ESC-Kandidaten im Stylecheck Wie sehen die denn aus?

Bad-Hair-Boys, Männer mit Quiek-Fiep-Syndrom und Frauen, deren autoerotische Moves Softpornoambitionen nahelegen: Wir haben uns die Kandidaten beim Eurovision Song Contest genauer angeguckt. Und wir hätten da noch ein paar Fragen.

Christophe Lartige/ CL2P

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Sagt mal, Elaiza, wie schwer ist es eigentlich, sich zu entscheiden?

"'Is It Right' dreht sich darum, Entscheidungen zu treffen. Dass es nicht immer so einfach ist, den richtigen Weg zu finden", sagte Sängerin Elzbieta Steinmetz. Sie meint den Song, mit dem sie für Deutschland beim ESC antritt. Aber die Aussage passt auch ganz wunderbar zur Optik der drei Mädels von Elaiza - schwanken sie doch selbst etwas unentschlossen zwischen Tradition und Moderne.

Die buschigen Augenbrauen, der platinblonde Igel, die Plateau-Heels von Frontfrau Elzbieta (mit ukrainisch-polnischen Wurzeln!) - alles sehr modern. Aber im offiziellen Video trägt sie auch dieses furchtbar altbackene Jäckchen mit Schulterpolstern und floraler Sofabezugoptik. Bandkollegin Yvonne mit dem Blumenhaarreif in der brünett-gewellten Mähne sorgt mit ihrem Akkordeon für folkloristische Töne - steckt aber in Highheels und abgeschnittenen Jeans-Hot-Pants. Und Natalie kombiniert zum unmodernsten Musikinstrument aller Zeiten mal eben Röhrenjeans, rote Lederjacke und rot lackierte Nägel.


Warum nur, liebe Conchita Wurst, so viel? Warum sooo viel?

Das Video zum Song von Travestiekünstlerin Conchita Wurst würden selbst die hartgesottensten Rosamunde-Pilcher-Verehrer zu schmalzig finden. Der Künstlername? Die knallroten Lippen zum schattigen Drei-Tage-Bart? Geschenkt. Aber was sollen die ganzen Klischees im "Rise Like a Phoenix"-Clip? Geschmalze in Zeitlupe, die Windmaschinen dürften einiges an Stromkosten verursacht haben, die Badewanne ist bis oben hin mit Rosenblättern gefüllt. Und die Songzeilen müssen mit Gesten unterstrichen werden, die sich selbst Chefdramatikerin Mariah Carey noch abgucken könnte.


Verraten Sie uns, Aarzemnieki: Wie wird man der Held am Lagerfeuer?

Wir sind uns sicher: Die lettische Band Aarzemnieki um den deutschen Sänger Jöran Steinhauer hat sich trotz ihres Ausscheidens im ersten Halbfinale in die Herzen zahlreicher Pfadfinder und Feriencamper gespielt. Im offiziellen Video schrammelt Steinhauer im Hoodie und Kringelschal buddymäßig auf seiner Gitarre, neckisch grinst und zwinkert er in die Kamera, die Haarsträhnen fallen ihm ins vollbartumflorte Gesicht. Umringt ist der Sonnyboy von zahlreichen Freunden, die einander permanent in die Arme fallen - und mit Steinhauer das Rätsel des Songs lösen wollen: "Wie backe ich einen Kuchen?" Am Ende möchte man selbst sein Gegenüber in den Arm nehmen und drücken. Ganz, ganz feste.


Was tun, Twin Twin, wenn der Bad-Hair-Day nie endet?

Das Video zu Dance-Beats ist poppig: Comic-Optik, Kaugummifarben, ein bisschen Porno. Mittendrin die drei Jungs von Twin Twin, die auf Französisch über eins der schlimmsten Probleme unserer Zeit singen: Unzufriedenheit. Konkret über einen Mann, der wirklich alles hat - und sich doch nichts mehr wünscht als einen Schnauzer. Eine Ode an den Oberlippenbart also, eine haarige Angelegenheit. Gerade jetzt, wo doch eigentlich der Vollbart der Bewuchs du jour ist. Aber die Haare im Gesicht spielen bei den Zwillingen Lorent Idir und François Djemel sowieso die kleinste Rolle. Dafür geht es auf ihren Häuptern umso spektakulärer zu: Der eine trägt einen mindestens Zehn-Zentimeter-Puschel-Iro zur Schau, der andere eine fisselige Lockenpracht wie einst Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl. Dank ihres Retro-Chics und des Nerd-Charmes könnten die Bandmitglieder locker als Werbegesichter für American Apparel durchgehen.


