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Erste Allgemeine Verunsicherung: Abrakadabra - und sie war nicht mehr da!

Abschiedsauftritt von Erste Allgemeine Verunsicherung in Berlin Bye, bye, Banküberfall

Ulkige Reime, das war die Geheimwaffe der Band Erste Allgemeine Verunsicherung. Jetzt sind die Österreicher auf Abschiedstour. Wer da genau hinhört, entdeckt in den frivolen Versen plötzlich das Grauen der Welt.

Wenn einem bei den Versen "Der Sandlerkönig Eberhard/ Macht vor dem Tresen an Spagat" fast die Tränen kommen, steckt man entweder ohrwascherltief im ärgsten Sumpf der Alterssentimentalität - oder man schaut gerade dabei zu, wie etwas zu Ende geht, das einem näher am Herzen war, als man bisher wusste. Die Erste Allgemeine Verunsicherung, kurz EAV, trägt sich zurzeit, nach 41 Jahren Bandgeschichte, mit einer ausgedehnten Abschiedstournee selbst zu Grabe - mit einer umfangreichen Werkschau. Gestern gastierten die Österreicher damit im Berliner Admiralspalast.

Zu Beginn wird ein Sarg auf die Bühne getragen, dem Sänger Klaus Eberhartinger entsteigt, 68 Jahre alt, ein Energiederwisch in schwarzen Skinny-Jeans. Zweieinhalb Stunden marschiert, walzt oder emselt er als agiler Agitator über die Bühne. Zusammen mit Thomas Spitzer bildet er den Altbesetzungskern der Abschiedsband, die ihre großen Hits grober, schroffer spielt, als man sie im Ohr hat, dazu lauter, krachiger als erwartet. Keiner wird ausgelassen, das erste Lied des Abends ist gleich "Banküberfall", Sie erinnern sich: "Ba Ba Banküberfall, das Böse ist immer und überall".

Immer wieder wird man sich im Verlauf des Konzert dabei ertappen, wie man mühelos in entlegene Textstellen von Liedern springt, an die man schon zwei, drei Jahrzehnte lang nicht mehr gedacht hat. Wendungen wie "Ich verlasse die Disco, denn der Joschi ist ein Mörder" oder "Transpiri, transpira, I bin leider net alla!" und Personal wie der "Spaghettisultan" oder "Mutanten-Wastl" sind für immer reingedengelt in die Hirnablage. Man sang sie als Kind mit und störte sich nicht daran, dass man keine Ahnung hatte, wer oder was die im Text erwähnte "Polenta" und was ein "Bolide" sein sollte: Diese gelegentlich rätselhaften Stellen vermittelten eher das Gefühl einer geheimnisvollen Welt, die schon erschließungsfertig auf einen wartete.

Umgekehrt erscheint einem nun, als Erwachsenem, die Welt der EAV umso simpler, ihr Humor manchmal so schablonenhaft wie ein Piktogramm. Vor allem in der ausführlichen, mit Kostümen und Requisiten vollgepackten Bühnenshow: Geht es in "Samurai" um Sextourismus in Asien, trägt die Band gelbe Jacketts und konisch geformte Asiahüte, der Polizist jagt den Dieb mit dem Gummiknüppel, und der Gipfel der Lustigkeit ist hier immer noch ein Mann in Korsett und Strapsen.

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So schwankt das Konzert immer wieder zwischen dem eher Groben und dem überraschend Feinen. Etwa beim "Alpenrap", mit dem die EAV schon 1983 die kommerziell-musikalische Ausweidung der Heimatidee verulkte: Sepp, Sepp, are you ready for the Nepp? Die Zukunft ist der Alpenrap! "Damals war das völlige Fiktion, heute gibt's ja sowas Ähnliches", sagt Eberhartinger nur knapp. Tatsächlich spielt der "Alpenrap" explizit und visionär in der Obersteiermark, der Heimat des selbsternannten "Volks-Rock'n'Rollers" Andreas Gabalier. Kam es einem nur so vor, oder konnte man gestern über manche Takte des "Heimatlieds" ("Wo man des Jesukind/ Im Herrgottswinkel find't/ Aber andererseits/ A's Hakenkreuz") auch den Refrain von Gabaliers Schreckenshit "I sing a Liad füa di" summen?

