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12. September 2008, 08:26 Uhr

Esbjörn-Svensson-Vermächtnis

Gespenstisches Meisterwerk

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Wenige Wochen vor seinem mysteriösen Tod im Meer übergab der schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson seiner Plattenfirma ein gerade fertiggestelltes Album. Das ist nun auf dem Markt – und erscheint vielen wie die Ankündigung einer Tragödie.

Die Unendlichkeit des Weltalls faszinierte ihn schon als Kind; oft beobachtete er durch ein Teleskop den Sternenhimmel. Später begeisterte er sich für die Tiefen des Meeres. Er genoss das Tauchen; Wasser wurde "an environment he loved"; sich in die Fluten zu stürzen, bedeutete für ihn "to visit another world".

e.s.t.-CD "Leucocyte": Traumhaft eingespielte Einheit

e.s.t.-CD "Leucocyte": Traumhaft eingespielte Einheit

Das erzählt Magnus Öström über Esbjörn Svensson, seinen Freund seit Sandkastentagen. Öström wählt die Worte bedächtig. Er scheint immer noch unter Schock zu stehen, obwohl das schlimme Ereignis nun schon zweieinhalb Monate zurückliegt: Am 14. Juni starb Esbjörn Svensson, gerade 44 Jahre alt, bei einem Tauchunfall in den Schären vor Stockholm.

Svenssons Tod trifft die Musikwelt als schmerzhafter Verlust. Denn mit ihm verschwindet die wahrscheinlich wichtigste Jazz-Formation Europas: e.s.t. – bestehend aus Esbjörn Svensson (Piano), Dan Berglund (Bass) und Magnus Öström (Schlagzeug). Das Trio bildete eine traumhaft eingespielte Einheit und erschien dem britischen Sänger/Pianisten Jamie Cullum als "ein Genius mit sechs Händen, drei Gehirnen und einem musikalischen Verständnis". Seit zwei Hände und ein Hirn fehlen, ist e.s.t. Vergangenheit. Das Album "Leucocyte", das die Gruppe in eine neue Zukunft führen sollte, wurde zum musikalischen Vermächtnis.

Zur Vorstellung der CD sind neben dem Drummer Öström der Bassist Berglund und ACT-Labelchef Siggi Loch nach Hamburg gekommen. Die drei berichten, wie die letzte e.s.t.-CD entstand: Während der Australien-Tour im vergangenen Jahr jammte das Trio zur Entspannung und Erforschung neuer Wege zwei Tage in einem Studio in Sydney. Aus dem aufgezeichneten Material stellten Svensson und seine beiden Kollegen im Frühjahr die CD zusammen, die in Göteburg abgemischt wurde. Man bestimmte die Struktur, fand Namen für das Album und die verschiedenen Stücke. Am 28. April gingen die Musiker zum Fototermin in ein Berliner Studio. Am 16. Mai – vier Wochen vor Svenssons fatalem Tauchunfall – übergaben sie das fertige Album mit dem Promotionsmaterial ihrem Label ACT.

Diese Vorgeschichte muss erzählt werden. Denn die Platte wirkt wie ein Gedenkalbum, das nach dem Tod von Esbjörn Svensson produziert wurde. "Leucocyte" – genannt nach den weißen Blutkörperchen, die als Zellen des Immunsystems den Körper gegen Infekte verteidigen – enthält Stücke mit Titeln wie Premonition (Vorahnung), Ad Mortem (zum Tode) und Ad Infinitum (zur Unendlichkeit). Einmal wird das Klanggewitter der CD durch 60 Sekunden Stille unterbrochen. Die plötzliche Ruhe erinnert an eine Gedenkminute. Vor und nach der Unterbrechung aber läuft ein Soundtrip wie ein Naturereignis. Elektronische Töne überlagern den akustischen Klang von Piano, Bass und Schlagzeug, der zuweilen grotesk verzerrt wird. Es gurgelt, strudelt, blubbert, zischt. Im Schlusssatz läuten Glocken.

Die Wahrnehmung von Unterwassergeräuschen entspringt wahrscheinlich nur dem Wissen von Svenssons Tod. Aber gespenstisch wirkt das aufwühlende Meisterwerk "Leucocyte" allemal. Die Schrift auf der Plattenhülle scheint sich in Wasser aufzulösen. Und beim Foto-Termin für die CD posierten die drei e.s.t.-Künstler in weißen Gewändern.

Sie sollen wohl die Leukozyten symbolisieren, könnten aber auch Todesengel darstellen.


CD e.s.t.: "Leucocyte" (ACT) .

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