Aber, aber, Emma Marrone, warum so böse?

Ja, schon klar, du willst rocken. Aber musst du deshalb krampfig einen auf böse machen? Emma Marrone, ESC-Teilnehmerin aus Italien, findet: ja. Für den offiziellen Kurzfilm zu ihrem Song "La mia città" schmeißt sie sich mal in Lederklamotten, dann in eine glänzende Rüstung, und selbst wenn sie nur einen asiatisch anmutenden Morgenmantel oder Micky-Maus-Ohren trägt, bleibt der bös-arrogante Blick wie eingemeißelt im Gesicht. Vielleicht ist das aber auch ihre Vorstellung von Sex? Das würde jedenfalls den lasziven Hüftschwung, das autoerotische Räkeln an der Wand und das breitbeinige Rumrutschen auf dem Boden erklären.


Wie haben Sie, Donatan & Cleo, es geschafft, dem ESC einen Softporno unterzumogeln?

Was braucht man, um in einem polnischen Dorf Butter zu machen, Teig zu kneten, Wäsche zu schrubben? Genau: eine folkloristische Tracht mit prallst gefülltem Dekolleté. Frauen, die dort Milch aus einem Becher trinken, lassen sich die weiße Flüssigkeit natürlich in Zeitlupe übers Kinn rinnen. Und wer ein Schaumbad im Zuber zu nehmen gedenkt, schminkt sich vorher wie ein Pornostar. So sieht Polens Beitrag zum ESC aus. Und das Duo Donatan & Cleo hat mit seinem Song nur eine Botschaft: Slawische Frauen sind geil. "We are Slavic, we know how it is / We like to shake what mama in the genes gave us".


Zu viel Wasser ist schädlich, kann das sein, Ruth Lorenzo?

Nein, man kann nicht behaupten, dass Ruth Lorenzo mit kleinen Zielen für Spanien antritt. "Ich möchte ganz Europa Hoffnung und Licht vermitteln", sagte sie und fuhr fort: "Ich möchte mich stimmlich verbessern, eine tolle Figur vorzeigen, das beste Kleid anhaben und das schönste Bühnenbild." Nuuunja. Tatsächlich wirkt sie bei ihrer selbstkomponierten Ballade "Dancing In The Rain" wie eine trockengelegte Meerjungfrau. Im Video ist Lorenzo entweder als Möchtegernelfe im bodenlangen, nude-farbenen Kleid zu sehen. Oder, für die Zeitlupen-Schmalzbalztanz-Freunde unter uns, in Kunstregen, Pailettenkleidchen und Netzstrumpf. "Even if it rains and we get wet / We won't stop dancing", singt sie. Sie erkälten sich dabei doch nur, liebe Ruth Lorenzo. Lassen Sie's doch einfach mal!


Basim! Wie wird man Bruno Mars?

Ein bisschen "Skuba-duba-dabda-dididaj", ein bisschen Gepfeife, viel "Yeah", "Hey" und "I Love You" liefert der 21-jährige Basim; kurz: den perfekten Gute-Laune-Song. Für seinen Bühnenauftritt kombiniert der ESC-Kandidat für den Vorjahressieger Dänemark die Lässigkeit von Bruno Mars ("Just The Way You Are") und die Tanzmoves von Aloe Blacc ("I Need A Dollar"). Auch stylemäßig dürften ihn die beiden Herren inspiriert haben: Basim trägt Anzug mit geöffnetem Jackett und ungebundener Fliege, die weißen Socken stecken in schwarzen Lackschuhen. So entspannt feiert er gemeinsam mit fünf Lookalike-Background-Tänzern eine Sommerparty. "Skuba-duba-dabda-dididaj." Eieiei.


Liebe Suzy - der ZDF-"Fernsehgarten" ist doch ganz nett, oder?

