Entertainer Jackson König des Pop-Kapitalismus

Massenmusik in reinster Form, einzigartige Shows, Drill und Perfektion - Michael Jackson hinterlässt der Entertainment-Industrie ein gewaltiges Erbe. Sein Einfluss kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, ohne ihn sähe Unterhaltung heute völlig anders aus: Lebensbilanz eines Genies.

Von Uh-Young Kim


Selbst sein Abgang war eine große Show.

"Dies werden meine letzten Live-Performances sein", hatte der König des Pop im März in London verkündet. Michael Jackson wollte seine Karriere zur größten Show aller Zeiten machen - es ist ihm bis zum bitteren Ende gelungen.

Die öffentliche Häme, mit der er noch im vergangenen Jahr zu seinem 50. Geburtstag überschüttet wurde, hat sich binnen Stunden in Trauer verwandelt. Die Freakshow ist vorbei.

Die Spötter schweigen. Jetzt zählt das Werk.

Zwar haben die Macken des Pop-Zombies, die körperlichen Verwandlungen und Kindesmissbrauchsprozesse seine Errungenschaften als Entertainer fast vollständig überlagert.

Wenn heute "I Want You Back" und "Billie Jean" im Radio rauf und runter laufen, wird aber noch einmal deutlich, dass Michael Jackson das Popgeschäft über Jahrzehnte dominiert und die Massenunterhaltung geprägt hat, wie kein anderer nach ihm. Vergleichbares ist nur Elvis Presley und den Beatles gelungen. Und als ob er sich deren Aura einverleiben wollte, hat Michael Jackson Lisa-Maria Presley geheiratet und sich die Rechte aller Beatles-Songs gesichert. Es konnte nur einen geben. Nur er stand von frühester Kindheit an im Scheinwerferlicht. Die Bühne war nicht nur sein sprichwörtliches Zuhause, sondern das einzige Leben, das er kannte.

Angefangen bei den Jackson Five, dem Prototypen der Boygroup: Berühmt wurden die Jacksons als begnadete Musikerfamilie, in Wirklichkeit waren sie der brutalste Sweatshop der Pophistorie.

Heute müssen ehrgeizige Eltern ihre Kinder nicht mehr ins Showbusiness prügeln. Den Beyoncés, Britneys und DSDS-Kandidaten ist der Drill zur Höchstleistung ins Blut übergegangen - dank Michael Jackson, der es nur um den Preis seiner Kindheit an die Spitze gebracht hat.

Welcher Popmusikfan hat sich bis in die Neunziger nicht schon einmal vor den Spiegel gestellt, die weißen Handschuhe übergestreift, eine Locke in die Stirn gedreht und den Moonwalk gemacht? Michael Jackson wusste genau, wie er einen faszinierenden Eindruck beim Betrachter hinterlässt.

Dem Griff in den Schritt stand das Falsett gegenüber

Zum Tod von Michael Jackson
Sony BMG/Reuters

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Die Genese der Ikone spielte sich 1983 bei der Motown-Feier ab. Michael Jackson sang "Billie Jean" in weißen Handschuhen, Hut und Glitzerjacke. Dabei führte er erstmals seinen exzentrischen Tanzstil auf: Korkenziehertritte, Ballettmomente auf Zehenspitzen, impulsive Sprünge und der mechanisch gleitende Gang übers Parkett als Mischung aus Breakdance und Pantomime. Sein übermütiger Griff in den Schritt kokettierte mit der männlichen Sexualität, die dem gehauchten Falsett gegenüberstand. Der Körper pulsierte zwischen Spannung und Schwerelosigkeit mit einer Eleganz, die er sich direkt von Fred Astaire abgeguckt hatte.

Michael Jackson hat von den ganz Großen im Showbusiness gelernt, um zum größten Entertainer aller Zeiten zu werden. Als Kind studierte er vom Bühnenrand des Apollo Theaters in Harlem die Performances von Sam Cooke und James Brown. Von den afroamerikanischen Stars schlug er eine Brücke zu weißen Hollywood-Legenden - bis hin zu einer Hommage an Fred Astaires Tanzszenen aus "The Band Wagon" für den Videoclip zu "Smooth Criminal".

Der Crossover zu weißen Hörerschaften gehörte schon seit den Tagen der Jackson Five und ihrem säkulären Soulpop zum Programm. Als Solokünstler perfektionierte Michael Jackson die Kunst der Anpassung. Auf seinem zweiten Solo-Album "Off The Wall" überflügelte er 1979 mit einer Mischung aus Soul, Disco und Rock kulturelle Schranken.

Die Mondlandung der Achtziger Jahre

Mehr noch als alle anderen vor und nach ihm hat er weiße Käuferschichten für die Musik des schwarzen Amerikas gewonnen. Doch erst mit dem Videoclip zu "Thriller" sollte er zum universellen Popstar aufsteigen. Das legendäre Video erhob den Musikclip zur eigenen Kunstform und zwang MTV dazu, das Programm für schwarze Musiker zu öffnen. Und die Erstausstrahlung des Clips zu "Bad" wurde - als mediales Ereignis betrachtet - zur Mondlandung der Achtziger-Generation.

Wurden schwarze Musiker noch in den Siebzigern in der Regel ausgebeutet, stellte sich Jackson finanziell auf eigene Beine. Mit einem Werbevertrag mit Pepsi legte er den Grundstein für alle folgenden Kooperationen zwischen Popstars und Konzernen. Damit war er federführend in der Selbstermächtigung afroamerikanischer Künstler und ihrer Markenwerdung, wie sie heute besonders von Rapstars mit Produktpaletten von Soft Drinks bis Modelinien betrieben wird. Seine Konzerte arteten zu Mammutspektakeln mit viel Feuer und Rauch aus, heute gang und gäbe, von Rammstein bis Kanye West.

Hat nur noch das Comeback gefehlt. Ob Jackson die 50 Konzerte in London durchgehalten hätte - wir werden es nie erfahren. Der Vorhang ist gefallen. Einer der letzten Dinosaurier des Popstarsystems des 20. Jahrhunderts ist tot. Und Michael Jackson überstrahlt noch einmal alle dort, wo Popularität heutzutage nun einmal gemessen wird. Nicht auf der Bühne, sondern in den Klatsch-Blogs im Internet. Die kennen heute nur ein Thema.

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