ESC-Kandidatencheck Aus dem Vollbartschatten ins Rampenlicht

Dralle Bauernmädel mit tiefen Dekolletés, strenge Lehrerinnen, eine bärtige Lady, Ex-Soldaten: Viel gibt's zu bestaunen im zweiten Halbfinale des Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Und was gibt's zu hören? Wir haben den Soundcheck gemacht.

ORF/ Thomas Ramstorfer

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Am Donnerstag sind die deutschen Fernsehzuschauer gefragt: Obwohl der Beitrag von Elaiza fürs Finale gesetzt ist, zählt Deutschland zu den Ländern, die darüber abstimmen dürfen, welche zehn Interpreten am Samstag um den Sieg beim Eurovision Song Contest singen dürfen. Hier die 15 Kandidaten des zweiten Halbfinales - wer hat die besten Chancen?

Startnummer 1: Malta - Firelight: "Coming Home"

Da sage noch einer, der ESC reflektiere nicht die Trends der internationalen Pop-Szene: Kaum drei, vier Jahre hält das Folk-Revival nun an, schon ist alles voll mit akustischen Gitarren beim ESC - und Richard Edward Micallef schrammelt für Malta sogar auf der Dulcimer. Nach mehreren vergeblichen Versuchen in einer Band hat er es jetzt mit seiner Schwester Michelle zum Contest geschafft. Im Vorstellungsvideo dichten Firelight ihrem sehnsüchtigen, aber doch optimistischen Liedchen einen Bezug zum Ersten Weltkrieg an, von wegen hundertjähriges Gedenken und so. Ein musikalisches Leichtgewicht.

Sympathiepunkte: 3/10

Qualifikationschance: 3/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 2: Israel - Mei Finegold: "Same Heart"

"We don't beat from the same heart" - ein Basta-Lied schickt Israel ins Rennen: zu viele Lügen, zu viele Tränen, nun ist Schluss (auf Englisch und Hebräisch). Entsprechend angefasst und rau klingt die Stimme der Sängerin, der 31-jährigen Mei Finegold, die - wie so viele ESC-Interpreten - ein Castingshow-Gewächs ist. Aber Finegold klingt wirklich ungewöhnlich und dürfte sich dank reichlich Musical-Erfahrung auf der großen Bühne wohlfühlen. "Same Heart" ist ein stimmig produzierter Mischmasch aus rockiger Strophe und elektronischem Refrain, dem höchstens der ungünstige Startplatz die Qualifikation fürs Finale verderben könnte.

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 7/10

Siegchance: 3/10


Startnummer 3: Norwegen - Carl Espen: "Silent Storm"

Am 28. März ging ein Traum schon in Erfüllung für Carl Espen Thorbjørnsen: Er trat in der Garage in Bergen auf, jener Rockbar, deren Tür der tätowierte Ex-Soldat einst bewachte. Carl Espen war Stargast beim Konzert seiner Cousine Josefin Winther, einer 28-jährigen Sängerin, die als die "Patti Smith Bergens" bezeichnet wird. Von Winther stammt auch das Lied, mit dem der sanfte Riese einigermaßen sensationell das norwegische Publikum für sich einzunehmen verstand. Im US-Formatradio gibt es das Genre Quiet Storm, das erwachsene Soul-Balladen bezeichnet. Soul ist es nicht, was Carl Espen singt, aber sehr balladesk, sehr erwachsen und ergreifend. Allerdings umfasst seine Bühnenerfahrung nicht viel mehr als die Auftritte im ESC-Vorentscheid und den in der Garage - hoffentlich geht alles gut in der Riesenhalle von Kopenhagen.

Sympathiepunkte: 7/10

Qualifikationschance: 8/10

Siegchance: 6/10


Startnummer 4: Georgien - The Shin and Mariko: "Three Minutes to Earth"

Rätselhaftes Georgien: Was verspricht sich der Kaukasus-Staat davon, die Fusion-Jazz-Kapelle The Shin zum ESC zu schicken? Freundlich ausgedrückt ist es ziemlich polyrhythmisch und auch polymelodiös, was die Musiker da spielen, die sich Ende der Neunziger in Stuttgart zusammenfanden. Dort haben sie mehrere Alben aufgenommen, wurden schon mit Weltmusikpreisen ausgezeichnet. Doch die Chance zum ganz großen Crossover lassen sie hier liegen. Da hilft's auch nicht, dass sie die lockige Mariko Ebralidze aus Tiflis hinzugeholt haben, die immerhin eine schöne Stimme hat. Nimmt Europa so eine Herausforderung an?

