ESC-Hoffnung Elaiza "Wir sind kein Fake"

Drei junge Frauen aus dem Nichts vertreten Deutschland beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Ist das Newcomer-Märchen Elaiza zu schön, um wahr zu sein?

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Noch vor wenigen Wochen hätte man Elaiza ganz entspannt in ihrer Stammkneipe, dem Café Moppette im Prenzlauer Berg, treffen können, doch jetzt sind die drei jungen Frauen mittendrin im medialen Durchlauferhitzer. Die Journalisten im Hauptquartier der Valicon-Studios in Hohenschönhausen geben sich die Klinke zum Interviewzimmer in die Hand. Ein Kamerateam vom ARD-Morgenmagazin wuselt herum, die Pressebetreuerin ringt mit dem Ablaufplan. Dennoch geben sich Ela, Yvonne und Natalie, die am Samstag in Kopenhagen vor einem Millionenpublikum beim Eurovision Song Contest für Deutschland antreten sollen, so fröhlich und unbeschwert, als sei eigentlich gar nichts los.

Sie wirken aufgekratzt und versäumen keine Gelegenheit, über den ganzen Trubel zu giggeln. "Wir freuen uns einen Ast ab, dass wir Deutschland in Kopenhagen vertreten dürfen. Als ganz junge Band bekommen wir die Gelegenheit, unsere Musik mit Europa zu teilen", schwärmt Sängerin Ela. Die bisherige Geschichte der Band klingt wie aus dem Märchen: Überraschend nominiert von einem ESC-Fanblog, bewarb sich das erst vor rund 18 Monaten gegründete Trio für eine sogenannte Wild Card für den deutschen Vorentscheid zum europäischen Musikwettbewerb - und setzte sich im März mit dem hübsch schunkelnden Folkpop-Song "Is It Right" gegen etablierte Acts wie Unheilig, Santiano und die Baseballs durch.

Der kecke Charme der erst 21-jährigen Sängerin mit der weißblonden Mecki-Frisur und ihrer beiden Kolleginnen an Kontrabass und Akkordeon begeisterte das Publikum. Das Lied, mit dem die drei nun nach Kopenhagen reisen, ist eine wie für den ESC gemachte Mitsing-Hymne aus angelsächsischem Pop und osteuropäischer Folklore. Sängerin Elzbieta Steinmetz hat familiäre Wurzeln in Polen und der Ukraine, sie zog als Achtjährige mit ihrer Mutter ins Saarland, wo sie noch heute die meiste Zeit lebt.

Die Betreiber von Valicon sowie dem zugehörigen Label Musicstarter, auf dem vor kurzem Elaizas Debütalbum "Gallery" erschien, sind alles andere als Newcomer. Seit 2013 gehört die Firma zu 50 Prozent dem Medienkonzern Burda ("Bunte", "Playboy"). In den vergangenen Jahren produzierte Valicon erfolgreiche Alben von Silbermond, Lena, DJ Ötzi und Faun. Auch mit dem ESC hat das Team Erfahrung: Frank Kretschmer, der einen Teil der Songs für "Gallery" gemeinsam mit Ela schrieb, betreute einst auch die ESC-Kandidaten Texas Lightning. Unterstützung beim Schreiben der englischen Texte erhielt Steinmetz auch von dem US-Songwriter Adam Kesselhaut, der ebenfalls schon mehrere ESC-Songs komponierte. Steckt hinter dem Märchen also ein ausgeklügeltes Konzept?

"Wir können das wirklich spielen"

Nein, sagt Steinmetz: "Wir sind kein Fake. Wir haben darüber natürlich mit Valicon und Musicstarter gesprochen, aber die endgültige Entscheidung mitzumachen lag bei uns." Die Verbindung zwischen der Hobby-Musikerin, die bis vor kurzem noch als Verkäuferin bei Peek & Cloppenburg arbeitete, und der Produktionsfirma entstand, als Steinmetz mit 16 bei den Berlinern vorstellig wurde, um Einblick ins Musikgeschäft zu bekommen, und anfing, als Songwriterin zu arbeiten. Dort lernte sie die Profi-Musikerin Yvonne Grünwald kennen. Zusammen arbeiteten die beiden an eigenen Songs. Die fehlende Verbindung kam schließlich Ende 2012 hinzu, bei einer Schnapsverkostung in einer kleinen Berliner Spirituosen-Manufaktur in Gestalt von Natalie Plöger und ihrem Kontrabass.

