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So war die ESC-Show Levina strauchelt, der Affe tanzt

Ein verhuschter Portugiese säuselte sich zum Sieg. Ein rumänisches Jodelduo verstörte und erfreute gleichermaßen - und eine deutsche Teilnehmerin performte grundsolide, aber ging dennoch unter.
So war die ESC-Show: Levina strauchelt, der Affe tanzt

So war die ESC-Show: Levina strauchelt, der Affe tanzt

Foto: GLEB GARANICH/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Salvador Sobral gewann also für Portugal - war das gerecht?

Als "Fado-Kiffer" bezeichnen manche Kollegen den sanften Portugiesen mit dem Äußeren eines sehr, sehr dünnen Maulwurfs und der verhauchten Stimme. Die haben ihn aber nur nicht verstanden. Salvador Sobrals vergangenheitsverliebte Fidel-Klavier-Ballade "Amar Pelos Dois" war unter den gehandelten Favoritensongs mit Abstand der feinste. Auch wenn man auf portugiesisch vermutlich ziemlich viel verzapfen kann, und es trotzdem noch so gurrend zärtlich nach Portwein-Rausch und Atlantikrauschen klingt, dass man am liebsten gleich in den nächsten Flieger nach Lissabon steigen will - das war schon gut.

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Unsere zwölf Punkte des Herzens gehen aber an...…

... Blanche! Im Halbfinale hatte sie noch verschüchtert gewirkt - die erst 17-jährige Belgierin mit der tiefen Stimme sang ihre ohrwurmige Qualitätspopballade "City Lights" jetzt aber so unaufgeregt, kontrolliert und ohne großes Optik-Chichi, dass es nach Affentheater (der italienische Teilnehmer Francesco Gabbani tollte mit einem Menschen im Gorillakostüm über die Bühne) und Jodelattacken (s. unten) eine wahre Freude am Wesentlichen war.

Und sonst so? Trends, Moden, Katastrophen?

Insgesamt war die "Frauen-in-Disney-Wallekleidern-sprengen-Oktaven-Dichte" recht niedrig, vergleicht man mit anderen Jahrgängen. Wenn man denn nach einem trendigen Leitmotiv suchen will: Discokugel-Optik gab es viel in diesem Jahr - das ist an sich natürlich auch nicht wirklich neu. Aber so variabel wurde die selten eingesetzt: Der österreichische Teilnehmer Nathan Trent turnte auf einem silbrigen XL-Sichelmond, die ukrainischen Rocker (Obacht: Den Ausdruck "Rock" bitte im ESC-Kontext verstehen und dementsprechend anpassen) stellten sich einen gelbäugigen Silberkopf auf die Bühne. Und der kultige Ex-ESC-Teilnehmer Verka Serduchka, der in der Pause auftrat, trug eine Disco-Kugel-Kappe. Kleidet!

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Aber... Katastrophen?

Sind beim ESC ja sehr relativ - Auftritte, die von manchen als komplett geschmacksverirrt bezeichnet werden, sind für andere ja gerade die, in denen der Sangeswettbewerb im besten Sinne ganz bei sich angekommen ist. In diesem Jahr lieferte ein rumänisches Jodel-Duo ("Ilinca feat. Alex Florea") so eine Performance: Sie lautsilberte dermaßen passioniert, dass es vielleicht keine Freude, aber doch etwas war, bei dem man nicht weghören konnte. Er schob derweil eine Phallus-Glitzer-Kanone auf die Bühne.

Was aber - neben dem absolut verdienten Letztplatzierten Surferboy-Abziehbild-Spanier Manel Navarro - ganz wirklich eine Katastrophe war: der Auftritt der aserbeidschanischen Sängerin Dihaj. Die Performance sollte mit einer Kulisse aus Leiter, kreidebeschriebener Tafel und Mann mit Pferdemaske wohl theatral daherkommen, eignete sich aber nicht mal als Parodie auf arty Hipsterness - sondern war einfach nur plumpes Gaga. "Dramatisch, vieldeutig und mit Kreide" sagte ESC-NDR-Kommentator Peter Urban. Das war noch zu neutral ausgedrückt.

Und Levina? War das echt so übel, dass es nur für den vorletzten Platz reichte?

Nja. Levina trat in einem grau-pastelligen bodenlagen Kleid selbstbewusst und völlig seriös auf. Aber spektakulär war das nicht - weder musikalisch noch auf Performance-Ebene. Wenn man das schlechte Abschneiden zudem auf die Reihung schieben will: Die 26-Jährige sang ihren Popsong "Perfect Life" direkt nach den südosteuropäischen Alpendudlern. Und kam einfach nicht an gegen diese geballt-grelle Jodelei.

Und dann war da noch das Motto des ESC: "Celebrate Diversity".

Merkte man kaum was von. Die Moderatoren: drei weiße Männer. Okay, zwei trugen zwischenzeitlich mal Glitzersakkos - aber gilt das schon? Falls der kroatische Teilnehmer Jacques Houdek früher mal für seine Doppelstimme - er performte ein Duett mit sich selbst und sang mal in glockenheller Popstimme, mal im tiefen Operntenor - gemobbt wurde, zählt das vielleicht irgendwie. Ansonsten war das einzige, starke Zeichen pro Diversity der Auftritt von Joci Pápai aus Ungarn - der Sänger mit dem Samurai-Dutt gehört zur Roma-Minderheit, trommelte auf einer silbernen Vase und ließ seinen Ethno-Gipsy-Sound am Ende in eine gerappte Strophe münden. Außergewöhnlich.

Und was wünschen wir uns für das nächste Jahr?

Das war schon ein okayer Jahrgang. Vielleicht, wenn es nicht zu viel verlangt ist, dann mal keinen letzten (Ann Sophie 2015, Jamie-Lee 2016), keinen vorletzten (Levina 2017), sondern wenigstens mal einen drittletzten Platz für Deutschland 2018? In diesem Jahr wurde mit Francesco Gabbani ein Mann als Favorit gehandelt, der "Namasté" auf "Allez" reimte. Helene Fischer sang beim Drumrum-Programm des NDR in Hamburg auf der Reeperbahn "Nur mit dir will ich die Welt von oben sehen, nur mit dir möchte ich auf allen Gipfeln stehen." Wir sehen da Chancen.