Eurovision Song Contest Mann in der Krise

Der irritierende Rückzug von Andreas Kümmert hebt die Grenze zwischen Sieg und Niederlage auf - und definiert nebenbei eine neue Form von Männlichkeit.
Andreas Kümmert: Der Mann in der Krise als Siegertyp

Andreas Kümmert: Der Mann in der Krise als Siegertyp

Foto: Nigel Treblin/ Getty Images

Mit 40 Grad Fieber geht kaum einer gern arbeiten, und auftreten mag man in diesem Zustand schon gleich gar nicht. Noch nicht einmal aufstehen will man da. Andreas Kümmert hatte 40 Grad Fieber, als er am Donnerstagabend in Hannover auf der Bühne stand - so sagte es später jedenfalls Moderatorin Janin Reinhardt.

Erstaunlicherweise sang Kümmert trotzdem so gut, dass er souverän zum deutschen Teilnehmer beim 60. Finale des Eurovision Song Contest gekürt wurde. Ende Mai sollte er Deutschland in Wien vertreten. Kaum hatte er gewonnen, lehnte Kümmert das Ticket nach Österreich ab: Er sehe sich "nicht in der Verfassung", beim Endausscheid anzutreten. Er sei nur ein kleiner Sänger.

Kümmerts Erklärung wirkte reichlich bizarr. Er verhielt sich wie jemand, der sich um eine Stelle bewirbt, zur Probearbeit antritt, eine hervorragende Leistung abliefert, direkt nach Feierabend einen festen Vertrag angeboten bekommt - und dann sagt, er sehe sich jetzt leider doch nicht in der Lage, in drei Monaten am Arbeitsplatz zu erscheinen. Er könne das auch gar nicht richtig, was da von ihm verlangt werde. Und außerdem, muss man erfahren, sei er heute ja eigentlich krank gewesen.

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Eurovision Song Contest: Vorentscheid-Sieger will nicht

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Viel ist in jüngster Zeit die Rede gewesen von der Krise des Mannes: Hart und schweigsam soll er nicht mehr sein, sondern ein gepflegter Zuhörer, zum Geld verdienen brauchen ihn die Frauen auch nicht mehr, das können sie längst selbst, und besser ausgebildet sind sie meist auch.

Während sich ältere Herren noch in Rückzugsgefechten um ihre schwindende Dominanz aufreiben, kommt der zeitgemäße junge Mann eher verunsichert über seine Rolle denn als zupackender Anführer daher, mehr mit selbstkritischer Introspektion beschäftigt als mit auftrumpfender Aktion. Der moderne Mann schreit nicht Hurra, er murmelt öfter Nö.

Der Eurovision Song Contest ist im Kern kein Wettbewerb um das beste Lied, das ist jedem klar, der diese Veranstaltung jemals verfolgt hat. Er ist ein Spektakel der Kostüme und Choreographien, vor allem jedoch ist er einer der wenigen Orte im Mainstream-Fernsehen, wo queere Kultur massentauglich gemacht wird. Beim ESC werden Geschlechterrollen aufgehoben und vor einem Millionenpublikum neu verhandelt.

Größtes anzunehmendes Theater

Kümmerts Absage ist Teil dieses massenmedialen Aushandlungsprozesses. Dem Rollenmodell des Mannes in der Krise verschafft seine Verweigerung gesellschaftliche Akzeptanz. Wurde der Zweifler bisher gern als Verlierer beschrieben, kann das von jetzt an nicht mehr umfassend gelten: Andreas Kümmert hat ihn im ersten deutschen Fernsehen ganz nebenbei zum Siegertypen umdefiniert.

Die bärtige Vorjahressiegerin Conchita Wurst war bereits vor ihrem Auftritt im vergangenen Finale von sich selbst zu Tränen gerührt, ihren Titel als amtierende Drama-Queen hat sie am Donnerstag allerdings an Andreas Kümmert verloren. Ein größeres Theater, als es der Sänger hier abgeliefert hat, ist kaum denkbar. Es wird sein Schaden nicht sein.

Ein Sieg beim deutschen ESC-Vorentscheid ist für die Karriere ziemlich unerheblich, springt im Finale nicht der erste oder zumindest einer der vorderen Plätze heraus, versinken die Interpreten gemeinhin wieder in der Versenkung und den Jahrbüchern eingefleischter Experten. Die Teilnahme kann sich sogar schädlich auswirken: Das Kainsmal des peinlichen ESC-Verlierers am Ende der internationalen Tabelle wird man so schnell nicht wieder los.

Andreas Kümmert jedoch ist auf einen Schlag in aller Munde, und man wird ihn so schnell nicht mehr vergessen: Als den grandiosen Sänger, der nicht gewinnen wollte. Als den unabhängigen, eigensinnigen, wahren Künstler, der gerade noch rechtzeitig doch lieber nichts mit der Unterhaltungsmaschinerie ESC zu tun haben will. Schön für ihn und seine zarte Seele. Schade nur für uns, dass er nicht singen will. Der Mann hätte gewinnen können.