Halbversehentlich in den Klamauk geflutscht

In solchen Momenten zeigte sich die EAV noch einmal als das komische, aus zwei völlig verschiedenen Viechern zusammengesetzte Sonderwesen: Die ursprünglich politisch gedachte Band, die mit ihren großen Hits dann halbversehentlich in den Klamauk flutschte, aber immer noch gelegentlich unlustige Themen wie Sextourismus oder Atomverstrahlung in ihren Liedern unterbrachte. Ihren Abschied zelebriert sie nicht allein mit einer Hit-Kanonade, sondern zwischendurch immer wieder auch mit Liedern aus dem Album "Alles ist erlaubt", das im vergangenen Jahr erschien - mit deutlich aktuellen Bezügen. Je näher deren Inhalt allerdings an die Gegenwart rückt, desto grober erscheint einem die satirische Verarbeitung: Womöglich ist inzwischen vieles zu komplex, zu ernst, zu arg für den Spaßhäcksler der EAV.

Zwischen den Stücken schien es Eberhartinger ein Anliegen, conférencierend unmissverständliche Statements zur Lage der Welt zu machen, zum Beispiel, dass viele "vom rechten Weg abkommen, weil sie zu scharf rechts abgebogen sind". Über 65 Millionen Menschen seien derzeit auf der Flucht, sagt er, "im Vergleich dazu geht's uns eigentlich großartig." Und wie könne es denn bitte sein, dass die 45 reichsten Deutschen so viel Geld besäßen wie die ärmere Hälfte der gesamten Restbevölkerung zusammengenommen? Im EAV-Duktus: "Es beherrscht der Obulus von jeher unsern Globulus".

Satirehiebe gegen Rassisten

Es ist eine comichafte Fibelwelt, durch die die EAV spaziert, gezimmert aus den unmittelbarst denkbaren Reimen, was natürlich eine kluge Verhandlichungsstrategie ist. "Wenn Ahmed keine Drachmen hat/ Lutscht traurig er am Dattelblatt/ Es macht Umberto ohne Lire/ Mit Spaghetti Harakiri", heißt es in "Geld oder Leben". Bitterbös gelingt das in der Stammtisch-Ätze von "Toleranz" aus dem Jahr 2010, in dem zwei sich weltoffen wähnende Rassisten um die Wette hetzen - gegen "diese Fluchtnomaden/ die in unserm Speck sich baden". Hier sitzt jeder Satirehieb, wenn sich die beiden versichern, es gebe durchaus einen Ausländer, den sie gerne mögen: "Mir g'foit nur der Dalai Lama/ Der wos lacht, in sei'm Pyjama/ Er kommt zu jeder Friedensfeier/ Und schleicht si z'ruck am Himalaya." Andere Kritiksentenzen sind dagegen arg versimpelt: "In Entenhausen haben sie den Donald gewählt", höhö.

Zum Schluss deutet Eberhartinger dann ein letztes Mal seinen unvergessenen Knickbeintanz zu "Märchenprinz" an, und als letztes Lied gibt es das traditionelle Versprechen, morgen, spätestens übermorgen ein neues Leben anzufangen. Der Abschied von der EAV ist dann auch der Abschied von einer Welt, die sich handlich zurechtkarikieren lässt und deren Schrecken man beruhigenderweise zumindest für eine kurze Weile verlachen kann.

Man trauert an diesem Abend auch um die eigene unerschütterliche, unwiderbringliche Naivität, mit der man als Kind Zeilen mitsang, deren Bedeutung man nicht verstand. Heute versteht man leider alles. Und a klaner Sizilianer fangt an zum Woana.


Erste Allgemeine Verunsicherung auf Abschiedstournee "1000 Jahre EAV" - Termine auf www.eav.at 

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