Pink Floyd und Syd Barrett Der schillernde Diamant

Syd Barrett war Kopf der frühen Pink Floyd. Nach dem Debütalbum verlor Barrett die Kontrolle über sein Leben. An den bis heute verehrten Musiker erinnert eine Neuauflage der ersten Pink-Floyd-Platten.

Angeblich kann sich niemand mehr so genau erinnern, wer damals eigentlich vorschlug, Syd Barrett nicht abzuholen. Es war der 26. Januar 1968, und Pink Floyd sollten am Abend ein Konzert in der Universität von Southampton spielen. Pink Floyd waren damals Roger Waters, Richard Wright, Nick Mason und Syd Barrett.

Letztgenannter war der Motor der Band: Haupt-Songwriter, Sänger und Gitarrist. Obendrein sah er blendend aus. Ein Star wie am Computer programmiert. Aber in den Wochen und Monaten vor dem Konzert war Barrett zum Problemfall geworden. Zunehmend schien er in andere Welten abzudriften.

Immer wieder stand er bei Konzerten apathisch auf der Bühne, als habe er sich dorthin verirrt. Zu Bandproben erschien er kaum noch, und das Interesse an konventionellen Songs schien ihm ohnehin abhanden gekommen zu sein. Kurzum: Für die ehrgeizige junge Band Pink Floyd, die gerade einen lukrativen Plattenvertrag unterzeichnet hatte und im psychedelisch beschwingten London der späten Sechziger gerade groß herauskam, war ihr Star zur Belastung geworden. Also holten die anderen drei Syd Barrett an jenem 26. Januar eben nicht ab und beschlossen, ohne ihn weiterzumachen. Ihr Plan war, stattdessen Barretts Kumpel David Gilmour anzuheuern und Barrett als gelegentlichem Songwriter verbunden zu bleiben.

Das ist jetzt bald ein halbes Jahrhundert her.

Dass Pink Floyd auch ohne Barrett nicht untergingen, ist kein Geheimnis. Aber auch der Mythos um Syd Barrett blieb bis in dieses Jahrtausend intakt. Der verhuschte Wuschelkopf, der nach seinem Abgang bei Pink Floyd und einer kurzen Solokarriere zum erratischen Phantom wurde, gilt als verlorener Wunderknabe der britischen Rockmusik.

Generationen von Musikern verehren ihn

Der Einfluss des vor zehn Jahren verstorbenen Künstlers auf Kollegen und nachgewachsene Musikergenerationen ist gewaltig: David Bowie (der Barretts Song "See Emily Play" coverte), Paul McCartney, Pete Townsend, Kate Bush, Björk, Brian Eno, Beck, Michael Stipe und viele andere sind bekennende Syd-Barrett-Verehrer. Pink Floyd verewigten ihn mit dem Song "Shine On You Crazy Diamond" und Johnny Depp plant seit Jahren, seine Biografie auf die Leinwand und Laptops zu bringen.

Wenn nun die ersten vier Pink-Floyd-Alben, klanglich aufpoliert von den Originalbändern, auf Vinyl neu aufgelegt werden, erhält auch die Syd-Barrett-Legende wieder neues Leben. So widmete das britische Fachblatt "Mojo" Barrett jüngst eine ausgiebige Titelgeschichte. Dafür bemühte die Redaktion sich um ein Interview mit einer seiner Schwestern. Was im Musik-Nerd-Universum schon ein Scoop war, denn seine Sippe verweigerte stets jeden Kommentar zum verlorenen Sohn Roger Keith "Syd" Barrett. Nun stellte Schwester Rosemary erstmals klar, was sie von Pink Floyd hält: "Um ehrlich zu sein, mochte ich nie deren Musik. Ich verstehe sie einfach nicht."

Der Junge, der in der Familie immer noch Roger genannt wird und sich später in Syd verwandelte, wuchs wohlbehütet im altehrwürdigen Cambridge auf. Auffällig war früh seine Begeisterung für alles märchenhaft Phantastische. Kenneth Grahames Kinderbuchklassiker "Der Wind in den Weiden" war ein großer Barrett-Favorit.

Das erste Pink-Floyd-Album "The Piper at the Gates of Dawn", bei dem Barrett komplett Regie führte und fast alle Songs beisteuerte, ist dann auch nach dem siebten Kapitel von "Der Wind in den Weiden" benannt. Ein Meisterwerk von sanft versponnener Psychedelik, das der US-"Rolling Stone" unter den "500 Besten Alben aller Zeiten" führt und das immer noch herrlich anzuhören ist.

Nach kurzer Solokarriere Rückzug aus der Öffentlichkeit

Eigentlich wollte Barrett Malerei studieren, nachdem er feststellte, dass Architektur nichts für ihn war. Aber dann kamen die Rockmusik und Drogen dazwischen. Nach "The Piper At The Gates Of Dawn" steuerte Syd Barrett noch einen Song zum Nachfolgealbum "A Saucerful of Secrets" bei. Danach war er raus. Darüber, was genau ihn eigentlich aus der Bahn warf, wird bis heute wild spekuliert. Ob es zu viele Drogen waren oder doch mentale Probleme, oder beides.

Sicher ist, dass er sich nach seiner kurzen Solokarriere völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog, was den Mythos um seine Person natürlich erst recht befeuerte. Gespenstisch muss es gewesen sein, als er während der Aufnahme-Sessions zu Pink Floyds "Wish you were here" im Studio auftauchte: Aufgedunsen und mit Vollglatze erkannten ihn seine ehemaligen Freunde anfangs nicht mal.

Den Rest seines Lebens verbrachte Barrett malend und bastelnd in Cambridge, versorgt und abgeschirmt von seiner Familie. Immer wieder tauchten dort aufgeregte Journalisten auf, die auf ein Bild oder gar ein Interview hofften. Die anhaltende Faszination, die er für junge Musiker hat, illustriert der Song "I Know Where Syd Barrett Lives" der Indie-Band TV-Personalities.

Vor zehn Jahren starb Barrett an den Folgen einer Krebserkrankung. Da war er sechzig. Er hinterließ ein Millionenvermögen, weil seine Ex-Kollegen dafür sorgten, dass die Tantiemen weiter flossen. Auf die Frage, ob er ein schlechtes Gewissen habe wegen Syd Barrett, antwortete Roger Waters mal, dass ihm das immer noch alles leidtue.


Pink Floyd:

"The Piper at the Gates of Dawn"

"A Saucerful of Secrets"

"More"

"Ummagumma"

Alle "Parlophone/Warner" (Vinyl)

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