit den meisten Siegen beim Eurovision Song Contest antreten, es ist nicht mehr Irland, Malta sowie dem Vereinigten Königreich vorbehalten, international zu klingen und Anschluss an die Welt des Pops zu suggerieren.

Britische Acts haben seither nur noch selten Erfolg - in den letzten acht Jahren gab es keine Top-drei-Platzierung. Da darf einer wie Engelbert Humperdinck wie ein Schlachtschiff aus besseren Tagen verkauft werden: Dieser Crooner kann am Mikro stehen und die gewisse Atmosphäre von Musik und nicht nur Gymnastik verbreiten. Dass die BBC weder Lust noch Geld auf ein richtiges Auswahlverfahren hatte, reichert diese Wahrheit nur noch an. Die dieses Jahr anstehenden finanziellen Aufwendungen für die Olympische Spiele in London und das Thronjubiläum der Königin - das reichte der BBC, um den nach wie vor soliden Sänger um Hilfe zu bitten.

Eine Katastrophe? Nicht wirklich: Schlechter als in den letzten Jahren kann Großbritannien mit Engelbert Humperdinck auch nicht abschneiden.

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