ESC-Halbfinale Früher war mehr Show

Im ersten Halbfinale zeigt sich der diesjährige Eurovision Song Contest als erschreckend dezente, fast geschmackvolle Veranstaltung. Da ist noch Kitsch-Luft fürs Finale, rapppabapp-rompanpan!

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Die Finnen sind raus, das ist ein Ding. Schließlich wurden Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN), die sich beim Musikworkshop eines Behindertenhilfswerks in Helsinki formierten, mancherorts schon als Favoriten auf den Sieg gehandelt. Nun schieden die gehandicapten Punker - drei von ihnen haben das Down-Syndrom, einer ist Autist - trotz einwandfreiem, zacki-zack Krawummse-Auftritt schon im Halbfinale aus, was aus verschiedenen Perspektiven betrachtet sehr schade ist.

Zum einen muss man nun sämtliche behände für den Siegesfall gezimmerten Boulevardesken wie "Die spinnen, die Finnen!" zurück auf den Stapel kunsthandwerklich interessanter, jedoch leider nie genutzter Überschriften ("Kot eines Handlungsreisenden" für eine noch zu schreibende Geschichte über Verdauungsprobleme auf Dienstreisen, "Vom Fluchen und Finden der Liebe" über eine dringend noch zu produzierende Dating-Show für Misanthropen) legen.

Zum anderen ist es ganz ernsthaft bedauerlich, dass bei diesem Eurovision Song Contest zwar viel über den Mut zum Anderssein gesungen wird: Loïc Nottet aus Belgien ermuntert in seinem Lied dazu, unbedingt zum Rhythmus seiner eigenen Trommel zu paradieren, auch wenn diese exzentrische Schlagfolgen wie Rapppabapp-rompanpan vorgibt, und die rundum bemerkenswerte Serbin Bojana Stamenov sang "Finally I can say / I am different and it's ok". Mit den Finnen flogen dann aber die einzigen Teilnehmer, die wirklich und wahrhaftig anders waren, aus dem Wettbewerb.

Das erste Halbfinale bestach weniger durch spektakuläre Effektauftritte, sondern vor allem durch den wilden Themenmix in den Liedtexten: Die Finnen sangen in "Aina mun pitää" (deutsch: Ich muss immer) über die alltäglichen Malaisen mit der Behinderung, die armenische Band Genealogy erinnerte an den Völkermord, die rumänische Band Voltaj sang über die Probleme vereinsamter Kinder, deren Eltern als Arbeitsmigranten im Ausland leben.

Krieg ist schlecht und schlimm, war weiterhin aus den ungarischen und russischen Beiträgen zu erfahren, und die Estländer Elina Born und Stig Rästa lieferten eine fundierte diskursive Abhandlung über post-koitales Hinausschleichen aus fremden Wohnungen, womit dann im Grunde alle relevanten Themenfelder menschlichen Miteinanders abgedeckt sein dürfen.

Die zweite, mildere Überraschung nach dem Finnen-Aus: Auch der niederländische Beitrag "Walk Along" schaffte es trotz der Komposition von ESC-Veteranin Anouk und dem tollen Flughörnchen-Overall von Trijntje Oosterhuis nicht durch das Telefon-Voting. "Why-whyeieieiei?" mag da mancher mit der Sängerin fragjammern. Auch die rätselhafte Metaphorik des weißrussischen Titels wird auf ewig verschlüsselt bleiben: "Time Is Like Thunder, haha!"

Dass auch Trickhemden kein Garant fürs Weiterkommen sind, musste Moldau-Kandidat Eduard Romanyuta erfahren: Trotz N'SYNCigem Titel, Sexpolizei-Posse und einem Refrain, der einen zu Hause mehrfach nachsehen ließ, ob da wohl ein Fremdhandy in der Sofaritze bimmelte, flog er ebenso aus dem Halbfinale wie der vergrient modern gemeinte dänische Beitrag, vorgetragen von der Band mit dem dümmlichsten Namen des Wettbewerbs: Anti Social Media.

Den mazedonischen Beitrag "Autumn Leaves" wird man trotz oder wegen des Schiefgesangs und Kindertrenchcoat von Daniel Kajmakoski im Finale vermissen, auf dieselbe Art, wie man eine komplett aufgefressene Großtüte Speckmäuse vermisst, wenn man mit Bauchgrimmen auf dem Sofa dämmert.