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Popband Elaiza: Aus dem Nichts zum ESC
Zusammen begannen Elaiza, durch Clubs und Kneipen zu tingeln. Der Auftritt in einem Szene-Hotel in Mitte bescherte ihnen eine Aufnahme-Session in den Emil Berliner Studios, wo eine erste Platte entstand, die nichts mit Musicstarter zu tun hatte. "Damals, im Februar 2013, gab es uns gerade zwei Monate", erzählt Yvonne, "und wir mussten alles live einspielen." Immer wieder betonen die drei, dass sie Vollblut-Musikerinnen sind. "Deshalb", sagt Grünwald, hätten sie sich für die Wild Card beim ESC mit einem Unplugged-Video beworben, "damit die Leute sehen, wir sind nicht im Studio produziert, sondern eine richtige Band. Wir können das wirklich spielen. Wir sind kein Casting-Act."

Vielleicht war diese sympathische Echtheit spürbar für das Publikum des ESC-Vorentscheids, die für "Is It Right" anriefen. Elaiza machen sich allerdings keine Illusionen über das Voting: "Man weiß ja nicht, warum die Leute anrufen. Ob die nun wirklich uns so toll fanden oder nur verhindern wollen, dass Unheilig gewinnt, keine Ahnung", lacht Plöger.

Beim ESC, sagt Grünwald, werde die Band alles geben. Und wenn es am Ende nicht reicht? "Wir werden trotzdem weiter Musik machen, davon kann uns niemand abhalten." Der ESC sei "ein Schritt von vielen", sagt die 28-Jährige. "Wenn auch natürlich ein riesengroßer Schritt."



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Seite 1
crunchy_frog 06.05.2014
1.
Zitat von sysopBen WolfDrei junge Frauen aus dem Nichts vertreten Deutschland beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen. Ist das Newcomer-Märchen Elaiza zu schön, um wahr zu sein? http://www.spiegel.de/kultur/musik/esc-hoffnung-elaiza-im-portraet-wir-sind-kein-fake-a-967250.html
Allein dafür, daß wir uns am Samstag nicht für Unheilig schämen müssen, gehört den Mädels grosse Anerkennung.
twaddi 06.05.2014
2. netter Song
...und coole Band! Das Gegenteil von Fremdschäm - Mucke im letzten Jahr. Egal wie gut es insgesamt ankommt, die Frauen brauchen sich nicht zu verstecken !
hman2 06.05.2014
3. Spätestens seit dem letzten ESC weiß jeder, dass da geschoben wird...
...bis sich die Balken biegen als eine Jury dem Song den Sieg zuschusterte, der von derselben Plattenfirma kam die die Mehrheit der Jurymitglieder unter Vertrag hatte. Auch wenn das Radiovoting offensichtlich (wenn auch in die andere Richtung) ebenfalls geschoben war - jeder wusste im Vorfeld, dass ein Zuschauervoting, bei dem man sich nicht registrieren muss, angreifbar ist. Man hatte also von Anfang an eine solche Möglichkeit sehenden Auges hingenommen. Aber zumindest kam da nie der Verdacht auf, es hätte eine Plattenfirma die Strippen gezogen. Beim Juryentscheid war das anders, und das war ja offenbar Juroren peinlich... Der nicht vorhandene Erfolg des deutschen Vorentscheid-Siegertitels hat dann genau das dokumentiert: Zumindest beim Publikum war das nicht beliebt, schon eher die Vorlage, von der gecovert wurde...
rexromanus 06.05.2014
4. Die Ukraine
Wird gewinnen. Lied ist völlig egal.
Nevermeind 06.05.2014
5.
Ich finde Elaiza klasse und gehe von einer guten Platzierung aus. Mein Gewinnertipp ist allerdings Emma, der naechste ESC wird in Rom stattfinden, der RAI-Manager und Emma waren nicht umsonst in der Vorentscheidung zu Gast.
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