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 1/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 5: Polen - Donatan & Cleo: "My Slowianie - We are Slavic"

Und jetzt eine musikalische 180-Grad-Wendung, wie sie nur der ESC bieten kann: Donatan ist ein renommierter HipHop-Produzent, der mit seinem Platin-Album "Rownonoc. Slowianska dusza" von 2012 in Polen zum Superstar wurde und in Interviews über die slawische Identität philosophieren und gegen die katholische Kirche schießen darf. Der Clou ist, dass er polnische Folkloreklänge mit amtlichen HipHop-Beats paart - und in den Videos mit tiefdekolletierten jungen Frauen dem Landleben huldigt. Den Trick wiederholt er mit der Gastsängerin Cleo und dem Song "My Slowianie", der schon 38 Millionen Mal bei YouTube angesehen worden war, als er zum Eurovisionsbeitrag ausgerufen wurde. In Polen ist längst der Nachfolgehit von Donatan & Cleo in den Charts, für Europa wird die Bauernmädel-Nummer auf die Bühne gebracht - von der sich Donatan fernhält, schließlich muss die Sechs-Personen-Regel der EBU eingehalten werden, und man zeigt lieber Tänzerinnen.

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 7/10

Siegchance: 2/10


Startnummer 6: Österreich - Conchita Wurst: "Rise Like a Phoenix"

Es ist weiß Gott nicht das erste Mal, dass der Eurovision Song Contest die Geschlechterbilder ins Wanken bringt - und aus dem Osten waren natürlich Boykottforderungen zu vernehmen. Erste Schritte in die Öffentlichkeit machte Tom Neuwirth in der Show "Starmania", einst noch mit glattrasiertem Gesicht; seit 2011 und der Show "Die große Chance" steht Conchita Wurst im Rampenlicht, stets mit Vollbartschatten im Gesicht und elegantem Fummel am Leib, etwa im RTL-Wüstencamp "Wild Girls". Hört man "Rise Like a Phoenix" ohne Bilder, erklingt eine solide gemachte Hommage an die John-Barry-Kompositionen für die "James Bond"-Filme - geschrieben übrigens unter anderem von Ali Zuckowski, dem Sohn von Rolf. Dem Gesang fehlt das gewisse Diven-Etwas, doch das macht ja der glamouröse Auftritt von Conchita mehr als wett.

Sympathiepunkte: 7/10

Qualifikationschance: 8/10

Siegchance: 4/10


Startnummer 7: Litauen - Vilija Mataciunaite: "Attention"

Die Melodie für dieses Lied fiel der litauischen Sängerin einfach in London auf der Straße ein, der Sound passt gut dazu: wütend krachende Elektro-Beats, wie sie mit etwas Phantasie im englischen Piratenradio laufen könnten. Auch kann man sich vorstellen, wie eine junge Frau aus dem fernen Litauen auf den vollen Straßen der britischen Metropole der Wunsch durch den Kopf geht, nach Aufmerksamkeit zu schreien. Leider läuft das alles nicht so ganz zusammen und ergibt ein äußerst uncharmantes Stück Musik. Schade - damit droht nach Estland und Lettland im ersten Halbfinale dem dritten Baltenstaat das Aus.

Sympathiepunkte: 4/10

Qualifikationschance: 2/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 8: Finnland - Softengine: "Something Better"

Im westfinnischen Seinajöki steigt jedes Jahr das Provinssirock, ein traditionsreiches Rockfestival, Ende Juni 2014 mit The Prodigy und M.I.A. als Headlinern. Weiter unten auf dem Line-up stehen Softengine, die Lokalmatadoren, die vorher noch einen anderen kleinen Auftritt hinter sich bringen wollen - beim ESC! Die junge Rockband ist mit einem selbstgeschriebenen Song dabei, der die von Coldplay perfektionierte Mischung aus melancholischer Grundstimmung und euphorischen Momenten hinzukriegen versucht. Bleibt ein ganz netter Versuch.

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 4/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 9: Irland - Can-Linn (featuring Kasey Smith): "Heartbeat"

Ein recht stimmiger Beitrag aus dem Land, das siebenmal siegte, aber seit bald 20 Jahren nicht mehr: Im Grunde ist "Heartbeat" ein geradliniger Popsong mit eingängigem Refrain, der allerdings mit Hilfe einer Fiddelmelodie "irisiert" wurde. Die 23-jährige Kasey Smith hat Erfahrung als Mitglied einer von Louis Walsh (dem Manager von Johnny Logan, Boyzone, Westlife und Jedward) gecasteten Girlgroup. Doch auch für die Show hat man mit zwei "Riverdance"-Tänzern ein naheliegendes folkloristisches Element hinzugefügt. Dass für den Song schwedische Komponisten beauftragt wurden, zeigt Siegeswillen. Doch ist der Übergang von "ziemlich stimmig" zu "allzu glatt" fließend.

