Fotostrecke

Elaiza: Die drei Unbekannten aus Berlin

Foto: Henning Kaiser/ dpa

ESC-Vorentscheid Schnickschnackfrei nach Kopenhagen

Ein bisschen Putin, ein bisschen Uli Hoeneß, eine aufgekratzt-anzügliche Barbara Schöneberger und drei Newcomerinnen: Der ESC-Vorentscheid überraschte mit perfekter Inszenierung und dem Sieg der Berliner Frauenband Elaiza.

Wie einer dieser mürrischen Bonbonautomaten, hüfthoch angebracht, gepanzert gegen die eigene Kundschaft, gefüllt mit buntem Mist und dem vagen Versprechen auf die einzige silberne Wunderkugel, die die Kiste dann doch nie hergibt - genau so funktioniert normalerweise auch der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest in der ARD. Normalerweise.

Diesmal aber rückte der Automat wirklich die Wunderkugel raus. Und nun "schicken wir", wie es immer so leutselig heißt, drei absolute Newcomer nach Kopenhagen. Junge Frauen, die sich nur über eine "Wildcard" qualifizieren und ihr Glück nicht fassen konnten, so verdient es auch war. Elaiza. Wer hätte das gedacht?

Moderiert wurde die Sendung von der wie immer souverän aufgekratzt-anzüglichen Barbara Schöneberger als "eine Mischung aus Christopher Street Day und katholischem Weltjugendtag", haha, wobei Deutschland doch gleich "den Uli Hoenig" schicken könne, "der ist doch schon in Sing Sing", hehe. Zur Vorbereitung hatte Schöneberger ein paar Klassiker des Genres einstudiert.

Auf dass des Despoten Herz erweiche

Putin, ja, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich gab sie "Ein bisschen Frieden" als champagnerseliges Ständchen, sang, unterstützt vom schwulen Chor in der Kölner Arena, von "ein bisschen Sonne, für diese Erde, auf der wir wohnen, ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir", auf dass des Despoten Herz erweiche und er von seinen düsterkalten Feindseligkeiten ablasse. So politisch kann Schlager sein.

Derlei trübte aber kaum die Freude an einer ansonsten schnickschnackfrei inszenierten Sendung wie aus den siebziger Jahren, als es manchmal noch um Musik ging. Deutschland hatte also die Wahl zwischen sympathischer Biederkeit (Das Gezeichnete Ich) und sympathischer Crazyness (MarieMarie), zwischen schmalztoller Sehnsucht nach den fünfziger Jahren (The Baseballs) und weltläufiger Gegenwart (Oceana).

Es gab kaum choreografiertes Gehopse. Aber ständig "performten" die "Acts" irgendwas mit wichtiger "Message", bevor sie sich für den "Support" ihrer "Fans" bedankten. Schon sehnte man sich still nach einer Zeit, als man den entsprechenden Sachverhalt noch in deutscher Sprache ausdrücken konnte - bis der Graf von Unheilig so seltsam nachdrücklich betonte, "in Europa" mit einem Lied in "meiner Muttersprache" auftreten zu wollen. So politisch kann Schlager sein.

Der Refrain wird bis zum Erbrechen wiederholt

Der klare Favorit liefert mit "Als wär's das erste Mal" den bewährten euphorisierenden Empfindsamkeitskitsch. Der Refrain wird bis zum Erbrechen wiederholt und ist im Grunde eine deutliche Aufforderung, fast eine Drohung, auch Unheilig wieder so zu hören, "als wär's das erste Mal", nämlich in Massen und ad nauseam. Hübsch gemacht in Dänemark hätten sich auch die Herren von Santiano, optisch und akustisch eine Mischung aus Slade und den Dubliners. Es wäre interessant zu beobachten gewesen, ob das Europa von 2014 schon wieder reif ist für kaiserliche Kriegsmarine-Folklore: "Wir werden niemals, niemals untergehen, wir werden alle Stürme überstehen, wir werden unsere Heimat wiedersehen." So politisch kann Schlager sein.

Am Ende war die unausgereifte wie die überreife Konfektionsware gleichermaßen aussortiert, waren Trennungsgeträller und "Schuhudu-wapp"-Chöre verworfen, waren Innerlichkeit und allzu Berechnendes ausgeschieden. Im Finale stand Branchenriese Unheilig den Newcomern von Elaiza gegenüber. Es trat gewissermaßen der FC Bayern München gegen die Damen vom FSG Schiffweiler an.

Und Schiffweiler gewann. Mit dem schwungvollen und recht originellen Neofolk von "Is It Right". Und mehr noch mit jener silbernen Unschuld, die den schäbigen alten Eurovision-Automaten dann doch immer wieder attraktiv macht. Sängerin und Komponistin Elzbieta Steinmetz kommt nicht nur aus dem Nichts, sondern ist auch im Saarland aufgewachsen. Sie hat eine polnische Mutter und einen ukrainischen Vater und will in Kopenhagen gewinnen, damit "wir" 2015 "vor dem Brandenburger Tor feiern" können. So politisch kann Schlager sein. Wer hätte das gedacht?

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.