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Entertainer im Jazz: Das Monster und der Tausendsassa

Foto: VALERY HACHE/ AFP

Entertainer im Jazz Effekthascherei? So what!

Helge Schneider hat's vorgemacht: Der Jazz braucht Showtalente. Zum Glück bringen der Brasilianer Ed Motta und der Schwede Nils Landgren Leichtigkeit in das oft verbissene Milieu.

"Südamerikanisches Soulmonster" und "Koloss von Rio" wurde er schon genannt. Und wer Ed Mottas Auftritte, etwa beim Bremer Jazzahead oder dem Hamburger Elbjazz, erlebt hat, erinnert sich an einen Keyboarder und Sänger, der als Rampensau sein Publikum mitreißt.

Daher schreckt man auf, wenn einem im Café ein schüchterner Mann entgegentritt. Motta bewegt sich trotz seiner über zwei Zentner Gewicht fast grazil. Er spricht bedächtig und erweist sich als Intellektueller mit ausgezeichneten Musikkenntnissen.

Der 45-Jährige, der bis vor einiger Zeit fast nur in Pop- und Soul-Kreisen bekannt war, beherbergt in seiner 30.000-Tonträger-Sammlung ein umwerfendes Jazz-Archiv.

"Die deutschen MPS-LPs liebe ich besonders", sagt er in Anspielung auf das Plattenlabel "Musik Produktion Schwarzwald" und erkundigt sich nach Michael Naura, nach Rolf und Joachim Kühn. Da ist baff, wer bei Begegnungen mit Brasilianern ein Gespräch über Samba und Bossa Nova erwartet.

Die Szene braucht Originale wie Motta

Als ein Neffe des 1987 verstorbenen brasilianischen Popstars Tim Maia wuchs Motta in einem musikalischen Clan auf. Er spielte als Teenager in Hardrock-Bands, beim Studium in New York interessierten ihn vor allem Soul und Funk. Doch auch mit Jazz beschäftigte sich der junge Motta.

Wie sehr auch der ihn prägte, zeigt sein neues Album "Perpetual Gateways" mit boppigen Bläserriffs und Scat-Gesangseinlagen. Wunderbar, dass Deutschlands Jazz-Promoter nun den auch als Gourmet bekannten Brasilianer entdeckt haben. Die Szene braucht Originale wie Ed Motta.

Jazz wird heutzutage überwiegend als todernste Angelegenheit wahrgenommen. Zwar würzen Entertainer wie Helge Schneider und Götz Alsmann ihre Shows mit jazzigen Einlagen. Aber Jazz-Profis mit Showtalent wie einst der Pianist Fats Waller und die singenden Trompeter Louis Armstrong und Dizzy Gillespie fehlen heute.

"Musiker wie Landgren halten den Jazz lebendig"

Da ist Nils Landgren eine Ausnahme. Der schwedische Tausendsassa, der bald 60 wird, spielt Posaune und singt in etlichen Formationen. Er komponiert, unterrichtet an Musikhochschulen und organisiert Großereignisse wie JazzBaltica. Dabei wirkt er nie wie ein verbiestertes Arbeitstier, sondern verbindet sein Tun mit Showmanship - etwa wenn er witzige Ansagen macht und mit seinem holprigem Deutsch kokettiert.

Musikalisch kennt Landgren kaum Grenzen. So hat er gerade zusammen mit Janis Siegel vom A-Capella-Quartett "Manhattan Transfer" und mit den Bochumer Symphonikern ein "Tribute to Leonard Bernstein"-Album veröffentlicht.

"Es sind Musiker wie Landgren, die den Jazz lebendig halten", schrieb ein Leser mal zu einem Landgren-Artikel. Ein anderer dagegen tadelte: "Was Landgren macht, hat mit Jazz wenig zu tun. Eher ist es Pop." Tatsächlich polarisieren gerade im Jazz Künstler mit Entertainer-Talent die Fangemeinde.

So kritisierten 1960 Jazzexperten die Spielweise des damaligen Aufsteigers Les McCann: "His style is a gimmick, his attitude phony." Aufgebracht verteidigte der Journalist und Produzent Leonard Feather den swingenden Soul-Pianisten. McCann würde einfach "spielen, was er fühlt, und das seinem Publikum vermitteln", schrieb Feather.

Nachzulesen ist die Kontroverse in den Liner Notes zum Reissue von Konzerten des McCann-Trios. Zwei CDs vermitteln das für McCann typische Entertainment am laufenden Band: Fließende Überleitungen von Stück zu Stück. Witzige Bemerkungen, in den Beifall hinein. Steigerung von angetippten Einzeltönen in donnernde Akkordorgien. Dramatische Wechsel in Lautstärke und Tempo. McCann-Konzerte füllten die Hollywood Bowl, eine Freiluftarena mit 18.000 Plätzen. Effekthascherei? So what!

Ed Motta - Termine: 16. 3. Neubrandenburg, 19. 3. Kassel, 8. 5. Basel, 10. 5. Zürich.

Nils Landgren with Janis Siegel - Termine: 2. 3. Dortmund, 6. 3. Dessau, 9. 3. Frankfurt, 11. 3. Dresden, 12. 3. Karlsruhe, 13. 3. Düsseldorf, 18. 3. Lübeck, 19. 3. Hamburg, 20. 3. Leipzig.

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