Sympathiepunkte: 6/10

Qualifikationschance: 6/10

Siegchance: 4/10


Startnummer 10: Weißrussland - Teo: "Cheesecake"

Die weißrussische Antwort auf "Blurred Lines" kommt von Teo, einem in seiner Heimat weithin bekannten 31-Jährigen, der sehr augenzwinkernd daherkommt. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion stolpert man ja noch immer darüber, wenn dort eindeutig westliche Referenzen genannt werden. So kommt im Text zu "Cheesecake" das "Dirty Dancing"-Traumpaar Patrick Swayze und Jennifer Grey vor, aber der Film war ja auch in der DDR ein Hit. Eigentlich sollte sogar Google Maps genamedroppt werden - doch aus Angst vor den strengen EBU-Regularien singt Teo den Text markennamenfrei.

Sympathiepunkte: 3/10

Qualifikationschance: 5/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 11: Mazedonien - Tijana: "To the Sky"

Mazedonien hat sich ein kleines Gimmick ausgedacht: Tijana Dapcevic trägt bei allen PR-Terminen eine weißgerahmte Brille, die sie in ihrer langen Karriere als Popstar in Ex-Jugoslawien nie trug. Nicht nur ihre Brille soll Modernität vermitteln, auch mit dem Sound von "To the Sky" scheint sie sich um die Position der hippen Elektro-Chanteuse zu bewerben. Doch wo Norwegen 2013 so etwas wie die ESC-Version der coolen Robyn präsentierte, ist Tijana eher in der Großraumdisse daheim, wo Avicii oder David Guetta laufen. Mit Auftrittsroutine und Lehrerinnenstrenge könnte sich die 38-Jährige dennoch ins Finale vorarbeiten.

Sympathiepunkte: 5/10

Qualifikationschance: 6/10

Siegchance: 2/10


Startnummer 12: Schweiz - Sebalter: "Hunter of Stars"

Aus dem Tessin, dem italienischsprachigen Landesteil der Schweiz, kommt Sebastiano Paù-Lessi, und dem Klischee entsprechend steht er mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß. Ob's daran liegt, dass er sich entschlossen hat, große Teil seines Songs pfeifend zu intonieren? Jedenfalls klingt auch hier das Folk-Revival durch, wobei Sebalter - so der Künstlername - sich nicht vorwerfen lassen muss, Trends hinterherzuhecheln: Von 2002 an spielte er zehn Jahre lang die Geige bei der Irish-Folk-Band The Vad Vuc. Für seine Solokarriere ist Kopenhagen ein eindrucksvoller Start - für die Schweizer Hoffnungen womöglich das Ende?

Sympathiepunkte: 7/10

Qualifikationschance: 4/10

Siegchance: 1/10


Startnummer 13: Griechenland - Freaky Fortune feat. RiskyKidd: "Rise Up"

Für große Teile des vergangenen Jahres hatte Griechenland nicht mal einen richtigen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, da grenzt es an ein Wunder, dass sich der Krisenstaat die ESC-Teilnahme leisten konnte. Um so sinnbildlicher also der Titel des griechischen Beitrags: "Rise Up", so wie die Staatsanleihen sozusagen. Und dann ist der Song auch noch einer der modernsten und mitreißendsten des Wettbewerbs! Das Elektro-Pop-Duo Freaky Fortune, das in einem Cover-Contest des US-Bloggers Perez Hilton bekannt wurde, tritt mit einem Balkan-Tanzhit nach Art von Shantels "Disko Partizani" an, zu dem der in England als Sohn eines deutschen Vaters und einer jamaikanischen Mutter geborene RiskyKidd seine annehmbaren Rap-Künste zeigt. Ein Top-Ten-Kandidat im Finale.

Sympathiepunkte: 6/10

Qualifikationschance: 9/10

Siegchance: 6/10


Startnummer 14: Slowenien - Tinkara Kovac: "Round and Round"

Ist es eine Folge des Flötenthemas von "Only Teardrops", dem Siegertitel 2013, dass es Tinkara Kovac beim vierten Versuch endlich geschafft hat, sich für Slowenien zu qualifizieren? Kovac ist klassisch ausgebildete Flötistin, sie hat schon ihr großes Vorbild Ian Anderson von Jethro Tull auf Tour begleitet. Natürlich lässt sie es sich auch bei "Round and Round" nicht nehmen, ein paar Flötentöne zu dem ziemlich gewöhnlichen Euro-Popsong hinzuzufügen. Was soll man sagen? Die werden nicht den Unterschied machen.

