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ESC: Die 27 Auftritte

Foto: Nigel Treblin/ Getty Images

ESC-Show im Schnellcheck Jenseits von Schweden

Ist Schwedens Sieg gerechtfertigt und Deutschlands letzter Platz auch? Sind XXL-Kopfhörer auf der Bühne ein gutes Accessoire? Will Russland wirklich Frieden? Lesen Sie hier, wie der ESC 2015 lief.

Schweden hat also gewonnen. Wir aber vergeben unsere 12 Punkte an… "Golden Boy" aus Israel - für den ESC-Trash-Liebhaber in uns. Goldfontänen! Goldene Schuhe mit flügelähnlichen Hacken-Kinkerlitzchen! Und im Background des 16-Jährigen noch mehr Golden Boys, die zu Tanzbeats und Kibbuz-Schunkel-Melodie Hampelmänner dermaßen boybandtauglich performten, dass selbst ein Nick Carter neidisch geworden wäre.

Und für das Niveau? Da gewinnen die Esten - Elina Born und Stig Rästa legten mit "Goodbye to Yesterday" ein intelligentes Retro-Popduett hin, begleitet von einem raffinierten Schattenspiel, das es mit jedem James-Bond-Vorspann aufnehmen könnte. Damit die geschmackssichere Dezenz nicht überhandnahm, geizten sie beim Auftritt selbst dann aber nicht mit schmonzigen Blickwechseln.

Aber der Sieg von Måns Zelmerlöw geht schon klar, oder? Eine Entscheidung pro Unterhaltung - Zelmerlöws bunter Schweden-Dance-Pop war weder politisch noch textlich besonders tiefsinnig (Oh-ho-hos stellen einen nicht unerheblichen Teil des Refrains). Dafür war die Nummer aber mit einer originellen Performance aus animierten Strichmännchen ausgestattet und von Zelmerlöw trotz offensichtlicher Tanzdefizite (er stampfte eher unbeholfen und kreiste mit der Hand beim Wort "Demons" gewollt, aber nicht gekonnt bedeutungsschwanger vorm eigenen Konterfei) durchaus inbrünstig vorgetragen.

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Und wer hat 0 Punkte verdient? Jury und Zuschauer fanden: Deutschland und Österreich. Wir finden: Die ominösen Kopfhörer von Maraaya, die für Slowenien antrat und den Ohrverschluss während ihres Auftritts trug. Ein Markenzeichen ohne tieferen Sinn. Fast beschlich einen das Gefühl, dass sie sich - trotz durchaus Adele-ähnlicher Soulstimme - selbst nicht hören wollte. Die seltsam dissonante Akustik-Performance ging dann sogar noch weiter: Begleitet wurde Maraaya von einer dramatischen Luftgeigerin, deren pantomimische Ausdrucksfidelei von echten Geigentönen aus dem Nichts unterlegt wurde.

Schlug sich Ann Sophie denn wirklich so schlecht? Nee. Die 24-Jährige legte eine solide Pop-Performance hin, suhlte sich durchaus gekonnt in smoothen Bewegungen, blinzelte keck in die Kamera und wurde begleitet von Projektionen gefälliger Fantasiemuster, die nur entfernt an den Rorschach-Test erinnerten. Dennoch: Der Fluch der Nachrückerin ließ sich dann vermutlich auch im Finale nicht mehr abschütteln. Null Punkte für "Black Smoke".

Und Australien? Dank Zeitverschiebung war der ESC in Australien sozusagen Frühstücksfernsehen. Tatsächlich sah der behutete ESC-Kandidat Guy Sebastian so harmlos aus wie jemand, der oft im Frühstücksfernsehen auftritt. Konkret wie Roger Cicero. Guy Sebastian tanzte irgendwann zwar gekonnt knieschlackernd, aber ansonsten: eine Performance, die sich keiner merken wird, der nicht in den Achtzigern mit Partysoul à la Kool & the Gang aufwuchs.

Wurde es auch politisch? Bei der Auszählung sah es lange so aus, als würde Russland gewinnen (auch aus Deutschland übrigens: zwölf Punkte). Sie wurden am Ende Zweiter. Das hat in Zeiten des Ukraine-Konflikts eine gewisse Brisanz - vor allem, weil die russische Sängerin Polina Gagarina in ihrer Powerballade "A Million Voices" vor einer projizierten Weltkugel voller Inbrunst angab, für mehr Frieden zu beten. Kommentator Peter Urban dazu: "Ihr Friedensappell in Gottes, pardon, in Putins Ohr." Moderatorin Mirjam Weichselbraun erinnerte daran, dass die Musik an diesem Abend vor der Politik stehe. Als wäre das so einfach.

Eurovision Song Contest

Wir wünschen uns fürs kommende Jahr? Wieder ein bisschen weniger Glätte - die interessante finnische Punk-Band PKN aus vier Männern mit kognitivem Handicap war ja in diesem Jahr bereits im ersten Halbfinale als Letztplatzierte rausgeflogen. Zwar röhrte die rundum an Beth Ditto erinnernde Bojana Stamenov für Serbien in ihrem Disco-Stampfer "I'm Different and It's Okay". Aber es gewann eben nicht wie 2014 eine Dragqueen, sondern ein Mann, der genau so angemessen weißzahnig lächelte wie ein Soap-Darsteller.