Ungewohnt dezent und geschmackvoll war das Ambiente des Abends: Die tanzenden Deckenkugeln an der Wiener Stadthallendecke, die Moderatorinnen Mirjam Weichselbraun, Alice Tumler und Arabella Kiesbauer, selbst die in der Vergangenheit oft hochnotpeinlichen Einspielfilmchen vor den Auftritten: alles wunderbar. Ungeschlagen allerdings die wirklich umwerfend charmante Sympathieträgerin Conchita Wurst, die als empathische Green-Room-Korrespondentin vielleicht sogar noch besser war denn als Siegerin.

Eine einzige offen alberne Idee gab es, die dem Trullala-Charakter des ESC gebührend Rechnung trug: In einem Einspielfilm führten während der Voting-Pause die Haustiere der Moderatorinnen durch die Stadt. Tumlers Katze angelte in einer Bibliothek nach der Maus eines Laptop-Studenten, Weichselbrauns Hund Schwarzenegger sauste ein paar Runden im Kettenkarussell des Praters, und Kiesbauers Pferd ließ sich, herrlichst bekloppt, in einem Fiaker herumkutschieren. Besser hätte es nur noch werden können, wenn eine Sachertorte, ein Blunzngröstl und eine Eitrige durch Wien geführt hätten.


Videointerview mit der deutschen ESC-Sängerin Ann Sophie



insgesamt 35 Beiträge
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schgucke 20.05.2015
1. menno
in Zukunft möchte ich gern vorher informiert werden, dass Sie kommentieren werden, Frau Rützel. les ich nämlich den Bericht, find ich es schad, nicht geguckt zu haben.
kronk 20.05.2015
2. Weil
Finnland ist raus, weil das Lied einfach öde war. Ein mäßiges Punkriff und melodieloses Gegröle reicht nicht, egal wie geistig herausgefordert die Interpreten sein mögen. Niederlande ist raus, weil das Lied einfach wahnsinnig bekannt klang. Mit etwas Mühe wären mir wahrsch. 10 bekannte Lieder eingefallen, die man zu der Akkordfolge hätte singen können. Schön, dass hier dem schleimradiozugeschnittenen Crap ein Riegel vorgeschoben wurde. Gewundert hat mich, dass die leicht schief singende Dame aus weißichnicht (wenns mir, meiner Frau UND Peter Urban auffällt, muss ja was dran sein), und Griechenland mit seiner abgepausten Rise-like-a-Phoenix-Fortsetzung durchgekommen ist. Leider insgesamt deutlich langweiligeres Songmaterial als letztes Jahr. Aber ein Halbfinale kommt ja noch. PS: Das Tiereinspielfilmchen war ja wohl mit Abstand das ödeste und blödeste am ganzen Abend. Wie man von einem Song-Contest, bei dem Songs im Vordergrund standen, enttäuscht sein kann, verstehe ich nicht ganz.
frenchie3 20.05.2015
3. Times are changing
War das mal früher ein seriöser Sangesabend mit (für die damalige Zeit) vernünftigen Liedern verkam das zu einem Radauspektakel wo garantiert der/die niedlichste Sänger/in oder der dämlichste Beitrag gewann. Und jetzt werden offensichtlich politische und humanitäre Aktionen mit einbezogen. Ich hätte gewettet daß die Finnen weiterkommen, da habe ich ganz deutlich den Mitleidsbonus gesehen (trotzdem Schade). Politische Statements sind eh sinnlos, wenn nicht gerade Englisch gesungen wird verstehts der Rest der Welt sowieso nicht. Sollten die Leute endlich mal wieder einfach nur Stimme und Melodie beurteilen, sozusagen back to the roots?
exHotelmanager 20.05.2015
4.
Es ist längst ein innerslawischer Wettbewerb. Rest-Europa ist nur noch Plattform.
ancoats 20.05.2015
5. Ach...
... is schon wieder ESC? Hätte ich glatt übersehen, wenn es nicht diesen kurzweiligen Artikel gegeben hätte.
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