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04. Oktober 2000, 12:27 Uhr

Erfolgsproduzent Trevor Horn

"Man kann nicht einfach zurückgehen"

Von Peter M. Boenisch

In den achtziger Jahren bestimmte der britische Produzent Trevor Horn das Popgeschehen. Jetzt werden die alten Platten wieder veröffentlicht, und es gibt ein neues Album von Horns eigener Band, The Art Of Noise.

Trevor Horn: "Wir haben uns als Piraten betrachtet"
Repertoire Records

Trevor Horn: "Wir haben uns als Piraten betrachtet"

Der heute 51-jährige Trevor Horn war erstmals 1979 mit seiner Band The Buggles auf der musikalischen Bildfläche erschienen; deren "Video Killed The Radio Star" wurde zu einem Partyklassiker. Mit seinen späteren Projekten wie Frankie Goes To Hollywood ("Relax"), Yes ("Owner Of A Lonely Heart") und den deutschen Propaganda ("Dr. Mabuse") schuf er dann in der ersten Hälfte der achtziger Jahre einen damals ganz neuen Popsound, irgendwo zwischen Rock und Elektronik.

"Ich bin mit den Beatles, Led Zeppelin und Genesis groß geworden", erinnert sich Horn heute. "Dann habe ich aber viel Musik aus Deutschland gehört. Songs wie "Relax" verdanken vor allem Kraftwerk eine ganze Menge. Schon mit "Video Killed The Radio Star" hatten wir versucht, einen ähnlichen, programmierten Sound in die Popmusik einzuführen, obwohl wir selber damals überhaupt noch keine Computer hatten. Die ganze Platte ist von Musikern gespielt, hört sich aber - vor allem wenn man heute zurückblickt - fast schon programmiert an."

Horn hatte nach seiner Zeit bei den Buggles kräftig aufgerüstet und gehörte zu den ersten britischen Produzenten, die mit der neuesten elektronischen Technologie, mit Synthesizern, Samplern und dergleichen, arbeiteten. Sein eigenes Projekt The Art Of Noise bastelte seine Nummern wie "Moments In Love" alleine aus gesampelten Musikfetzen und Alltagsgeräuschen zusammen und gilt heute, ähnlich wie Kraftwerk ein Jahrzehnt zuvor, als wegweisend für die Entwicklung der elektronischen Musikszene. "Wir haben uns damals als Piraten betrachtet", sagt Horn. "Wir haben eine Unmenge Sachen aus Songs von anderen geklaut, die wir aber so verfremdet hatten, dass niemand etwas gemerkt hat."

Gegen Ende der Achtziger war die große Ära Horns aber beendet: Die Bands aus seinem Stall fielen auseinander, Acid House und Techno bedienten fortan den Markt des Elektronikpops. Im vergangenen Jahrzehnt war Horn mehr als Auftragsproduzent im Hintergrund aktiv: Er produzierte für Tina Turner, Boyzone und Marc Almond. Mit dem von ihm entdeckten und geförderten Seal ("Crazy") gelang ihm noch einmal ein großer Wurf.

Nun gibt es nach über zehn Jahren Pause, pünktlich zum Remix-Revival von Frankie Goes To Hollywood, auch wieder eine neue Art-Of-Noise-Platte: "The Seduction of Claude Debussy". Mit den alten Alben hat diese CD, für die Horn mit Anne Dudley und Paul Morley drei Viertel des Originalteams reaktiviert hat, aber fast nichts gemein. "Man kann nicht einfach zurückgehen und das Innovative von damals einfach wiederholen", meint Horn.

Die gebrochene Rhythmik des Drum & Bass habe ihn zwar inspiriert, doch erschien ihm dieses Genre nach seinen Maßstäben nicht ausgegoren: "Die meisten Drum & Bass-Platten hören auf, wie sie angefangen haben. Da passiert nichts, da ist nichts arrangiert, es gibt keine harmonische Entwicklung." Also brachten die Art Of Noise für "The Seduction" diese Breakbeat-Klangästhetik mit klassischer Musik zusammen: eben mit Debussy.

Anders als jüngst William Orbit spielen sie dabei den großen Meister nicht einfach mit heutigem Instrumentarium nach: "Wir haben uns vorgestellt, was geschehen wäre, wenn Debussy mit diesen Stücken durch die Tür marschiert wäre und wir daraus eine Platte produzieren sollten." Popappeal und Massentauglichkeit, jene typischen Merkmale der früheren innovativen Horn-Produktionen, scheinen dem 51-Jährigen dabei nicht mehr so wichtig: "Wir suchten nach Zufallsmomenten und Risiken. Ob das heute noch in Mode ist, weiß ich gar nicht." Überhaupt hat er im gereiften Alter neben dem Plattenproduzieren andere Interessen entdeckt: "Ich hatte gerade zehn Tage frei und habe mir einen Bagger, einen Laster und eine Dampfwalze geliehen und eine Straße gebaut - wirklich! Ich habe ein Grundstück auf dem Land und habe dort eine Straße durchgezogen. So etwas macht mir einen Riesenspaß!"

The Art Of Noise: "The Seduction Of Claude Debussy" sowie alle Wiederveröffentlichungen sind auf Repertoire Records erschienen.

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