Sympathiepunkte: 3/10

Qualifikationschance: 3/10

Siegchance: 0/10


Startnummer 15: Rumänien - Paula Seling & OVI: "Miracle"

Es war der Song mit dem gläsernen Doppelpiano: "Playing with Fire" kam mit viel Energie und Geschrei beim ESC 2010 auf einen sensationellen dritten Platz für Rumänien. Was lag da näher, als das Erfolgsduo wieder aufzubieten? Der eher kleingewachsene Ovidiu Cernauteanu und die ihn überragende Paula Seling besingen die Wunder dieser Welt - und führen mit Hilfe von Hologrammtechnik auch einige auf der Bühne vor. Die Klavierbaukünstler haben diesmal anstelle des Doppelflügels eine Art überlebensgroßen Pianoring geliefert. Text und Melodie steuerten norwegische Profis bei. So ist ein Spektakel zu erwarten, das man nur an einem Abend im Jahr so richtig zu schätzen weiß - an dem aber sehr!

Sympathiepunkte: 3/10

Qualifikationschance: 10/10

Siegchance: 5/10


Einen Blick auf die bereits qualifizierten Teilnehmer des Finales können Sie in dieser Fotostrecke werfen.

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Dann sind Sie bei uns richtig. Wir übertragen den Eurovision Song Contest 2014 im Livestream der ARD. Und zwar auf SPIEGEL ONLINE:

- das zweite Halbfinale am 8. Mai (Donnerstag) ab 20.55 Uhr und

- das Finale am 10. Mai (Samstag) ab 20.55 Uhr.

ARD

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
clerki 08.05.2014
1. optional
Es wäre schön, wenn alle Teilnehmer ESC in der eigenen Landessprache singen würden. Dann wäre wenigstens wieder etwas kulturelles dabei.
MiniDragon 08.05.2014
2. Sitzenkultur
Zitat von clerkiEs wäre schön, wenn alle Teilnehmer ESC in der eigenen Landessprache singen würden. Dann wäre wenigstens wieder etwas kulturelles dabei.
die bärtige Wurst ist doch schon Kultur pur. Singen braucht die gar nicht mehr.:-)
polargreis 08.05.2014
3. Conchita Wurst
sollte gewinnen, damit alle Homophoben sich schwarz ärgern.
buusami 08.05.2014
4. Freaky Glitter Show
Der Eurovision(-äre?) Gesangswettbewerk (ESC) wandelt immer mehr auf den Spuren des mittelalterlichen Zirkus, in denen absonderliche (sorry, heute: außergewöhnliche, besondere...) Menschen zur Schau gestellt wurden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten läßt sich dies viel weiter verbreiten und vermarkten. Nun tritt also in der neuen medialen Freakshow wieder mal ein Wolfsmädchen auf, für das es um die europäische Wurst geht. Hoffentlich auch mit ein bißchen Stimme. Ich drücke ganz fest alle meine zehn Daumen!
martineden 08.05.2014
5. Natürlich...
Zitat von buusamiDer Eurovision(-äre?) Gesangswettbewerk (ESC) wandelt immer mehr auf den Spuren des mittelalterlichen Zirkus, in denen absonderliche (sorry, heute: außergewöhnliche, besondere...) Menschen zur Schau gestellt wurden. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten läßt sich dies viel weiter verbreiten und vermarkten. Nun tritt also in der neuen medialen Freakshow wieder mal ein Wolfsmädchen auf, für das es um die europäische Wurst geht. Hoffentlich auch mit ein bißchen Stimme. Ich drücke ganz fest alle meine zehn Daumen!
sollte lieber das Politbüro zusammen mit den Teilnehmerinnen der Miss-Germany-Wahl von 1959 korrekt, genetisch getestet, züchtig gekleidet und ohne hektische Bewegungen oder gar grelle Bühnenaktivitäten auftreten. Wirklich unerklärlich, dass so viele befremdlich-exotische Abstrusitäten dem frisch gestärkten und adretten Normalbürgertum vorziehen. Übrigens hätte ein Click auf das "Wurst-Video" gerecht, um festzustellen, dass durchaus Stimme vorhanden ist.
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