Wir hatten die zarte Hoffnung gehegt, so eine Optik sei inzwischen von der ESC-Bühne verschwunden: eine Sängerin in einem kurzen Glitzernichts, blond die Locken, pink die Lippen, pink auch die Wangen und der Hüftschwung so perfekt einstudiert, als habe die Gute schon im Kita-Alter den Volkshochschulkurs "sexy moves" besucht. Klingt übrigens alles ganz nett, sieht alles auch nett aus. Ist aber stinklangweilig. So wie der Refrain von Suzy: "I want to be yours, OH OH OH OH OH!" Immerhin: Damit winkt der Portugiesin eine Zweitkarriere als ZDF-"Fernsehgarten"-Senioren-Aufpeitsch-Nudel. Ist ja auch… nett. Und nach dem Ausscheiden im ersten Halbfinale vielleicht die einzige Option.


Hallo da, The Common Linnets, warum so schüchtern?

Die meisten ESC-Teilnehmer nutzen ja ihre offiziellen Videos, um sich in Szene zu setzen (siehe Polen). Und was machen die Kollegen aus den Niederlanden? Lassen für "Calm After The Storm" einen schwarzweißen Meditations-Clip in der Natur drehen, in dem die beiden höchst selten, meist von hinten oder bestenfalls mal im Schatten zu sehen sind. Dabei haben Ilse DeLange and Waylon das doch so gar nicht nötig. Ihr Song mag für den ESC einen Hauch zu melancholisch sein, aber man hört den beiden gerne beim Sinnieren zu - und würde sie gern auch dabei sehen.


Wie bloß, liebe Pollapönk, trägt man Friede, Freude und Eierkuchen auf der Haut?

Quietschbunt geht's rund bei den vier Vollbärten von Pollapönk. In pinken, blauen, roten, orangefarbenen und gelben Anzügen samt weißen Fliegen geben sie für Island ihren Gute-Laune-Song "No Prejudice" zum Besten. Mit ihrer Friede-Freude-Eierkuchen-Botschaft wollen sie Erwachsene und Kinder erreichen und ihnen - wie überraschend - nahebringen: Vorurteile lohnen sich nicht. Passt also irgendwie, dieser stilblinde Pädagogiklook in Knallerfarben. Frontmann Haraldur ist ja schließlich auch Vorsitzender des Verbandes der Vorschullehrer in Island.


Sie wollen noch mehr ESC?

Dann sind Sie auf SPIEGEL ONLINE richtig. Wir übertragen auch den Rest des Eurovision Song Contest 2014 im Livestream. Und zwar:

- das zweite Halbfinale am 8. Mai (Donnerstag) ab 20.55 Uhr und

- das Finale am 10. Mai (Samstag) ab 20.55 Uhr.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
berns 07.05.2014
1. Ein Song ist so schlimm wie der andere.
Dieser Contest ist grauenhaft. Nur ganz schlechte Musik. Lohnt sich wirklich, den Fernseher abzuschalten.
MaKo 07.05.2014
2. Österreich
Na dann mal wieder: Österreich - null Punkte. Was haben die sich bloß dabei gedacht? Aua.
kl1678 07.05.2014
3.
Zitat von bernsDieser Contest ist grauenhaft. Nur ganz schlechte Musik. Lohnt sich wirklich, den Fernseher abzuschalten.
aber warum machen Sie das dann nicht? :-) Nein, der holländische Beitrag z.B. ist doch wieder super. Er hat all das, was der deutsche leider nicht hat: Musikalität, Stil, Eleganz,...
polargreis 07.05.2014
4. Conchita
muss gewinnen. Ihr ist alles "Wurst", den Ewiggestrigen oder Homophoben vor allem auch aus den östlichen Teilnehmerländern aber nicht - je mehr und umso doller sie sich aufregen, desto besser.
Dio_genes 07.05.2014
5. Conchita
Zitat von MaKoNa dann mal wieder: Österreich - null Punkte. Was haben die sich bloß dabei gedacht? Aua.
Ich wette dagegen. Conchita dürfte es locker ins Finale schaffen und auch dort mindestens die top 10 schaffen. Sie singt live sehr gut und einen soliden Bond-Song ausgesprochen engagiert. Travestie-Künstler alleine schockieren doch nur noch ewig-gestrige rechtsradikale. Gerade der Bart ist überaus witzig - als Parodie zum divenhaften Auftritt. Ich bin begeistert. Obwohl Ungarn ein starker Konkurrent ist!
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